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Kirchenland scheint abgebrannt

Mehr als 500.000 Austritte aus katholischer und evangelischer Kirche

(c) Deutschlandfunk

Die Zahlen sind eindeutig, hingegen sind die offiziellen Deutungen dieses Auszugs von fehlender Erkenntnis auf Seite der Verantwortlichen geprägt. Im Jahr 2019 haben 272.771 Mitglieder die katholische Kirche verlassen, das waren 56.770 mehr als in 2018. Die evangelische Kirche hat ca. 270.000 verloren, eine Zunahme von 59.400 gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtverlust beträgt ca. 542.770 Menschen; das sind mehr, als die Stadt Hannover Einwohner hat. Damit gehören insgesamt nur noch 52,1 Prozent der Deutschen einer der beiden christlichen Konfessionen an. Freiburger Wissenschaftler prognostizieren bis 2060 sogar einen Rückgang auf die Hälfte des heutigen Bestands.

Es hat den Anschein, dass die Christen zu einer Minderheit werden. Diese Vermutung ist nicht neu. Bereits zur Jahresmitte 1986, also vor 34 Jahren, legte das Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Studie zum Weg der Kirche angesichts der bereits damals steigenden Austrittszahlen vor. Ihr Titel lautete „Christsein gestalten“ (erschienen im Gütersloher Verlagshaus). Wenn der Ratsvorsitzende der EKD, der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, nunmehr ankündigt, die erhöhten Austrittszahlen vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD untersuchen lassen zu wollen, hätte er zunächst in der erwähnten Studie nachschlagen sollen. Denn darin sind die wesentlichen Gründe für die nachlassenden Bindungen bereits sehr klar benannt: Traditionen verlieren an Bedeutung; es findet ein massiver Rückgang von Schnittstellen zwischen allgemeiner Lebenspraxis, Glaubensinhalten und kirchlichem Wirken statt; die Vernachlässigung theologischer Aussagen zu Gunsten von Gemeindefrömmigkeit, Liturgie und Passageriten ist zu beklagen. Die Empfehlungen der Studiengruppe zur umfassenden Analyse faktischer Übereinstimmungen von allgemeiner Lebensgestaltung und kirchlichen Angeboten, insbesondere auf den Feldern Arbeitswelt, Jugend- und Frauenarbeit, ehrenamtlichem, speziell diakonischem Engagement und Umweltbewusstsein, wurden in der Folge entweder gar nicht oder nur dilettantisch umgesetzt.
 

Der evangelische Theologe Michael Welker (damals Ordinarius für Reformierte Theologie in Münster, später Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie in Heidelberg) veröffentlichte nach dem Erscheinen von „Christsein gestalten“ eine Streitschrift namens „Kirche ohne Kurs?“ (Neukirchener Verlag), mit der er die halbherzig geführte Diskussion auf den Punkt brachte und eine Umkehr anmahnte. Die Reaktionen der offiziellen Kirche auf die veröffentlichten Zahlen von 2019 zeigen, dass sich am kurslosen Dahinsteuern in über drei Jahrzehnten nichts geändert hat. Vor allem auf den Ebenen der Kirchenleitung (evangelische Landeskirchen und EKD, mutmaßlich aber auch bei katholischen Diözesen und Katholischer Bischofskonferenz) herrschen unprofessionelles und anti-theologisches Handeln vor.
 

So empfiehlt der Präsident der Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, der auch Verwaltungsratsvorsitzender des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) ist, eine stärkere Nutzung der digitalen Medien. Eine solche Äußerung irritiert alle Insider. Denn sie unterschlägt das Versagen der evangelischen Publizistik auf sämtlichen Feldern. Wenn die Inhalte kirchlicher Aussagen beliebig werden und sich kaum noch jemand von ihnen angesprochen fühlt, ist die Form ihrer Verbreitung unerheblich. So haben Kirchenfunk und Fernsehgottesdienste die inhaltlichen Defizite der Kanzelpredigt samt ihrer Reichweite nicht ausgleichen können. Der von Herrn Jungs eigener Landeskirche 1988 initiierte Leitfaden „Wie sag‘ ich’s? Ein Handbuch für die kirchliche Rede in Hörfunk und Gemeinde“ (GEP-Buch im J. F. Steinkopf Verlag), das drei Auflagen erzielte, weist das im Detail nach.
 

