Aktuelle Themenwoche

109. PRO LESEN - Themenwoche 17. - 22. Juni 2024

Denk ich an Deutschland ...

Jüdisches Denken und jüdisches Leben

© Westend Verlag

Das Pro Lesen-Thema widmet sich Fragen nach dem Wesen des Judentums in Deutschland, dem Verhältnis der Bundesrepublik zum Staat Israel und dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Hierzu gehören auch Strategien gegen den neu aufgekommenen Antisemitismus. Und zusätzlich die Beschäfti­gung mit den Ideen und Idealen namhafter jüdischer Persönlichkeiten, die auf ihre Weise das Geistesleben in Deutschland geprägt haben.

 

Leitgedanke: Erinnern.

 

Ein in vielen Varianten überlieferter Satz aus der jüdischen Tradition lautet: Das Vergessenwollen verlängert das Exil und das Geheimnis der Erlösung heißt „Erinnern“. Zugeschrieben wird er dem jüdischen Gelehrten Rabbi Israel ben Elieser, genannt Baal Shem Tov, was „Meister des guten Namens“ bedeutet. Er gilt als Begründer der Chassidim, einer mystischen Strömung im Judentums, die vorwiegend in Osteuropa verbreitet ist. Der Religionsphilosoph Martin Buber hat ihm in seinem Buch „Legenden des Baalschem“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

 

Die Aufforderung „erinnere Dich“ lautet im Hebräischen „Sachor“. In der hebräischen Bibel, dem Alten Testament“, wird das Wort 169 mal erwähnt. Für die jüdische Theologie ist Erinnerung ein Fundament des Glaubens. In ihr manifestiert sich das Handeln des geglaubten Gottes in der Geschichte des jüdischen Volkes. Man erinnert sich an die Urväter Awraham, Yitzchak und Yaakov, an den Auszug aus Ägypten, an das verheißene Land und nicht zuletzt an den Gott, der sich Moshe auf dem Berg Sinai als „Ich bin der, ich bin da“ vorstellte. Ein Volk, ein Land, ein Gott – das ist der Dreiklang in der jüdischen Selbstdefinition. Für den Staat Israel ist diese Erinnerung ein wichtiger Teil der ideellen Existenzsicherung.

 

Umso mehr irritierte ein Leitartikel des angesehenen Wissenschaftstheoretikers Yehuda Elkana in der Zeitung Haaretz im März 1988, der mit »Plädoyer für das Vergessen« überschrieben war. Elkana reagierte damit auf israelische Brutalitäten zu Beginn der ersten Intifada. Er wollte die Ursprünge der Brutalität ergründen und war der Ansicht, dass sie im Shoah-Komplex der israelischen Bevölkerung zu suchen sei. Sollte es tatsächlich so gewesen sein, verwundert es nicht. Denn der organisierte Massenmord der Nazis lastet als ewiges Trauma über den Juden.

 

Das unerwünschte Erinnern

 

Pro Lesen beschäftigte sich mit dem Thema Judentum und Holo­caust, soweit es in der Literatur manifest geworden ist, bereits im April 2016. Damals erinnerten wir an das Schicksal judenchristlicher evangelischer Pfarrer. Sie waren eine kleine Gruppe, etwa 90 Personen umfassend. Ihre Kirche lieferte sie gnadenlos den SS-Schergen aus. Die meisten wurden ermordet. Der evangelische Kirchenhistoriker Otto Prolingheuer machte dieses Verbrechen 1982 öffentlich, nachdem er in vielen Kirchenarchiven recherchiert hatte, dabei war er vor allem in den Landeskirchen Bayern und Württemberg auf Widerstand gestoßen. Die Neukirchener Verlagsgesellschaft, mein damaliger Arbeitgeber, ermöglichte das Erscheinen. Das Buch trug den Titel „Ausgetan aus dem Land der Lebendigen“. Ich hatte mehrfach Gelegenheit, mit dem Autor über das Projekt sprechen zu können, was mir Hintergründe eröffnete.

 

Drei Monate nach der Pro Lesen-Veranstaltung erreichte den Verein ein anonymer Brief. Darin wurden wir gewarnt, das deutsche Volk zu diffamieren. Sobald es sich aus der Bevormundung befreit hätte, müssten wir damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Eine beigefügte Skizze veranschaulichte, was mir blühen würde, nämlich die Guillotine.

