Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Aktuelle Themenwoche

80. PRO LESEN-Themenwoche März 2019

Entblößung und Verblödung durch (a)soziale Medien

(c) PRO LESEN e.V.

Aktualität und Brisanz dieses Themas werden durch Presse- und Rundfunkmeldungen aus den letzten Wochen deutlich:

Datenmissbrauch und Fake News
Facebook als "digitale Gangster" angeprangert

Bewusste Verstöße gegen Datenschutz und Wettbewerbsrecht, fehlender Respekt für das Parlament und zögerliches Vorgehen gegen Fake News: Das britische Parlament hat schwere Vorwürfe gegen Facebook erhoben.
Facebook hat nach Einschätzung des britischen Parlaments "vorsätzlich und wissentlich" gegen Datenschutz- und Wettbewerbsrecht verstoßen. In einem Bericht fordern Abgeordnete eines Ausschusses zum Thema Desinformation und Fake News, dass Social·Media·Unternehmen für Inhalte, die auf ihren Seiten geteilt werden, Verantwortung übernehmen.
Unternehmen wie Facebook sollten sich nicht wie "digitale Gangster" in der Online-Welt verhalten dürfen, heißt es in dem Bericht. Social-Media·Unternehmen könnten sich nicht darauf zurückziehen, lediglich eine "Plattform" zu sein und behaupten, dass sie selbst keine Verantwortung für die Inhalte ihrer Seiten tragen. Daher empfehlen die Parlamentarier, eine neue Kategorie von Technologieunternehmen zu definieren, die sowohl "Plattform" als auch "Publisher" sind.
Seit 2017 untersuchten Parlamentarier, welche Rolle Fake News und Desinformation beim US-Wahlkampf sowie beim BrexitReferendum hatten. Sie fordern, die britische Regierung müsse eine weitere Untersuchung beauftragen, um das Unabhängigkeitsreferendum in Schottland 2014, das EU-Referendum 2016 sowie die britische Parlamentswahl2017 im Hinblick auf ausländische Eintlussversuche, Desinformation sowie Missbrauch von Daten aus sozialen Netzwerken zu analysieren.
Die Abgeordneten werfen Facebook in einem Kapitel des Berichts beispielsweise vor, die Öffentlichkeit und den Ausschuss absichtlich nicht über russische Einflussversuche bei Wahlen in anderen Staaten unterrichtet zu haben. Aus internen Papieren gehe hervor, dass Facebook bereits 2014 Hinweise vorliegen hatte, wonach russische Firmen Millionen Datensätze ausgelesen hätten. Die entsprechenden Papiere veröffentlichte das britische Parlament.
Der Bericht befasst sich auch mit dem Datenskandal um Cambridge Analytica. In dem Fall hatte der Entwickler einer Umfragen-App vor rund fünf Jahren Informationen von Dutzenden Millionen Facebook-Nutzern an die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica weitergegeben.

In dem Parlamentsbericht heißt es nun, Facebook sei bereit, sich über Datenschutzeinstellungen seiner Nutzer hinwegzusetzen, um Daten an App-Entwickler weiterzugeben. Die Parlamentarier fordern einen verbindlichen Verhaltenskodex, auf dessen Basis Technologieunternehmen gegen "schädliche und illegale Inhalte" auf ihren Seiten vorgehen müssten. Eine unabhängige Regulierungsbehörde sollte dies überwachen und hohe Bußgelder verhängen, wenn Unternehmen sich nicht daran hielten, heißt es in dem Bericht des Ausschusses für Digitales, Kultur, Medien und Sport.
Besonders in der Kritik steht Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Dieser zeige nicht das Verantwortungsbewusstsein, wie man es von einem Chef eines der größten Unternehmen der Welt erwarten sollte. Die Abgeordneten werfen Zuckerberg zudem eine Missachtung des britischen Parlaments vor, weil er sich geweigert hatte, dort zum Umgang mit Nutzerdaten auszusagen.

