Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Aktuelle Themenwoche

Das PRO LESEN - Thema im März 2021

Erinnerung an den Lyriker und Romancier Georg von der Vring

„O ewich is so lanck“

 

Die Titelzeile dieses Beitrags ist einer Inschrift am Oldenburger Gertrudenfriedhof entnommen. Einst inspirierte sie den Schriftsteller Georg von der Vring zu einem Gedicht, in welchem er die Gräuel des Ersten Weltkriegs, die er aus unmittelbarer Nähe erleben musste, verarbeitete:

 

„Es glüht der Mond auf Gräber hin.
Mir schläft schon mancher Freund darin.
Sie sind so fern wie Mond und Stern.
O ewig ist so fern.“

 

Georg von der Vring wurde am 30. Dezember 1889 in Brake (Oldenburg) geboren. Am 1. März 1968 bargen ihn Bundeswehrpioniere tot aus der Isar in München; vermutlich hatte er sich selbst das Leben genommen – anscheinend aus Liebeskummer. Seit 1951 lebte er in München. Seine Heimat in der Wesermarsch hatte er bereits 1927 verlassen und war zunächst ins Tessin und dann nach Wien gezogen, später nach Stuttgart und Schorndorf (Remstal). Doch die Landschaft an der Unterweser, in die er häufig als Besucher zurückkehrte, hat ihn nachhaltig geprägt, was insbesondere in seiner Naturlyrik zum Ausdruck kommt.
 

In ähnlichem Maße hat auch, wie aus dem zitierten Vers erkennbar ist, das persönliche Erleben des Ersten Weltkriegs unauslöschliche Spuren hinterlassen. Davon zeugt sein 1927 erschienener Antikriegsroman „Soldat Suhren“, der zunächst mehr Leser fand als Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, der ein Jahr später, 1928, erschien. Immerhin konnten etwa 300.000 Exemplare verkauft werden. Vring verfasste noch drei weitere Romane, die sich kritisch mit dem Thema Krieg auseinandersetzen: „Camp Lafayette“ (1929), „Der Wettlauf mit der Rose“ (1932), „Der Goldhelm“ (1938) und „Magda Gött“ (1948).
 

Vring entstammte einer Seefahrerfamilie. Nach Absolvierung der Realschule besuchte er von 1904 bis 1910 das Evangelische Lehrerseminar in Oldenburg. Im Anschluss war er zwei Jahre Lehrer in Horumersiel an der Nordsee, darauf folgte der einjährig-freiwillige Militärdienst. Dann studierte er von 1912 bis 1914 an der Königlichen Kunstschule in Berlin und arbeitete daraufhin erneut als Zeichenlehrer. Während dieser Zeit veröffentlichte er einen ersten Band mit Gedichten unter dem Titel „Muscheln“, der im Selbstverlag erschien. 1916 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und kämpfte an den Fronten in Russland und Frankreich. Er erlitt mehrere Verwundungen und geriet 1918 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1919 war er ein Jahrzehnt Zeichenlehrer in Jever. 1925 erschien sein Gedichtband „Südergast“.
 

Der große (literarisch wie kommerzielle) Erfolg des antimilitaristischen „Soldat Suhren“ gestattete ihm ein Leben als freier Schriftsteller und Maler. Obwohl er als linksliberaler Künstler keine Sympathien für den Nationalsozialismus hegte, wurde er dennoch Mitherausgeber einer Buchreihe, in der kriegsverherrlichende Erlebnisse von Frontsoldaten publiziert wurden. Auch schloss er sich dem „Eutiner Dichterkreis“ an, einer eindeutig nationalsozialistisch ausgerichteten Vereinigung. Sein 1938 erschienener Roman „Der Goldhelm“ lässt sich erneut als Distanzierung vom Krieg in allen seinen Formen und indirekt auch als Ablehnung der Ziele des NS-Staats verstehen. Vrings Heroisierung des leidenden Frontsoldaten, der künftig jedem Krieg den Kampf ansagt, bot den Nazis jedoch die Möglichkeit zum Missbrauch. In der Hörspielfassung des „Goldhelms“, an der Vring nicht beteiligt war, ist nicht mehr die Völkerverständigung das Thema, sondern der ewige „völkische“ Kampf. Er nahm diese Umwertung jedoch widerspruchslos hin.

 

Erst nach der Nazi-Diktatur bekannte er öffentlich:

 

„Die Schwerter der Krieger sind härter
Als die Schwerter der Lilien im Garten,
Doch ein Lilienblatt ist mir werter
Als ein Schwert voller Rinnen und Scharten.“
 

Um das Leben als freier Autor finanzieren zu können, schrieb er Unterhaltungsromane, in denen er jede Anknüpfung an das Kulturverständnis des Dritten Reichs vermied. In dieser Phase, 1936, entstand sein größter Erfolg, kommerziell noch größer als der „Soldat Suhren“, nämlich der Kriminalroman „Die Spur im Hafen“. Etwa 450.000 Exemplare wurden davon verkauft. Er spielt in seiner Heimatstadt Brake, die an der seeschifftiefen Unterweser liegt und in deren Hafen einst die kleine Marine des Deutschen Bundes stationiert war, die unter dem Kommando des Admirals Karl Rudolf Bromme, genannt Brommy, stand. Wenn man das (längst vergriffene) Buch heute aufschlägt, überrascht der Klappentext, der sehr modern anmutet:
„„In einer kleinen norddeutschen Hafenstadt ereignet sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein mysteriöser Todesfall. Der junge Neffe des vermeintlich Verunglückten, Assessor am Hamburger Seeamt, kommt nach Werderfleth, um das Vermächtnis zu übernehmen. Die geheimnisvollen Umstände, die mit dem Tod seines Onkels verbunden sind, lassen ihn nicht ruhen und zwingen ihn, die Spur des Mörders zu verfolgen.“
 

Vrings Prosa war sehr zeitgemäß, sie bediente sich gängiger Themen, die von ihrem Autor literarisch ambitioniert bewältigt wurden. Seine Lyrik hingegen war zeitlos. Seinen Gedichten, die sich auf den ersten Anschein hin manchmal in allzu naiver Weise zu reimen scheinen, wohnt jene Einfachheit inne, die typisch ist für das Geniale. Er selbst sprach vom „Einfachen in der Dichtung“, das zu erreichen die schwerste und höchste schriftstellerische Leistung sei. Sein Bezugspunkt war dabei die Natur, die er auf sentimentale, aber keineswegs tümelnde Weise wahrnahm und die er häufig als Schwermut auslösende Empfindungen artikulierte, der er aber auch in gleichem Maße Trost und Hoffnung entnahm.
Sein Schriftstellerkollege Peter Hamm nannte ihn einen „Meister des Liedes“, nicht unweit liegend vom Werk eines anderen lyrischen Meisters, der mit vermeintlich leichter Hand das Wesentliche des Lebens in einfache Reime fasste; die Rede ist von Heinrich Heine.
 

Auf die Frage, was von seiner Dichtung bleiben würde, antwortete Vring: „Vielleicht einhundert gute Gedichte. Trotz dieses Scheißlebens.“ Als Resümee könnte eines seiner bekannteren Poeme stehen, dessen erster Vers lautet:

 

„Am liebsten hab ich gelebt
Im Schleier verregneter Gärten.
Hier fanden mich gute Gefährten.
Wir haben nach Hohem gestrebt.“
 

 

K.P.M.