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Archiv "Vom Geist der Zeit" | Gesellschaft und Politik

Wenn der Volkszorn erwacht …

Aus dem "Neuen Wörterbuch des Unmenschen", Teil 1

„Heute schützt Euch noch die regimedevote Justiz, morgen nicht mehr!!! Wenn der AfD-inspirierte Volkszorn erwacht, werdet Ihr hinweggefegt + zur Verantwortung gezogen!“
So beginnt der nunmehr 24. Hass- und Drohbrief eines erklärten AfD-Sympathisanten und Pöblers, der mich und andere, die sich öffentlich gegen Rechtsradikalismus äußern, regelmäßig traktiert.

Erst am 28. Juni war er vom Amtsgericht Frankfurt am Main zu einer hohen Geldstrafe wegen Beleidigung in mehreren Fällen verurteilt worden. Gegen das Urteil wird er mutmaßlich Berufung einlegen. Doch bereits im Gerichtssaal hatte er angekündigt, seine Droh- und Diffamierungskampagne fortsetzen zu wollen.

Denn er nimmt sich das Recht heraus, gegen (aus seiner Sicht) unpatriotische, antinationale, prosozialistische sowie prokommunistische Gegner agitatorisch vorgehen zu dürfen. Die Sortierung der Einzelnen zu den Gruppen der Auszusondernden nimmt er, der sich im Besitz nationaler Allmacht wähnt, selbst vor; sein Handeln erweckt den Eindruck einer Vorab-Selektion. Wenn der politische Wind sich gedreht hat (was er permanent ankündigt), werden die dann Mächtigen mutmaßlich wissen, was sie zu tun haben. Er hat die notwendige Vorarbeit geleistet und seine Pflicht getan.

Auch Alice Weidel (AfD) hat unlängst im Bundestag zur Jagd geblasen (gegen die Bundeskanzlerin, gemeint waren - ihrer Rhetorik und Mimik zufolge - alle Demokraten). Diese Jäger meinen es ernst.
So ernst, wie auch Horst Jürgen Sch. seine Mission nimmt. Dessen Auftritt vor dem Amtsgericht verstörte manchen Zuhörer, vor allem jene, die mit den Hintergründen weniger vertraut waren. War das eine Realsatire oder inszenierte sich ein selbsternannter Volks(ver)führer?

Der Angeklagte bestritt in der Sache eigentlich nichts, postulierte indes ein angebliches Recht, alles, was antideutsch und antipatriotisch sei, brandmarken und beleidigen zu dürfen. Selbst genannt zu werden. Alles andere wäre eine Umkehrung aller moralischen Maßstäbe.

Als die Verhandlung zu Ende war, sagte er "Auf Wiedersehen" zum Richter, zeigte diesem einen "Vogel" (was der anscheinend nicht sah) und schrie danach die Staatsanwältin an: „Sie werde ich wegen Beleidigung anzeigen!"

Die mittlerweile 24 Hass- und Drohbriefe, die mich seit August 2016 erreichten, setzen sich jeweils aus Kopien von Artikeln zusammen, die in rechtsradikalen Schriften veröffentlicht wurden. Horst Jürgen Sch. versieht diese mit persönlichen Marginalien. In der Gesamtschau ergibt sich eine Art „Reader’s Digest“ des Rechtsradikalismus, in welchem die AfD stets einen besonderen Stellenwert genießt. Ich habe damit begonnen, diese Pamphlete thematisch zu sortieren, zu analysieren und zu kommentieren. So entsteht ein „Neues Wörterbuch des Unmenschen“, das geeignet sein könnte, dasjenige von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind aus den Jahren 1945 – 1948 fortzuführen.

Klaus Philipp Mertens