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„Bibel in gerechter Sprache“

Der gemeinsame Irrtum von nicht reflektierender Theologie und ideologischem Sprachverständnis

 

Nach Meinung der Frankfurter Theologieprofessorin Christine Wenora Hoffmann sei die theologische Fachliteratur noch immer männlich dominiert. Darum favorisiere sie die vor 20 Jahren erschienene „Bibel in gerechter Sprache“, die sie für eine große Errungenschaft hält. Dahinter verbergen sich jedoch einerseits eine ideologisch interpretierte Wahrnehmung von Glaubenszeugnissen und andererseits eine gravierende Unkenntnis der deutschen Sprache, insbesondere ihrer Sprachlogik und der gewachsenen Grammatikregeln, beispielsweise des Epikoinons (aus dem Altgriechischen für gemeinsam; es findet kein Genuswechsel beim Geschlecht statt, da die betroffenen Worte kein geschlechtsspezifisches Sem enthalten).

 

Die deutsche Sprache ist in ihrer Grundform weder gerecht noch ungerecht. Das „Deutsche Wörterbuch“ der Brüder Grimm enthält ca. 350.000 Wörter, die moderne Sprachwissenschaft geht von ca. 75.000 Worthauptformen aus. Wer das Deutsche beherrscht, ist in der Lage, die Komplexität der Welt sehr genau beschreiben zu können. Also sowohl ungerechte Verhältnisse als auch solche, die als Beispiele für Gerechtigkeit gelten. Die klassische deutsche Philosophie hat sich ihrer bedient und ist bis heute verständlich geblieben. Denn einzelne Wörter sind weder gerecht noch ungerecht.

 

Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann sah in den Predigten und Stellungnahmen der christlichen Kirchen sowie anderer religiöser Gemeinschaften hingegen das Bestreben, die Komplexität der Welt vereinfachen, sogar simplifizieren zu wollen. Dadurch blieben die Intellektuellen seit den 2000er-Jahren zunehmend unberücksichtigt. Das beschleunigte deren Abkehr von der Kirche. Das Bildungsbürgertum, einst ein Hauptpfeiler der Kirchen, wurde geradezu vertrieben. Im gleichen Maße verkam die einst allgemein geschätzte evangelische Publizistik zu einer Verlautbarungs-PR.

 

Doch offensichtlich hapert es bei den Feministinnen nicht nur an der Sprache, sondern auch an theologischem Wissen. Insbesondere bei der Einordnung biblischer Texte fällt das auf. 

Die Motive der jüdischen Religion, die Quellen des Christentums sind, reichen zurück in das Jahr 1200 vor Chr. und wurden zunächst mündlich überliefert. Erst ab dem 9. Jahrhundert vor Chr. lassen sich schriftliche Zeugnisse nachweisen. Hierzu zählen das Thronnachfolgebuch, das Buch Ruth sowie viele Psalmen. Etwa ab 750 v. Chr. wächst das Schrifttum. Während des babylonischen Exils und danach erlebt es eine Blütezeit. Doch jede Epoche hat eigene Gottes- und Menschenbilder hervorgebracht. Auch die Gottesbezeichnung veränderte sich - von Elohim über Zebaot und Jahwe bis zum nicht mehr gesprochenen Tetragramm JHWH. Die innerjüdischen redaktionellen Bearbeitungen des Alten Testaments haben die vermeintlichen Gegensätze bewusst stehengelassen, um den dynamischen Prozess anzudeuten, in dem sich das Judentum bewegte und weiter entwickelte. Ein anderes typisches Beispiel sind die zwei Schöpfungserzählungen.

Die von Richard Simon im 17. Jahrhundert begründete historisch-kritische Erforschung der Bibel, die von Salomo Semler fortgeführt und von Immanuel Kant aufgegriffen wurde, hat die diversen Überlieferungsschichten freigelegt und dadurch erst eine wissenschaftlich exakte Exegese ermöglicht. 

 

Der protestantische Theologe David Friedrich Strauß hat 1835/36 die Methode unter Einbeziehung der Arbeiten von Hermann Samuel Reimarus (1694 - 1768) bei der eigenen Jesus-Forschung angewendet. Mit seinem Buch „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ eröffnete er in den evangelischen Kirchen eine Kontroverse, die bis heute andauert. Nämlich ob Jesus eine reale historische Figur war oder lediglich die Projektion jüdischer Heilserwartungen auf einen geglaubten Messias.

 

Der von den Nazis ermordete Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hat diese Aspekte zur Grundlage seiner pragmatischen und den Menschen zugewandten Theologie gemacht. Der Mensch müsse akzeptieren so zu leben, als ob es Gott nicht gebe („etsi deus non daretur“). 

 

Die feministische Theologie, die einen Fundamentalismus ohne Fundamente proklamiert, pfropft Judentum und Christentum eine völlig unhistorische und folglich verfälschende Betrachtung auf. Frauen waren dort, wo sie an Entwicklungen beteiligt waren, stets sichtbar. Eine gerechte Sprache, tatsächlich gemeint ist eine sexualisierte, war der Antike unbekannt und sie ist auch in der Gegenwart reaktionär. Zwei Drittel der Bevölkerung nehmen solche Versuche als Hierarchisierung und damit als Diskriminierung wahr. Falls die Kirche diesen Weg mitgeht, wird sie untergehen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, welche die „Bibel in gerechter Sprache“ mitfinanzierte, fällt durch ihre Profillosigkeit auf.

 

 

Klaus Philipp Mertens