 

Der Vorsitzende von Pro Lesen hat daraufhin Strafantrag gestellt wegen des Verdachts der Volksverhetzung gemäß § 130 StGB. Der Staatsschutz nahm Ermittlungen auf und übergab die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft.

Bis Ende 2023 erhielten wir exakt 39 ähnliche Droh- und Hassbriefe desselben Verfassers, einige auf Briefbögen der AfD. Unsere Antwort: 11 Strafanzeigen. Zweimal kam es zu Verhandlungen vor dem Frankfurter Amtsgericht. Der Verleumder wurde zu Geldstrafen um je 10.000 Euro verurteilt. Allerdings nicht wegen Volksverhetzung, sondern wegen Beleidigung. Das löste Irritationen aus. Allein die mehreren Pamphleten beigefügte Vorlage für ein Brettspiel mit dem Titel „Die Reise nach Auschwitz“ war ein Beispiel für Volksverhetzung. Dabei ging es darum:

Der Spieler, der eine 6 würfelt, darf aus dem Güterzug aussteigen und sich im Ghetto Theresienstadt erholen, also mit dem Würfeln dreimal aussetzen. Wer eine 5 würfelt, darf an der Rampe in Ausschwitz den Wunsch äußern, zunächst ins Arbeitslager zu kommen. Bei den Werten 1 bis 4 rückt man entsprechend dem Wert auf und erreicht das Ziel früher oder später.

 

Der engere Kreis von Pro Lesen und alle, die von ihm informiert wurden, waren entsetzt, aber nicht beleidigt. Und wir stellten uns die Frage, auf welche Weise der Rechtsstaat gegen Antisemitismus reagieren will, wenn er gegen das von uns dokumentierte Delikt nicht sofort mit der Härte des Gesetzes vorgeht?

 

Empört waren wir auch über die Plakataktion „Feldmann entsorgen. Jetzt“, mit der für die Abwahl von Oberbürgermeister Peter Feldmann geworben wurde. Das Motiv war fast vollständig von „Sauberkeitsinitiative #cleanffm“ übernommen worden, einer Aktion der Stabsstelle Sauberes Frankfurt, die zum Umweltdezernat gehört. Lediglich mit dem Unterschied, dass ein Mensch in der Mülltonne entsorgt werden sollte. Die Druckunterlagen des Originals befinden sich im Büro der Stabsstelle in der Frankfurter Gutleutstraße.

 

Entsetzen lösten auch zwei Bierzelt-Aktionen der Frankfurter „Grünen“ aus. Dort konnte man auf Bierdeckeln seine Meinung über Feldmann zu Papier bringen. Wenige Tage danach tauchten auf den Internetseiten der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ und der im selben Ungeist agitierenden Partei „Der dritte Weg“ die Hits dieser Aktion auf: „Ohne Dich macht Ignaz sich nicht vom Feld, Mann“ stand auf einem Deckel. Und auf einem anderen „Ohne Dich macht der Jude sich nicht vom Feld, Mann“.

Das offizielle Frankfurt ging trotz solcher Kollateralschäden zur Tagesordnung über. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein bzw. nahm sie gar nicht erst auf.

 

Der 7. Oktober 2023

 

Die geschilderten Vorgänge wurden wieder präsent, als wir von dem meuchelmörderischen Angriff der Hamas auf israelische Bürger am 7. Oktober hörten. Und wir versuchten uns vorzustellen, wie es deutschen Bürgern jüdischer Konfession gehen muss, wenn sie sich mit antisemitischen Beleidigungen, Aktionen und Angriffen konfrontiert sehen. Was geht in ihnen vor, wenn sie Augenzeugen von Demonstrationen der Hamas-Sympathisanten in Frankfurt werden? Aber auch: Wie sollten die anderen, wir, die Gojim, die vermeintlich nicht direkt Betroffen sind, reagieren?

 

Auf den Plakaten konnte ich lesen: Freiheit für Palästina. Freiheit von wem und von was, habe ich mich gefragt. Verstanden sie darunter die Befreiung von antidemokratischen, antisozialen, korrupten und terroristischen Gruppierungen, beispielsweise der Hamas oder der Hisbollah? Und ebenso von Islamisten?

