Gertrud Scholtz-Klink, die Reichsfrauenführerin des NS-Regimes, definierte die Rolle der Frauen als „Mütter im Vaterland“. Und wies ihnen damit die Funktion als ewiges Anhängsel des Mannes und der Männer zu. Das weibliche Geschlecht wurde aus biologischen Gründen im völkisch-rassistischen Staat für zweitklassig erklärt. Allenfalls im Haushalt konnten höhere Meriten erworben werden. Ebenso durch die Zahl der Kinder, die sie zur Welt gebracht haben. Joseph Goebbels diffamierte Ehepartner, die beide berufstätig waren, als Doppelverdiener. In seinem Propaganda-Ministerium entstand auch der Begriff „Kulturschaffende“. Dahinter verbarg sich das Schlagwort von den „Arbeitern der Stirn und der Faust“. Folglich war auch Kultur lediglich ein Produkt, das nach den Vorgaben des Auftraggebers gefertigt wurde.
Man könnte meinen, dass diese fürchterliche Zeit restlos überwunden ist und längst andere Maßstäbe gelten. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn durch die willkürlichen Eingriffe in die deutschen Sprache, allgemein als Gendern bekannt, eröffnen sich anscheinend neue Möglichkeiten für den Ungeist von gestern. Selbst die Literatur scheint gefährdet zu sein. Allem Anschein nach sind kritische Aufarbeitungen wie die von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind verfasste Untersuchung „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ und Victor Klemperers „Lingua Tertii Imperii“ längst vergessen.
Denn wie anders will man das Projekt „Acht Orte – acht Autor*innen“ des Literaturhauses Frankfurt und des Deutschen Architekturmuseums bewerten, das im November dieses Jahres beginnt und bis März 2025 dauert? Der Plural des Worts Autor, nämlich Autoren, wird unterdrückt. Nur dadurch lässt sich *innen anfügen, ohne mit sämtlichen Regeln der Sprachmelodie zu kollidieren.
Die Idee des Projekts ist hingegen nachvollziehbar. Es geht um einen „Dialog zwischen Ort und Autor*in, zwischen Stadt und Betrachter*in“, der bekannte und weniger bekannte Schriftsteller und Schriftstellerinnen mit Frankfurter Örtlichkeiten zusammenbringt. So etwa Anna Yeliz Schentke, deren Erstling „Kangal“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022 stand. Auch Zsuzsa Bánk hat mehrere Bücher veröffentlicht, die teilweise mit Auszeichnungen bedacht wurden. Ähnliches gilt für Amanda Lasker-Berlin, Britta Boerdner, Manja Präkels, Eckhart Nickel, Jakob Nolte und Jan Brandt.
Den Autorinnen und Autoren scheint das Konfliktpotential, das eine synthetische Sprache birgt, die nur von einer Minderheit akzeptiert wird, nicht bekannt zu sein, denn andernfalls hätten sie rebelliert. Das wird für die Rezeption ihrer Werke vermutlich nicht folgenlos bleiben. Auch das Literaturhaus Frankfurt und das Deutsche Architekturmuseum werden sich Fragen nach ihrem jeweiligen Verständnis von Literatur gefallen lassen müssen.
Klaus Philipp Mertens

