Aktuelle Themenwoche

110. PRO LESEN - Themenwoche 19. - 24. Februar 2024

Gesang zwischen den Stühlen

Eine Revue aus Anlass von Erich Kästners 125. Geburtstag am 23. Februar

 

Der am 23.2.1899 in Dresden geborene und am 29.7.1974in München verstorbene Schriftsteller Erich Kästner besuchte vier Jahre das Lehrerseminar in Dresden, holte, nach dem Militärdienst 1917/18, das Abitur nach, studierte in Leipzig, Rostock und Berlin Germanistik, Geschichte, Philosophie und Theaterwissenschaften und promovierte 1925 mit einer Arbeit über Friedrich den Großen und die deutsche Literatur.
 

Seine journalistische Laufbahn begann er als Redakteur bei der »Neuen Leipziger Zeitung«. Nach seinem Umzug nach Berlin arbeitete er als freier Mitarbeiter u.a. für die »Weltbühne« u. die »Vossische Zeitung«. In rascher Folge publizierte er in der Endphase der Weimarer Republik Gedichtbände, Kinderbücher und den Roman Fabian, die 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. Kästner, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz aufhielt, kehrte nach Deutschland zurück, weil er es als seine Pflicht ansah, später Zeugnis von jenen Jahren zu geben.
 

Während des Dritten Reichs veröffentlichte er aus schließlich im Ausland, er wurde mehrmals verhaftet und wieder freigelassen und erhielt 1943 ein auch für das Ausland geltendes totales Schreibverbot. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs siedelte er nach München über, wo er Feuilletonchef der von den Amerikanern herausgegebenen »Neuen Zeitung« wurde. Er gehörte zu den Mitbegründern der Kabaretts »Die Schaubude« und »Die kleine Freiheit«, für die er zahlreiche Texte verfasste. 1951 wurde er zum Präsidenten des westdeutschen PEN-Zentrums ernannt. Er bemühte sich intensiv um die Reorganisation des literarischen Lebens der BR Deutschland. Ende der 60er Jahre zog er sich völlig aus dem öffentlichen Leben zurück.
 

»Er ist ein Moralist. Er ist ein Rationalist. Er ist ein Urenkel der deutschen Aufklärung, spinnefeind der unechten ›Tiefe‹, die im Lande der Dichter und Denker nie aus der Mode kommt, Untertan und zugetan den unermesslichen Forderungen: nach der Aufrichtigkeit des Empfindens, nach der Klarheit des Denkens und nach der Einfachheit in Wort und Satz.« So hat Erich Kästner sich selbst 1949 vor dem deutschen PEN-Club charakterisiert. Die persönliche Integrität und die Einfachheit und Verständlichkeit seiner Sprache haben ihn in der Weimarer Republik zu einem der populärsten Autoren gemacht. Die Kritik meldete dagegen Skepsis an gegenüber dem allzu Unernsten, allzu Schnoddrigen u. Amüsanten der Texte. Mit seiner politischen Haltung, die sich jeder Ideologie verweigerte und allein auf gesunden Menschenverstand setzte, eckte er in allen politischen Lagern an.
 

Kästner hat, zumal in den Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre publizierten Gedichtbänden (Herz auf Taille, Lärm im Spiegel, Ein Mann gibt Auskunft,Gesang zwischen den Stühlen die (Alltags-) Wirklichkeit des »kleinen Mannes« zur Sprache gebracht. Thematisch und stilistisch zeichnet diese Bände eine weitgehende Einheitlichkeit aus, die Kästner auf den Begriff der »Gebrauchslyrik« gebracht hat. Seine Gedichte beschäftigen sich mit den sozialen und wirtschaftlichen Sorgen der kleinen Leute, die ebenso anschaulich wie anteilnehmend dargestellt werden. Mit satirischer Schärfe kritisiert er Gleichgültigkeit, Passivität und Resignation als Reaktionen auf die vermeintlich unabwendbare Misere. Besonders bedeutsam sind seine pazifistischen Gedichte, die gegen den Krieg als Wirtschaftsfaktor opponieren.
 

Fabian, die Geschichte eines Moralisten (1931) ist ein Beispiel neusachlicher Prosa und neben Heinrich Manns Untertan, einer der politischsten deutschen Romane des frühen 20. Jahrhunderts. Die in Episoden erzählte, um die Figur des Germanisten Dr. Jakob Fabian angeordnete Geschichte vom sittlichen Verfall Berlins, vom politischen Untergang der Republik sollte als Warnung dienen vor fragwürdigen Ideologien, vor einem in Parolen verpuffenden Aktionismus, vor einem fatalistischen, alles gesellschaftliche und politische Bemühen im Keim erstickenden Pessimismus.
 

Die während des Dritten Reichs entstandenen, in einem Schweizer Verlag publizierten Romane Drei Männer im Schnee (Zürich 1934), Die verschwundene Miniatur (Zürich 1935) und Georg und die Zwischenfälle (Zürich 1938, ab der zweiten Auflage Der kleine Grenzverkehr betitelt) verzichten auf alle gesellschafts- u. sozialkritischen Elemente; sie sind in einer entpolitisierten Wirklichkeit angesiedelt und entwerfen teilweise klischeehafte Bilder einer idyllischen Welt.
 

Die größten, auch internationalen Erfolge konnte Kästner mit seinen Kinderbüchern feiern. Emil und die Detektive (1928), Pünktchen und Anton (1930), Das fliegende Klassenzimmer (1933) oder Das doppelte Lottchen (1949) sind in 34 Ländern und in 40 Sprachen erschienen. Kästners kindliche Helden, als maßstabsetzende Vorbilder konzipiert, entwickeln bzw. verkörpern die für ihn zentralen menschlichen Tugenden: Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit und Nächstenliebe.
 

Den ursprünglich geplanten großen Roman über die Zeit der NS-Diktatur hat Kästner in der Nachkriegszeit nicht geschrieben. Seine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, seine Besorgnis angesichts der erneuten Militarisierung, seine vehemente Forderung nach einer neuen verbindlichen Moral finden sich verstreut in einer Fülle von Essays, Reden, Vorträgen und Zeitungsartikeln. Mit engagierten Liedern, Szenen u. Dialogen begleitete er auch in den beiden von ihm mitbegründeten Kabaretts die ersten Jahre der BR Deutschland. Hier knüpfte er am unmittelbarsten an die satirische. Schärfe und den pädagogischen Impuls der Vorkriegsarbeiten an.
 

Als Kinderbuchautor ist K. nach wie vor populär. Die Literaturwissenschaft behandelt den Lyriker, Romancier und Essayisten, wie zu Lebzeiten die Literaturkritik, eher stiefmütterlich, mit Tadel und Strenge, häufiger noch mit Nichtbeachtung.