Plakate mit der Aufschrift „Stoppt den Genozid in Gaza! Schluss mit der Besatzung Palästinas!“ zeigten jedoch, welche antihumanen und gewaltverherrlichenden Ideologen sich versammelt hatten.

 

Der Angriff auf Kibbuze am 7. Oktober 2023 belegt die kriminelle Gesinnung sowohl eines großen Teils der palästinensischen Führung als auch ihrer Anhänger und Mitläufer.

Denn die Kibbuz-Bewegung organisiert seit über einhundert Jahren das Zusammenleben auf genossenschaftlicher und basisdemokratischer Grundlage, mal unter zionistischen Vorzeichen, mal ohne. In diese Idee sind die Erfahrungen von Juden eingeflossen, die in der Diaspora, vor allem in Europa, unterdrückt wurden. Es ist durchaus angemessen, diese Form von Gemeinschaft als Kombination von Freiheit und demokratischem Sozialismus zu verstehen.

 

Die Verfechter eines Palästinenserstaats aus den Reihen von Hamas und Hisbollah hingegen sind zu etwas Ähnlichem bis heute nicht in der Lage. Stattdessen propagieren sie Gewalt, Attentate und Krieg. Auf sie dürften die Kriterien George Orwells zutreffen, die er in seinem Roman „1984“ dem fiktiven totalen Staat unterstellt: „Frieden ist Krieg“, „Freiheit ist Sklaverei“, „Unwissenheit ist Stärke“.

 

Das Gesellschaftsmodell der vermeintlichen Befreier ist von Feudalismus und Frühkapitalismus geprägt, es basiert auf der Ausbeutung des Menschen. Bündnispartner sind diktatorisch regierte Staaten wie Syrien, Irak, Iran, die Emirate und Saudi-Arabien, in denen ein Menschenleben nichts gilt. Im Iran, in Saudi-Arabien und China werden weltweit die meisten Todesurteile gefällt und vollstreckt.

Die Terrororganisation Hamas strebt einen Staat Palästina an, der sich vom Jordan bis zum Mittelmeer, vom Libanon bis Ägypten erstreckt. Das setzt die Auslöschung Israels voraus, was einen Genozid bedeuten würde.

Fazit: Gegenüber den Feinden der Freiheit, gegenüber den Feinden des Lebens kann es keine Toleranz geben.

 

Was ist zu tun?

 

Im Januar dieses Jahres wurde bekannt, dass sich Vertreter der AfD mit anderen Rechtsextremisten, etwa mit denen der „Identitären Bewegung“, getroffen und über eine staatlich organisierte Vertreibung von Migranten beraten hatten. Ich war an die „Wannsee-Konferenz“ erinnert, wo die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde.

 

Was ist angesichts solcher verfassungsfeindlichen Aktivitäten zu tun? Reicht es aus, beim Bundesverfassungsgericht einen Verbotsantrag gegen die AfD zu stellen?

 

Der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel illustrierte diese Frage und ähnliche, die sich nach der Shoah und dem neuen Antisemitismus viele stellten und stellen, mit einer kurzen Geschichte:

 

"Einer von den Gerechten kam nach Sodom, fest entschlossen, die Einwohner von Sünde und Strafe zu erretten. Tag und Nacht lief er über Straßen und Plätze und protestierte gegen Habgier und Diebstahl, Lügen und Apathie. Anfangs hörten die Menschen zu und lächelten ironisch. Dann hörten sie nicht mehr zu; sie fanden ihn auch nicht mehr komisch. Die Mörder mordeten weiter, die Weisen schwiegen, als gäbe es keinen Gerechten in ihrer Mitte.

Eines Tages kam ein Kind, das Mitleid mit dem unglücklichen Lehrer hatte, zu ihm und sprach:

»Armer Fremder, du rufst, du schreist, siehst du nicht, dass es hoffnungslos ist?«

»Doch, das sehe ich«, antwortete der Gerechte.

