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SchreibWerkstatt

Neue Texte Frankfurter Autoren

Ernst Hilmer

Das PRO LESEN-Thema im Juli und August 2021

Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere

 

Schlager sind ein Befindlichkeitsthermometer der Gesellschaft. Besonders typisch dafür waren die 1950er Jahre, als einerseits der Kampf um einen angemessenen Platz in der Wohlstandsgesellschaft begann und andererseits Träume von einem ganz anderen Leben wach wurden. Aber auch die Protestbewegung von 1968 brachte neue Formen des populären Lieds hervor.
Die Frankfurter Literaturinitiative PRO LESEN erinnert an diese Zeitabschnitte.

 

Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen bleibt das Bibliothekszentrum Frankfurt-Sachsenhausen bis voraussichtlich Ende August geschlossen. Wir werden deswegen geplante Lesungen und Vorträge im monatlichen Rhythmus an dieser Stelle vorab vorstellen und darauf hoffen, sie ab dem Herbst in gewohnter Weise in der Bibliothek durchführen zu können

 

Kommentiert

Die Geschichte von Isch und Ischscha, von Mann und Männin

Die Frau in der Bibel; Genesis, Kapitel 2, Verse 21 - 23

 

„Da ließ der Ewige, Gott, Betäubung auf den Menschen fallen, dass er schlief; dann nahm er eine von seinen Rippen und umschloss sie statt ihrer mit Fleisch. Und der Ewige, Gott, baute die Rippe, die er von dem Menschen genommen, zu einem Weib und brachte es zu dem Menschen. Da sprach der Mensch: Diesmal ist das Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; sie soll Ischscha (Weib) heißen, denn vom Isch (Mann) ward sie genommen.“
 

Die Heilige Schrift
Neu ins Deutsche übertragen von Naftali Herz Tur-Sinai (Harry Torczyner)
The Jewish Publishing House Ltd., Jerusalem 1954

 

 

„Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen (Adam), und der schlief ein. Und Gott nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. […] Da sprach der Mensch (Adam): Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.“

 

Fünf bis sechs Jahrhunderte nach dem Ende des babylonischen Exils, als die erste umfassende redaktionellen Bearbeitung der bis dahin vorliegenden Texte der hebräischen Bibel stattfand, hielt Paulus im Ersten Brief an die Korinther (Kapitel 14, Verse 34 und 35) fest:
 

„Lasset die Frauen schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, dass sie reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. […] Wollen sie aber etwas lernen, so lasset sie daheim ihre Männer fragen. Es steht der Frau übel an, in der Gemeinde zu reden.“

 

Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments
nach der Übersetzung Martin Luthers
Revidierter Text 1964
Württembergische Bibelanstalt, Stuttgart 1970

 

Die feministische Linguistik ist seit ihrem Entstehen in den 1970er Jahren stark von archaischen Sprachbildern geprägt (besonders typisch sind diejenigen der Bibel), in denen die Frau dem Mann unterworfen ist. Das zeigt sich insbesondere beim sogenannten Gendern, das als geschlechtergerechte Sprache propagiert wird, obwohl ihre Wortkonstruktionen die weibliche Form von der männlichen abhängig machen. Dadurch entstehen komplizierte und kaum sprechbare Verbindungen. Vor allem wegen letzterem lehnt eine deutliche Mehrheit in den Ländern mit deutschsprachiger Bevölkerung das Gendern ab.
 

Während sich Sprache üblicherweise in der Form eines Entwicklungsprozesses an neue Gegebenheiten anpasst und dabei insbesondere Ausdrücke aus fremden Sprachen übernimmt, erweist sich Gendern als ein synthetischer Eingriff. Dabei wird die weibliche Form der männlichen mittels Asterisk (Sternchen), Gender-Gap (Unterstrich) oder Doppelpunkt angehängt. Dadurch soll das generische Maskulinum vermieden werden, das als abstrakte und allgemeingültige Form immer dann angezeigt ist, wenn sich Männliches und Weibliches nicht oder nur sehr umständlich sprachlich konkretisieren lassen. Das generische Maskulinum hat die deutschen Sprache im Verlauf von Jahrhunderten geformt, es hat einerseits ihre Fähigkeit zur Abstraktion deutlich erhöht und andererseits dazu beigetragen, dass sich die Sprachentwicklung in genuiner, also authentischer, Weise vollziehen konnte.
 

Da Sprache per se weder gerecht noch ungerecht ist, wird sie der Gleichbehandlung der Geschlechter nur dann gerecht, wenn sie nichts verschweigt und nichts beschönigt. Wenn das, was sich aussagen lässt, klar gesagt werden kann (so der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein). Gegenderte Sprache hingegen reduziert die im gesellschaftlichen Diskurs notwendige Komplexität, weil sie ihn auf Geschlecht und Sexualität beschränkt und obendrein eine Hierarchie neu einführt, die eigentlich als längst überwunden gilt.

 

Klaus Philipp Mertens