Im „Publizistischen Gesamtplan“ der EKD von 1979 hieß es noch: „Als eine Weise kirchlichen Handelns kann evangelische Publizistik es sich leisten auszusprechen, was andere verschweigen. Sie kann Wünsche und Sehnsüchte der Menschen aufnehmen, ohne sie auszunutzen.“ Vierzig Jahre später müsste die Evangelische Kirche eigentlich ihren publizistischen Bankrott erklären, der gleichzeitig das Eingeständnis ihrer gesellschaftlichen Einflusslosigkeit und ihrer Resignation angesichts der Austrittswellen wäre. Pfarrer und Pfarrerinnen, die bereits ihre Kirchen leergepredigt hatten, haben im Verein mit Buchhaltern und Krämerseelen dafür gesorgt, dass ehemals auch im säkularen Raum angesehene Blätter nicht mehr existieren. Opfer der Sparmaßnahmen waren u.a.:
 

Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt (DS), eine Wochenzeitung, die in den 1950er und 1960er Jahren bedeutender war als „Die Zeit“, wurde im Oktober 2000 eingestellt und schlecht ersetzt durch ein Lifestyle-ähnliches Monatsmagazin mit dem Titel „Chrismon“, das einigen überregionalen und regionalen Zeitungen beigelegt wird. Die Teilnahme der Redaktion sowohl am allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs als auch am kulturellen liegt bei null; ganz im Gegensatz zum DS.
 

Die sich an Intellektuelle richtenden „Evangelische Kommentare“, „Lutherischen Monatshefte“ und die „Reformierte Kirchenzeitung“ wurden 2000 eingestellt und durch die Monatszeitschrift „zeitzeichen – Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft“ ersetzt, die mit ca. 12.800 verkauften Exemplaren allenfalls die Hälfte der ursprünglichen Gesamtauflagen erreicht. Die Liste der Herausgeber mutet an wie eine Honoratiorengesellschaft: Heinrich Bedford-Strohm (bayerischer Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender), Ilse Junkermann (langjährige Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland), Annette Kurschus (Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen), Ulrich Lilie (Präsident der Diakonie Deutschland), Gerhard Ulrich (bis 2019 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland). Von diesen Persönlichkeiten ist kein Aufbruch zu erwarten, eher Bestandssicherung auf niedrigem Niveau, im schlechtesten Fall sogar ein unkontrollierter Absturz.

 

Das Fachblatt „medium – Monatszeitschrift für Hörfunk, Fernsehen, Film und Presse“ wurde 1986 von einer Monatszeitschrift auf eine Quartalszeitschrift umgestellt, was einen immensen Reichweitenverlust bedeutete. 1996 erfolgte nach dem absehbaren Abonnentenverlust die Einstellung. Die Zeitschrift wurde vor allem in Journalistenkreisen stark beachtet. Mit ihrem Ende wurden viele Brücken zur Medienwelt abgebrochen. Ihr letzter Chefredakteur war Horst Pöttker, von 1995 bis 2013 Professor für Theorie und Praxis des Journalismus an der Universität Dortmund.
 

Auch die Fachzeitschrift „medien praktisch – Zeitschrift für Medienpädagogik“ wurde eingestellt. Und das zu einem Zeitpunkt (2003), als die Notwendigkeit von Medienpädagogik vor dem Hintergrund des sich bereits abzeichnenden Booms von Mobiltelefonen und kommerziellen Internetforen vor allem bei Jugendlichen erkennbar war und sowohl evangelische Medienzentralen als auch allgemeinbildende Schulen auf eine entsprechende Fachinformation besonders angewiesen waren.
 

Typisch für die Haltung der Kirche gegenüber Frauen ist das Ende der „Korrespondenz die Frau. Sie wurde herausgegeben von der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland in Verbindung mit dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik. 1984, als die Emanzipation der Frau zunehmend auch die bildungsbürgerlichen Schichten erreichte, wurde die Zeitschrift eingestellt. Der Zuschussbedarf sei zu hoch gewesen.
 

Das „GEP BuchMagazin“ erschien von 1984 bis 1992 halbjährlich als kommentierter Literaturanzeiger für religiöse und allgemeine Literatur im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) und wurde inhaltlich verantwortet vom dortigen Fachreferat Buch und Zeitschriften. Es wurde vor allem als Kundenzeitschrift des evangelischen und katholischen Sortimentsbuchhandels vertrieben. Der Einstellung gingen Differenzen mit der „Vereinigung evangelischer Buchhändler und Verleger VEB“ voraus, die darin ein konkurrierendes Werbemittel sah. Die liberale bis progressive Ausrichtung des Magazins stieß aber auch auf Kritik bei den zunehmend evangelikalen (fundamentalistischen) Mitgliedern der Vereinigung. Da man sowohl im Verlag in Frankfurt als auch beim Geldgeber in Hannover (Sitz des Kirchenamtes der EKD) die Auseinandersetzung scheute, löste man die Konflikte durch Flucht aus der Wirklichkeit – also durch das Ende des Erscheinens.
 