»Warum machst du dann weiter?«

»Das will ich dir sagen. Anfangs dachte ich, ich könne die Menschen verändern. Jetzt weiß ich, dass ich das nicht mehr kann. Ich rufe jetzt noch und ich schreie, weil ich die Menschen davon abhalten will, mich letztlich auch zu verändern.«

 

Ja, auch ich will nicht werden wie die. Und da ich zunehmend erkenne, dass es in den allermeisten Fällen nichts bringt, mit denen argumentativ zu streiten, weil sie für Argumente nicht mehr zugänglich sind, rufe und schreie ich wie Wiesels Gerechter. Und ich tue das in der Hoffnung, dass viele, viele andere das auch so machen. Und dass daraus eine sowohl qualitative als auch quantitative Mehrheit entsteht.

 

Juden prägten Deutschland. Aber wir wissen darüber zu wenig

 

Jüdische Denker und Forscher haben sowohl das deutsche Geistesleben als auch die Wissenschaft hierzulande geprägt. Manche Namen begegnen uns noch, weil Straßen, Plätze und wissenschaftliche Institute nach ihnen benannt wurden. Ich denke beispielsweise an Ludwig Börne, Moses Hess, Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, Ferdinand Lasalle, Franz Rosenzweig, Gershom Scholem, Felix Mendelssohn Bartholdy, Mayer Amschel Rothschild, Paul Ehrlich, Hermann Tietz, Max Liebermann, Albert Einstein, Walter Rathenau, Else Lasker-Schüler, Anna Seghers, Walter Benjamin, Kurt Weill, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Erich Fromm oder Marcel Reich-Ranicki.

 

Der Rabbiner Leo Baeck, der das deutsche Reformjudentum repräsentierte, charakterisierte in seinem Standardwerk „Das Wesen des Judentums“ dieses so:

 

„In den Gedanken des Judentums lag immer der Zwang des Weiterdenkens, der gebietende Drang zur Bewegung. ….Dem Juden erzählte die Vergangenheit, dass sein Leben von den Männern herkam, die seinen Glauben geboren hatten. Die Väter seines Stammes standen als die Väter seiner Religion vor ihm; er sprach das Wort von dem Gotte der Ahnen, dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit dem Tone des Kindes, in dessen Hand das Erbe gelegt ist. Und der Gedanke an die Zukunft sagte ihm, dass die kommenden Tage durch ihn leben würden, dass sein eigenes Dasein und seine Zukunft das Dasein des alten Gottes auf Erden seien …

Die Juden sind stets die Wenigen gewesen und eine Minderheit ist immer zum Denken genötigt, das ist der Segen ihres Schicksals ….

 

Da die jüdische Glaubenslehre im stetigen Ringen ums geistige Dasein erarbeitet werden musste, ist sie Religionsphilosophie geblieben …

 

Etwas Wagendes, ein Auf und Ab kommt damit in den jüdischen Glaubenskreis. Man hatte die Philosophie, aber man musste dafür ein anderes entdecken: die Bestimmtheit einer umschriebenen und stetigen Glaubenslehre, den sicheren Aufbau der Bekenntnisformel.

 

Weil sich seine Gedanken keiner Zeit bleibend zugesagt hatten, konnten sie vor die fordernde Gegenwart empfangend oder verweigernd hintreten und für den Geist der Zukunft dann wieder offen sein.

 

Die wahre Bedeutung der israelitischen Religion liegt in dem Wege, den sie aufwärts gegangen, in der Höhe, die sie erreicht und festgehalten hat, nicht in den Ansätzen, von denen sie aufgestiegen ist.

 

Der Weg des Fortschritts geht vom Paradoxon zum Gemeinplatz, von dem großen Widerspruch zur großen Selbstverständlichkeit.

 

Jede Zeit erlaubt ihre eigene Bibel … Philo, Akiba, Maimonides, Mendelssohn. Sie haben das gleiche Buch, und doch ist es jedem von ihnen in vielem ein anderes; man war sich bewusst, die Bibel immer neu zu schaffen.

 

Die Pflicht des Fortschritts gebietet das Weiterdenken und Vorwärtsschreiten.

 

Die Heilige Schrift ist als Ganzes gewissermaßen unausgearbeitet, unbeendet und systemlos, sie gibt nur Bruchstücke einer großen Konfession.

