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89. PRO LESEN - Themenwoche Februar 2020

Die Strudlhofstiege

Heimito von Doderer
und seine Welt

 

Donnerstagabend-Lesung am 20. Februar '20, 19:00 Uhr:
"Wenn die Blätter auf den Stufen liegen..."
Passagen aus dem Roman
"Die Strudlhofstiege
oder
Melzer und die Tiefe der Jahre"

Anschließend Publikumsgespräch
Eintritt frei

 

Von Seltendenkern und Seltenschreibern

Ein Ministerpräsident äußert sich zur Rechtschreibung

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

„jeder Mensch braucht ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen, das ist gar keine Frage. Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten handschriftlich schreiben“, meinte unlängst der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Das klingt nach der Heiligsprechung der Dummheit.
 

Deswegen gestatte ich mir eine kurze Reflektion dieses Themas:

 

Sowohl die gesprochene als auch die geschriebene Sprache soll die Komplexität der menschlichen Lebensverhältnisse konkret und falls erforderlich abstrahierend wiedergeben. Das funktioniert aber nur, wenn der Einzelne über einen entsprechenden Wortschatz verfügt und sich in Grammatik, Semantik und Syntax professionell und ohne Hilfestellung weitgehend fehlerfrei bewegen kann.
 

Ebenfalls unverzichtbar ist die Richtigschreibung der Wörter. Denn letztere sollen die Logik der Sprache abbilden. Die Rechtschreibreform von 1996 wollte diesem Ziel näher kommen, allerdings stand sie unter der Prämisse der Vereinfachung der Regeln, insbesondere bei der Groß- und Kleinschreibung. Das ist nicht immer gelungen, weil Vereinfachung auch eine Simplifizierung bedeuten kann, die mitunter in Verfälschung endet. Auch die Zulassung unterschiedlicher Schreibweisen dient nicht immer der Sprachlogik. Wer viel schreibt und sich bemüht, korrekt zu schreiben, kann von all dem ein Lied singen.
 

Vor diesem Hintergrund hat es den Anschein, dass sich Winfried Kretschmann die Sache mit der Rechtschreibung zu einfach macht und ihre von der Sache her begründbare Vielschichtigkeit exakt dort reduziert, wo es auf Genauigkeit ankommt. Wenn er seine Meinung u.a. damit begründet, dass „wir heute nur noch selten handschriftlich schreiben“, übersieht er, dass handschriftliches Schreiben und das Schreiben am Computer denselben Grundanforderungen unterliegen (siehe oben). Und die „klugen Geräte“, von denen er sich die Korrektur von Fehlern erhofft, sind erfahrungsgemäß nur so intelligent wie ihre Schöpfer. Ganz abgesehen davon, dass ihr inflationärer Gebrauch zur Verblödung der Anwender führen könnte.
 

Geradezu gefährlich für unser Bildungssystem halte ich Winfried Kretschmanns Erwägung, die schulische Ausbildung an den jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Konkret also an das, was sich die Meinungsführer in der Konsumgesellschaft an Qualifikationen wünschen. Deren Prinzipien liefen auf eine neue Klassengesellschaft hinaus, die eindimensionale Persönlichkeiten auf verschiedenen Ebenen und Führer unterschiedlicher Ränge hervorbringt. Wer zu welcher Klasse gehört, erkennt man bereits heute vor allem am jeweiligen Bildungsgrad. Wenn Abiturienten trotz guter bis sehr guter Noten an den Universitäten selbst in den von ihnen favorisierten Fächern scheitern, ist das ein typischer Indikator für eine Fehlentwicklung. Auch in Kaufmanns- und Verwaltungsberufen bekommen Auszubildende (auch mit Abitur) erhebliche Schwierigkeiten, wenn ihnen die allgemeinbildenden Schulen den postulierten hohen Grad an Allgemeinbildung nicht vermitteln konnten.
 

Und noch einmal zurück zur Rechtschreibung: Selbstverständlich verändert sich Sprache, schließlich lebt sie mit den Personen, Gegenständen und Epochen, die sie zur Sprache bringt. Aber ihre Grundaufgabe, die Gesamtheit aller Tatsachen logisch und verständlich wiederzugeben, ändert sich nicht.
 

 

Bitte bleiben Sie kritisch, neugierig und uns gewogen.
Ihr Klaus Philipp Mertens