SchreibWerkstatt
Neue Texte Frankfurter Autoren
Sommerpause
Im Juli und August legt
PRO LESEN
eine Sommerpause ein.
Danach gibt‘s
einen heißen
Herbst
mit neuen Büchern
und Aktuellem
aus der Literaturszene.
Start am 17. September:
„Spannende
Geschichten“

Lesen bis der Zug kommt
Die Deutsche Bahn möchte aus ihrer Not eine Tugend machen. Wenn die Fahrgäste schon auf Züge warten müssen, sollen sie die Zeit mit literarischer Lektüre überbrücken können: „Lesen bis der Zug kommt“ heißt der Slogan.
Allzu viel traut der Eisenbahnkonzern seinen Kunden jedoch nicht zu. Denn sie müssen sich mit reduzierter Kost zufrieden geben. Klassiker und Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur werden mit Hilfe von KI auf Leichtverständliches reduziert. Und auf 5 Minuten komprimiert. Denn irgendwann kommt fast jeder Zug.
Der Betrieb, der Hochgeschwindigkeitszüge auf Schneckentempi reduziert und Fahrpläne als wenig verbindlich definiert, bedient sich dabei künstlicher Inkompetenz, die auf der natürlichen Dummheit deutscher Bildungsferner gründet. Auf diese Weise wird die Hochliteratur zur Primitivliteratur und damit überflüssig.
Als mich die Sexualisierung der Sprache durch völkische Feministinnen besonders ärgerte (völkisch, weil die Geschlechter hierarchisiert und Abhängigkeiten erzeugt werden), lud ich mir eine Testversion von ChatGPT herunter und forderte sie auf:
„Gendern Sie die Wörter Koryphäe und Genie. Bedenken Sie dabei, dass Ersteres ein generisches Femininum und Letzteres ein generisches Neutrum ist. Überdies gilt, dass Genien von Genius herkommt, aber inhaltlich nicht dessen Plural darstellt, sondern als formales Pluraletantum eine eigene Bedeutung besitzt.“
Die KI antwortete: „Ich verstehe dich nicht“.
Die Unterhaltungsabteilung der Bahn scheint eine ähnliche KI zu benutzen.
Romane, die gekürzt werden, sind die falsche Antwort auf nicht korrekt gestellte Fragen. Falls es an der Verständlichkeit scheitert, könnte es an Ausdrucks- und Grammatikfehlern liegen, für die Autoren und Lektoren verantwortlich sind. Besonders verbreitet sind solche Verlagsprodukte, die es auf die Auswahllisten zum Deutschen Buchpreis schaffen. Diese Marketingaktion wird vom Börsenverein des deutschen Buchhandels organisiert. Der pflegt in seiner Kommunikation ein Sprachgemisch aus Gendersemantik und Hochdeutsch. Das kann nur zum gesellschaftlichen Analphabetismus führen. Die Flut an New Adult- und New Romance-Romanen sind erste Vorzeichen einer Katastrophe.
Literarisch ambitionierte Texte hingegen überfordern Leser mit unzureichenden Deutschkenntnissen. Diese sind längst nicht nur bei Zuwanderern anzutreffen und beschränken sich keineswegs auf Absolventen der Hauptschulen. Das heilige deutsche Gymnasium ist zur Brutstätte des ungeschulten Literaturgeschmacks geworden. Zum einen verfügen nicht alle Schüler über die notwendigen Vorabqualifikationen. Zum anderen erlebe ich Deutschlehrer, die mit den Grundlagen der Sprache nicht vertraut sind. Die benutzen nach wie vor den Rechtschreib-Duden, obwohl er seit 22 Jahren nicht mehr die Funktion des Referenzwörterbuchs hat. Er wurde abgelöst vom „Amtlichen Regelwerk des Rats für deutsche Rechtschreibung“, das im Verlag des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache erschienen ist; 2. Auflage 2024.
Kommt bei Diskussionen über das Gendern die Rede auf das Epikoinon (das genderneutrale Maskulinum), weiß fast niemand mit diesem Begriff etwas anzufangen. Und wenn ich Gottlob Freges Sprachlogik im Zusammenhang mit Genderanhängseln erwähne und auf die Abhängigkeitsformel („Wenn A, dann B; B, falls A“) verweise, hört mir keiner mehr zu. Dann spare ich mir Hinweise auf Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ und erst recht auf Russells und North Whiteheads „Principia Mathematica“, dem Standardwerk der Aussagenlogik.
Oberschüler der 1950er- und 1960er-Jahre mussten das in Grundzügen lernen. Es war anstrengend bis überfordernd. Aber die meisten haben es verinnerlicht.
Präzise Sprache ist die Voraussetzung, um Sachverhalte und Prozesse zu digitalisieren, also in axiomatisch eindeutige Handlungsanweisungen zu übersetzen. Grundsätzlich bedarf das Denken der Komplexität. Wird Letztere reduziert, gehen notwendige Eigenschaften verloren. Dies trifft auch auf die Literatur zu.
Der in Berlin lehrende Literaturdidaktiker Marcel Humar hat sich dazu so geäußert: „Literatur entfaltet ihre Bedeutung nicht unabhängig von der Sprache, sondern gerade durch deren spezifischen Gebrauch“. Für ihn sind Rhythmus, Satzbau, Metaphern und Mehrdeutigkeiten keine Verzierung, sondern der Kern eines literarischen Werks.
Mit anderen Worten: Die Vertiefung in den Text gehört zum Wesen der Literatur. Wird ihr das durch sogenannte Vereinfachung genommen, bleibt ein lebloser Torso übrig, der noch nicht einmal zum Smalltalk taugt.
Der Verein PRO LESEN macht auf interessante Literatur aufmerksam, indem er ungekürzte Auszüge und ausführliche Inhaltsangaben veröffentlicht.
Bitte bleiben Sie uns gewogen und diskutieren Sie streitig.
Ihr Klaus Philipp Mertens