 

Die Aufgabe steht fest, nicht aber die Lösung.“

 

Ein anderer Gelehrter aus der Generation vor Leo Baeck war Hermann Cohen, ein Philosoph aus der Gruppe der Neukantianer, der letztere zu neuen Höhen führte und dieses mit jüdischem Denken verband. Micha Brumlik würdigte ihn in der „Jüdischen Allgemeinen“ im Mai 2020 mit diesen Worten:

 

„Er wurde 1842 als Sohn eines orthodoxen Synagogenkantors in Coswig geboren und besuchte das jüdisch-theologische Seminar in Breslau. 1865 promovierte er in Halle (Saale) mit einer erkenntniskritischen Arbeit. 1873 habilitierte er sich im neukantianisch geprägten Marburg im Fach Philosophie. Drei Jahre später übernahm er dort den Lehrstuhl des Neukantianers Albert Lange.

 

Hermann Cohen war Zeuge der glücklichsten Zeit des modernen deutschen Judentums, einer Zeit, die mit der staatsbürgerlichen Emanzipation der jüdischen Männer nach Bismarcks Reichsgründung 1871 begann und von der Hoffnung getragen war, dass Emanzipation und Fortschritt des deutschen Judentums, dem wachsendem Antisemitismus zum Trotz, weitergehen würden. In den letzten Jah­ren seines Lebens wurde Cohen als Mentor Franz Rosenzweigs noch Zeuge des Entstehens einer dialogisch geprägten Existenzphilosophie.

 

Hermann Cohens Hauptwerk war die »Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums«, posthum erschienen 1919.

Indes: Anders als immer wieder kolportiert, waren nicht Rosenzweig und Buber die Begründer der Dialogphilosophie, sondern eben Hermann Cohen. Zudem liegen Hinweise vor, dass auch Leo Baeck in dieser Zeit den Gedanken des »Mitmenschen« als Kern jüdischen Denkens fasste.

 

In den prophetischen Schriften der Hebräischen Bibel findet Cohen beispielhafte Formen der »Volksgenossenschaft«, der Gastfreundschaft, der Fremdengesetzgebung im Bunde Gottes nicht nur mit Israel, sondern mit allen Menschen.

 

Es ist vor allem die prophetische Predigt mit ihrer Ausrichtung auf irdische Gerechtigkeit, in der der Begriff des »Mitmenschen« zum ersten Mal zur Entfaltung kommt. Damit will der Kantianer Cohen zeigen, dass die Religion die Forderungen der praktischen Vernunft nicht nur anschaulich illustriert, sondern sie über die Erfahrung von Leid, Mitleid und Mitmenschlichkeit, wie sie in der Hebräischen Bibel entfaltet sind, allererst begründet.“

 

 

 

 

 

 

Denk ich an Deutschland …
Vorwort der Autoren Moshe Zimmermann und Moshe Zuckermann

 

Deutschland ist in Israel ein heikles Thema. Die berufliche Beschäftigung beider Autoren des vorliegenden Bandes wendet sich (dennoch) gerade diesem Thema zu, der deutschen Geschichte und dem zeitgenössischen Diskurs über diese Geschichte. Der Band ist das Ergebnis eines Dialogs, den wir ein Dreivierteljahr, von April 2021 bis Januar 2022, miteinander geführt haben. Es handelt sich um eine fortlaufende E-Mail-Korrespondenz in wechselndem Rhythmus, der einerseits durch die Zwänge unserer anderen Aktivitäten und Verpflichtungen, andererseits aber durch das drängende Bedürfnis, uns mit dem zu befassen, was dieses Buch zu erörtern trachtet, bestimmt wurde. Der Inhalt dieses Buches mag als eine Art Bilanz (vielleicht auch nur Zwischenbilanz) dessen gewertet werden, womit wir uns als Professoren und public intellectuals seit rund fünfzig Jahren beschäftigen*: der vielschichtigen Geschichte Deutschlands, der Geschichte des Zionismus sowie der Wechselbeziehung zwischen beiden Geschichten samt der sich von ihr ableitenden Themenkomplexe – der Shoah der europäischen Juden, dem israelisch-palästinensischen Konflikt, dem Antisemitismus und seiner Vereinnahmung für fremdbestimmte Zwecke, der israelisch-zionistischen politischen Kultur und ihrer (deutschen) Wurzeln im 19. Jahrhundert und anderer Fragen, die sich aus unserem bewegten Dialog ergaben. Kurze Zeit nach Abgabe des Manuskripts zur Veröffentlichung wurden wir dann von einem neuen relevanten Ereignis, einem Krieg in Europa, überrascht, und wir hielten es für notwendig, auch dieses Ereignis im Nachtrag zu erörtern, um unseren Dialog abzuschließen.

