Einzelartikel aus „https://bruecke-unter-dem-main.de - Frankfurter Netzzeitschrift“

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Gesellschaft und Politik

Mertens antwortet

Brauchen wir wieder eine Wehrpflicht?

 

 

Nein, Deutschland braucht keine Wehrpflicht.

Trotz des aggressiven Russlands, trotz des nicht minder aggressiven Chinas und der kriegswütigen Menschenschinder in Syrien, Saudi-Arabien oder im Iran (die Aufzählung ist unvollständig). Das hat wenig mit pazifistischer Gesinnungsethik zu tun, allenfalls mit Verantwortungsethik für den Erhalt des Friedens, um Max Webers Kategorien in diesen Diskurs einzuführen. Vor allem aber mit der Erkenntnis, dass sich der Krieg verändert hat, selbst wenn er „die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ geblieben ist (Clausewitz). Denn die typischen Kämpfer werden kaum noch gebraucht. Und das bereits seit langem.
 

Der US-amerikanische General William Tecumseh Sherman, der im Sezessionskrieg von 1861 bis 1865 einer der maßgeblichen Kommandeure der Union war, gilt als Vater des „totalen Kriegs“ und der Strategie der „verbrannten Erde“. Er setzte auf den Einsatz schwerer Waffen, was damals die Artillerie war, und ließ konsequent die Infrastruktur des Feindes zerstören. Zwar prallten noch in großer Anzahl Soldaten zu Fuß und zu Pferd aufeinander und wurden als Kanonenfutter verheizt, aber Sherman läutete das Ende des „klassischen“ Kriegs ein. Dabei muss man ihm zu Gute halten, dass er Krieg nicht mochte, ihn geradezu als widerwärtig empfand, was schließlich bei ihm zu Depressionen führte.

 

Seine Kampftheorie bestimmte in großen Teilen den Ersten Weltkrieg, vor allem die Stellungskriege, etwa die Auseinandersetzungen auf den Schlachtfeldern von Verdun. Der Zweite Weltkrieg als genuine Fortsetzung des technisierten Gemetzels war zwangsläufig von Kanonen, Panzern, Bombern, Jagdflugzeugen und U-Booten bestimmt. Und er rief letztlich mit der Atombombe sowohl einen neuen Schrecken als auch die Strategie der Abschreckung hervor.

 

Generalleutnant Ulrich de Maizière (Vater des späteren Verteidigungsministers Thomas de Maizière), verfasste 1964 als Inspekteur des Heeres eine kleine Orientierungsschrift, die den Titel trug „Die Landesverteidigung im Rahmen der Gesamtverteidigung“ (R. von Deckers Verlag, Hamburg). Darin hielt er fest: „Das Territorium der Bundesrepublik ist lang und schmal. Ihm fehlt die zur Durchführung von Verteidigungsmaßnahmen notwendige Tiefe.“ Das war ein deutlicher Abgesang auf die großen Heere mit ihren Aufmarschzonen weitab von Industrie- und Wohngebieten. Und es war die zähneknirschende Inkaufnahme des hochtechnisierten Kriegs, der kaum noch Fußsoldaten erforderte (außer für Kommando- und Terrorunternehmen), dafür umso mehr Techniker an Haubitzen und Raketenabschussrampen, in Panzern, Kampfflugzeugen und Schlachtschiffen. Zusätzlich verlagerte sich das Kriegführen auf elektronische und später digitale Waffensysteme und ferngelenkte Drohnen. Solche Techniksoldaten auszubilden, würde durch eine allgemeine Wehrpflicht mit ihrer 12- bis 18-monatigen Dienstzeit nicht gelingen. Zudem setzen die atomaren Massenvernichtungswaffen der konventionellen Verteidigung enge Grenzen, was eine besondere Sensibilität für das Machbare und das Verbotene voraussetzt.
 

Ich habe de Maizierès schmales Buch 1966 in die Verhandlung vor dem Prüfungsausschuss für Kriegsdienstverweigerer mitgenommen. Die Herren, die über meinen Antrag zu entscheiden hatten, kannten es nicht. Sie konnten auch meine Einstellung nicht nachvollziehen, dass ich (in Anlehnung an Ghandi und Nkrumah) vor allem ein Gegner der Dummheit und weniger einer der Gewalt war (und geblieben bin). Wobei ich auch betonte, dass ich die Wehrpflicht als einen Angriff auf das sittliche Selbstbestimmungsrecht eines Menschen hielt (und halte). Wer kann in unübersichtlichen Kampfsituationen noch zwischen Gut und Böse unterscheiden? Letztere sind die moralischen Kategorien, die das Bundesverfassungsgericht als Kriterien für die Inanspruchnahme von Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes festlegte. Dass mich der Ausschuss nach einem halbstündigen Streitgespräch dennoch als Kriegsdienstverweigerer anerkannte, lag vermutlich daran, einen solchen Kerl der Bundeswehr nicht zumuten zu wollen.

 

Falls die Bundeswehr im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten dennoch Abschreckung und für den Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung Erfolge produzieren soll, wäre es das Gebot der Stunde, ihr keine Wehrpflichtigen zuzumuten. Sondern sie mit Profis auszustatten, die neben dem soldatischen Handwerk im gleichen Maß über Verantwortungsbewusstsein verfügen.

 

Zuletzt noch eine Anmerkung zum Angriff Russlands auf die Ukraine. Der Verursacher ist Wladimir Putin und sein Kreis. Hierzu bietet eines der 36 chinesischen Strategeme, also jener Listen und Kriegslisten, die seit 1.600 Jahren zu den dortigen Volksweisheiten zählen, eine Lösung an: „Den Gegner durch Gefangennahme des Anführers unschädlich machen.“ Der Ratschlag wird so erläutert: „Der Schlange den Kopf abschlagen. Gelingt es, den feindlichen Kommandanten gefangen zu nehmen, so sinkt die Moral des Feindes und die Schlacht ist entschieden.“

 

Klaus Philipp Mertens ist Mitherausgeber der "BRÜCKE unter dem MAIN"