Facebook ging nicht im Detail auf die Vorwürfe ein, sondern teilte lediglich mit, das Unternehmen sei offen für sinnvolle Maßnahmen zur Regulierung. Ein Sprecher ergänzte, Facebook sei nicht mehr dasselbe Unternehmen wie vor einem Jahr und habe bereits substantielle Maßnahmen realisiert.

Dieser Artikel basiert auf einer Meldung von „tagesschau.de“ vom 18.02.2019.

Am 25.01.2019 berichtete „tagesschau.de“ Folgendes:

 

Bericht der "New York Times"
Zuckerberg will Chatdienste verschmelzen

Nach dem Kauf von WhatsApp und Instagram sicherte Facebook-Chef Zuckerberg den Diensten Autonomie zu. Das könnte sich nun ändern. Nach Medienberichten sollen die Chatdienste integriert werden - mit weitreichenden Konsequenzen.
 

Facebook-Chef Mark Zuckerberg will offenbar WhatsApp, Instagram und Facebook-Messenger enger zusammenführen. Die Nutzer der drei bisher unabhängigen Programme sollen in Zukunft direkt miteinander kommunizieren können. Dies berichtet die "New York Times", die nach eigenen Angaben von vier Mitarbeitern des Konzerns darüber informiert wurde. Es ist anzunehmen, dass es innerhalb der Unternehmens darüber Streit gibt. Demnach haben bereits mehrere Mitarbeiter wegen der internen Ankündigung Zuckerbergs das Unternehmen verlassen oder haben dies angekündigt.

Die Neuausrichtung würde es ermöglichen, Nachrichten zwischen den Chatprogrammen auszutauschen - also zum Beispiel vom Facebook Messenger zu WhatsApp. Außerdem sollen dann alle drei Apps verschlüsselte Kommunikation ermöglichen.

Nach Informationen der "New York Times" sollen mehrere Tausend Beschäftigte die Änderungen umsetzen, die Ende dieses oder Anfang kommenden Jahres abgeschlossen sein sollen. Die Vereinheitlichung sei sehr aufwändig, weil die Funktionsweise grundlegend neu programmiert werden müsse.
 

Der IT-Konzern bestätigte die Pläne nur indirekt. Man arbeite immer an der Verbesserung der Chatfunktionalität und am Ausbau der Verschlüsselungsoptionen.

Die "NewYork TImes" vermutet, dass Zuckerberg sich höhere Werbeerlöse erhofft, indem er Nutzer länger in Programmen des Unternehmens verweilen lässt. Eine längere Verweildauer wiederum ließe sich dafür nutzen, mehr personalisierte Werbung anzeigen zu lassen.
 

Das IT-Unternehmen hat sich noch nicht dazu geäußert, ob die Integration auch Änderungen beim Datenschutz nach sich zieht. Der Datenskandal um Cambridge Analytica hatte Facebook im vergangenen Jahr eine schwere Krise beschert. Schon seit den US-Präsidentenwahlen 2016 steht das Soziale Netzwerk zunehmend in der Kritik, weil es einfach war, über die Plattform politische Propaganda und Lügen zu verbreiten.

Beide Berichte beleuchten einige der Aspekte, die PRO LESEN in der Veranstaltung am 21. März im Bibliothekszentrum Sachsenhausen zur Sprache bringen wird (Beginn 19:00 Uhr, der Eintritt ist frei). Der Titel der Lesung lautet:
 

Vom Leben als Digitalsklave
Literarische Zwischenrufe zum Ungeist der Zeit

Neben einer grundsätzlichen Erörterung des Themas lesen wir Abschnitte aus zwei Büchern. Zum einen aus „Götz Aly/Karl Heinz Roth: Die restlose Erfassung“ (erschienen 1984), zum andern aus „Andreas Eschbach: NSA“ (erschienen 2018).

Während der gesamten Woche vom 18. bis zum 23. März werden auf dem Büchertisch neue Veröffentlichungen zu diesem Komplex ausgestellt. Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten der Bibliothek zugänglich.