 

Die Logik einer Bilanz in Dialogform liegt darin, dass wir uns in unseren historischen und politischen Anschauungen zwar nah sind, aber nicht so nah, dass die Unterschiede unserer Positionen oder die Verschiedenheit unserer Biografien einen regen Austausch verhindern würden, wobei sie zugleich einen willentlich polemischen Ton ausschließen. Den Lesern wird der ehrliche Versuch angeboten, die Dinge auf gemeinsamer Basis eingehend zu durchleuchten und Nuancen zu erörtern, die der öffentliche Diskurs zumeist in simplifizierender Eindimensionalität, zuweilen auch in selbst auferlegter Blindheit anzugehen neigt. Es ist anzunehmen, dass die Ergebnisse des von uns geführten Dialogs sich nicht in den israelischen Konsens einfügen, und manche werden in ihnen wohl eine säkulare Häresie gegen Zentralpostulate der israelischen Staatsideologie und die Hegemonie ihrer Apparate sehen wollen. Auch eine typische Reaktion, die sich des »Man kann nicht vergleichen« bedient, ist zu erwarten.

Eine solche Rezeption unseres Denkens ist uns nicht neu, wir sind an sie gewöhnt, nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland. Man darf gleichwohl hoffen, dass die Debatte um die wie immer kontroversen Thesen und Postulate so sachlich wie möglich geführt werden wird. Unter dem Titel Public Historians1 ist jüngst in Deutschland eine Aufsatzsammlung erschienen, die sich mit im Mittelpunkt öffentlicher historischer Debatten in Deutschland stehenden Personen und Themen befasst. In Deutschland sind solche Debatten eine geläufige Erscheinung, wovon das Feuilleton in den respektablen Zeitungen ein beredtes Zeugnis ablegt. Unser Dialog ergänzt diesen von einer Nabelschau geprägten innerdeutschen Diskurs durch eine von außen kommende Sichtweise, die sich (auch) an ein nichtdeutsches Publikum richtet. Es mag sich die Frage stellen, ob dies die angemessene Form ist, sich mit solch gewichtigen Themen auseinanderzusetzen. Einerseits dürfte klar sein, dass ein forschungsmäßig geordneter, sich ins Detail akribisch vertiefender Schreibduktus ein systematischeres, vielleicht auch »verantwortungsvolleres« Ergebnis im Hinblick auf die Tiefendimensionen des Erörterten hätte hervorbringen können. Wir haben uns hingegen von vornherein auf je höchsten zwei bis drei Seiten zu jeder Frage im Verlauf des Dialogs beschränkt, was einem breiteren Publikum Einblick in die komplexen Bereiche eröffnen soll. Außerdem steht außer Zweifel, dass gerade die dialogische Ping-Pong-Dynamik, die keiner strikt eingehaltenen Ordnung unterliegt, Perspektiven und Debattendimensionen erzeugt hat, die keiner von uns hätte allein hervorbringen können. Wer darüber hinaus gewillt ist, die Erzeugnisse unserer Forschung zu prüfen, ist eingeladen, dies zu tun. Vielleicht wird dies auch helfen, die häufige Verwechslung zwischen den beiden sich mit Deutschland befassenden Moshes endlich zu überwinden. Wie dem auch sei, der Dialog ist vollendet, das Urteil obliegt nun den Lesern.

 

Moshe Zimmermann und Moshe Zuckermann
Israel, im Mai 2023

© Westend Verlag, Frankfurt a.M.

 

 

Bibliografische Daten

 

Moshe Zimmermann; Moshe Zuckermann
Denk ich an Deutschland ...
Ein Dialog in Israel
304 Seiten. Hardcover
Ladenpreis 25,00 Euro
Westend Verlag
ISBN 978-3-86489-402-2