Im Herbst 1998 präsentierte das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik auf der Frankfurter Buchmesse die Internetbuchhandlung bibli.com. Sie sollte das Angebot konfessioneller Verlage transparenter machen und den evangelischen Sortimentsbuchhandel stärken. Verlage und verbreitender Buchhandel wurden eingeladen, sich an dem Projekt als Partner zu beteiligen. Das Unternehmen stieß auf Bedenken, einerseits bei der Vereinigung evangelischer Buchhändler und Verleger, andererseits bei einigen landeskirchlichen Presseverbänden. Doch der Testlauf, der im Frühjahr 1999 begann, bewies, dass die evangelische Literaturlandschaft (Einzelinteressenten und Gemeinden) eines solchen Marketing- und Vertriebsinstruments bedurfte. Die Umsätze lagen am Jahresende bereits bei ca. 400.000 DM. Das Gutachten eines Buchgrossisten bescheinigte beste Voraussetzungen für einen rentablen Betrieb. Doch den in Sachen Kultur völlig unerfahrenen Pfarrerinnen und Pfarrern in den Aufsichtsgremien des GEP waren die Anlaufkosten zu hoch. Um einen Gesichtsverlust zu vermeiden, wurde das Projekt dem Lutherischen Verlagshaus in Hannover übergeben, wo es dann innerhalb von zwei Jahren heruntergewirtschaftet wurde.
 

Der Niedergang der evangelischen Publizistik ging einher mit der zunehmenden Sprachlosigkeit der Kirche und wurde mutmaßlich von letzterer mitausgelöst. Sie hatte und hat den Menschen kaum noch Substantielles zu sagen. Weil sie sich an formelhafte religiöse Aussagen klammert, die längst keinen Bezug mehr zur tatsächlichen Welt haben und von den Adressaten nicht verstanden werden. Diese Entwicklung steht im Gegensatz zur Literatur- und Wirkungsgeschichte der meisten Bücher des Alten und Neuen Testaments, die den Streit um den richtigen Glauben, den richtigen Gott, den richtigen Weg zwischen Welt und Gott in ihrem jeweiligen historischen Kontext überwiegend narrativ zur Sprache bringen. Und die dynamische Prozesse beschreiben und keineswegs geeignet sind für dogmatische Lehrsätze, die einen temporären Zustand beschreiben.
 

Jeder Theologiestudent (männlich und weiblich) an staatlichen Hochschulen lernt spätestens seit Rudolf Bultmanns Entmythologisierung des Neuen Testaments, dass sich Begriffe wie Sünde, Opfertod, Auferstehung und Ewiges Leben in der real existierenden Kirche lediglich zu bedeutungslosen Sprachhülsen entwickelt haben, die ihre historischen Ursachen verleugnen. Und dass die historisch-kritische Exegese des Neuen Testaments nur den Schluss zulässt, dass Jesus nie so gelebt hat, wie er später in den Verkündigungsschriften (die 30 bis 50 Jahre nach seinem vermuteten Todesjahr entstanden sind) beschrieben wurde. Dass er folglich auch nie so gestorben und erst recht nie auferstanden ist.
Ähnlich wie das Alte Testament müssen auch die Evangelien als Sammlung weisheitlicher Erfahrungen gelten. Sie beschreiben einen innerjüdischen Konflikt, der zwischen Hohen Priestern (Sadduzäern), Volksgelehrten (Pharisäern) und Erneuerern (Johannes, Jesus, Qumran-Sekte) entbrannt war, der durchaus vergleichbar ist mit dem Streit zwischen den Propheten und den Königen Israels und Judäas. Ihre Verfasser, die keine Zeitzeugen waren, haben lediglich ihre jeweilige Interpretation der historisch kaum verifizierbaren Ereignisse niedergeschrieben.
 

Die Tatsachenlage zwingt die Kirchen zu dem Eingeständnis, dass sie nur ohne die Rede von Gott vor ihre Gläubigen treten müssten. Und dass ihre heiligen Schriften lediglich als die Quintessenz ethischer Errungenschaft aus der gesamten Menschheitsgeschichte verstanden werden können. Ohne Himmel, ohne Hölle, ohne wie immer auch geartete Herrschergestalten, ohne Ansprüche auf gelobte Länder.
 

Die Kirchen können nur weiter existieren, wenn sie die Blickrichtung ändern. Fort vom Himmel, hin zur Erde. Fort von Gott, einem Gottessohn oder einem Weltgeist, hin zum Menschen. Einem Menschen, der zu sich selbst finden muss, der seinen Mitmenschen solidarisch zugetan ist und der das Leben als höchstes Gut verteidigt. Die Kirchen, die inhaltlich am Abgrund stehen, sollten endlich jenes Feuer der Veränderung entfachen, von dem der Evangelist Lukas spricht (Kapitel 12, Verse 49 bis 51). Und das in letzter Konsequenz darauf hinausläuft, sein je eigenes persönliches Leben so zu gestalten, als ob es Gott nicht gäbe (Dietrich Bonhoeffer).
 

KPM