25 Romane hat die Jury des Deutschen Buchpreises aus 229 eingereichten Titeln ausgewählt. Aus ihnen soll bis zur Frankfurter Buchmesse im Oktober der eine herausgefischt werden, der alle anderen hinter sich lässt. Literarisch und thematisch. Seit kurzem ist ein Taschenbuch mit Leseproben im Umlauf. Denn auch das Publikum soll sich ein Bild machen können. Schließlich ist der Buchpreis eine Marketingveranstaltung der Branche, die aus Anlass der Buchmesse für belletristische Neuerscheinungen wirbt. Erfahrungsgemäß bleibt mehr als das prämierte Buch in den Netzen der Leser hängen. Darauf setzt auch meine Stammbuchhandlung BUCHPLATZ in Frankfurt-Sachsenhausen, die mir die Broschüre mit den Leseproben überreichte.
Das Inhaltsverzeichnis der Broschüre ist überschrieben mit: „Die Autor*innen und ihre Romane“. Da schrillte bei mir ein erstes Warnsignal. Sollten subalterne Mitarbeiter des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, die erkennbar Probleme mit Grammatik und Rechtschreibung haben, leichtfertig mit einer Führungsaufgabe betraut worden sein? Neigt möglicherweise die Interessensvertretung der Buchhändler und Verleger dazu, Defizite mit der deutschen Sprache euphemistisch schönzureden, etwa mit dem Schlagwort von der „geschlechtergerechten Sprache“? Letztere ist seit mindestens 500 Jahren nachweisbar und sie erneuert sich permanent in genuiner Weise. In diesem Zusammenhang erinnere ich an das Epikoinon, das ungeachtet seines maskulinen, femininen oder neutralen Genus Personen aller Geschlechter bezeichnet (der Mensch, die Koryphäe, das Genie).
Wesentliche synthetische Eingriffe von außen blieben bislang den Nazis vorbehalten. Im „Wörterbuch des Unmenschen“ der Journalisten Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind kann man das noch heute nachlesen (als Open Source per Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim, verfügbar).
In ihrem Vorwort redet Karin Schmidt-Friederichs, die Vorsteherin des Börsenvereins, die Literaturinteressierten mit „Liebe Leser*innen“ an. Vermutlich hat sie den Text nicht selbst geschrieben, sondern er stammt von einer der Handelsgehilfinnen und -gehilfen in der Geschäftsstelle. Frau Schmidt-Friederichs hatte sich bei ihrer Rede zur Verleihung des „Friedrich-Perthes-Preises“ an Denis Scheck am 5. Juni einer völlig anderen Diktion bedient. Damals wandte sie sich an ein intellektuelles Publikum, dem der Preisträger ins literarische Gewissen redete und vor der schleichenden Selbstentwertung der Literatur, ihrer Autoren und ihrer Verlage warnte.
Für das Massengeschäft mit Büchern wurden offensichtlich andere Regeln geschaffen, mutmaßlich nach Abstimmung mit den Verlagen. Da passt man sich an Strömungen an, die als vermeintlich modern, progressiv, sexusbetont und konsumorientiert gelten. Von der Kollaboration mit diesen verspricht man sich vor allem Umsatz und Ertrag.
Es fällt mir auch auf, dass in Feuilleton-Redaktionen das Nazi-Wort von den „Kulturschaffenden“ wieder häufiger gebraucht wird. Möglicherweise ist manchen dessen Herkunft nicht klar. Aber Nichtwissen ist keine glaubwürdige Entschuldigung. Genauso wenig wie die Unkenntnis über das „Amtliche Regelwerk der deutschen Sprache“, das vor 19 Jahren den „DUDEN-Rechtschreibung“ als Referenzwörterbuch ablöste und Asterisk, Doppelpunkt und Unterstrich innerhalb von Wörtern als nicht zur deutschen Sprache gehörend verwirft. Das Handbuch ist im Übrigen ein Gemeinschaftsprojekt deutschsprachiger Länder sowie von Ländern mit deutschsprachigen Minderheiten.
In den 25 Leseproben wird nur in einer bewusst gegen Grammatik und Rechtschreibung verstoßen. Nämlich in Fiona Stronics Roman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“. Er stellt auch literarisch eine Zumutung an den geschulten Geschmack dar. Ungeachtet des Umstands, dass kaum Romane in Gendersprache abgefasst werden (synthetische Sprachen bringen keine Literatur hervor), wurde der redaktionelle Vorspann mit Asterisken versehen. So etwas nennt man Etikettenschwindel.
Ich erwarte von allen, die professionell mit der deutschen Sprache umgehen, also von Autoren, Redakteuren, Verlagen und Kultureinrichtungen, dass sie die Regeln unserer Sprache beherrschen und sie anwenden. Würde sich in diesem Bereich eine Mischung aus Norm-, Plan- und Privatsprache durchsetzen, könnten wir uns weder verstehen noch diskursiv miteinander streiten. Eine solche Haltung verstieße nicht zuletzt auch gegen das Selbstverständnis des demokratischen Staats. Deswegen ärgern mich die Versuche von Ideologen, mit Brachialgewalt in die Literatur einzudringen und Lesern und Schriftstellern eine synthetische und fragwürdige Syntax aufzuzwingen.
Als aufgeklärtem Staatsbürger, der sich ständig mit den Apologeten der Dummheit auseinandersetzt, ist mir bewusst, dass sich Rechtskonservative und Rechtsradikale vehement gegen das sogenannte Gendern aussprechen – nicht aus Verstandesgründen, sondern aus Angst vor Veränderungen. Sie sind nicht dazu in der Lage, ihre Haltung wissenschaftlich zu begründen. Die der deutschen Sprache innewohnende Logik (von Gottlob Frege und Rudolf Carnap beschrieben) ist ihnen unbekannt. Ebenso sind ihnen sprachphilosophische Erörterungen von Sinn und Wahrheit kein Begriff (Bertrand Russell, Alfred North Whitehead, Ludwig Wittgenstein). Mit den Standardwerken der Grammatik sind sie nicht vertraut (z.B. nicht mit der von Peter Eisenberg). Diese Sachverhalte treffen auch auf selbsternannte Linke und Progressive zu, die sich eine vermeintlich geschlechtergerechte Sprache herbeiwünschen.
Fazit: Bildungsdefizite bedrohen uns von rechts und links. Fürwahr, wir „leben in finsteren Zeiten“.
Mich erinnert die Aggressivität der Sprachverstümmler an Putins Überfall auf die Ukraine. Das gesetzte (Völker-) Recht soll mittels Gewalt bzw. durch permanenten Verstoß der eigenen Deutungshoheit weichen. Geschichtsklitterung ersetzt jede Form seriöser historischer Betrachtung. Der zu errichtende neue Staat basiert ausschließlich auf Verlogenheit.
Klaus Philipp Mertens

