Die Auseinandersetzungen um die Zukunft der Frankfurter Bühnen sind mittlerweile bühnenreif. Die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung hat sich vor ihrer generellen Zustimmung zur Neubaulösung im Januar 2020 die Unterschiede zwischen bewahrender Sanierung und neu zu errichtender Anlage nicht im Detail erläutern lassen. Mutmaßlich, weil es sie im Grunde nicht interessiert – so wenig wie in den 50 Jahren zuvor, als sie die notwendigen Mittel für die laufende Wartung zusammenstrich. Sie fühlte sich aber offenbar dazu in der Lage, auf der Basis von Nichtwissen die Ausgabe von mehr als einer Milliarde Euro zu genehmigen.
Auch die Kulturdezernentin hält eine Sanierung für unwirtschaftlich, nennt aber bei öffentlichen Präsentationen ihrer „Kulturmeile“ keine signifikanten Details. Wenn sie auf die Baubestandsaufnahme und die daraus sehr einseitig abgeleiteten Maßnahmen angesprochen wird, verweist sie auf Papiere ihrer Stabsstelle. Auf das Gutachten des früheren Stadtrats Haverkamp, das überzeugende Argumente für eine Sanierung liefert und sich für ökologische Nachhaltigkeit ausspricht, wurde mit Nichtbefassen reagiert. Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Frage erlaubt zu sein, ob die Kulturdezernentin das, was sie für richtig hält und unterschreibt, auch versteht.
Neue Zweifel an der Kompetenz von Dezernentin und ihrer Stabsstelle werfen die Vorwürfe des Immobilienunternehmers Ardi Goldmann auf, die Stadt würde für die Nutzung des Grundstücks an der Neuen Mainzer Straße dem Eigentümer, der Sparkasse, erheblich zu viel zahlen. Goldmann hat nachgerechnet und kommt auf eine Einmalzahlung in Höhe von 210 Millionen Euro (ursprünglich waren 35 Millionen Euro genannt worden) plus 10 Millionen jährlich für die Dauer von 199 Jahren (im ersten Ansatz war von 2 Millionen die Rede). Auch das Grundstück an der Gutleutstraße, auf dem die Interimslösung für Schauspiel und Oper erstehen soll, wäre mit 37 Millionen Euro zu teuer. Bislang sei die Liegenschaft für 12 Millionen angeboten worden. Frühere Interessenten hätten sich wegen einer nicht auszuschließenden Belastung des Geländes mit Giftstoffen zurückgezogen. Das Kulturdezernat verweist hingegen auf eine Expertise unabhängiger Fachleute, die keine gesundheitlichen Gefahren sähen und den Kaufpreis für gerechtfertigt hielten.
Es ist an der Zeit, Kulturdezernentin, Stabsstelle und die Mitglieder des Kulturausschusses öffentlich zu examinieren. Dabei könnte herauskommen, mit welcher Portion Nichtwissen sich die Stadt auf das Abenteuer Bühnenneubau einlässt.
Klaus Philipp Mertens

