Seriöse Demoskopie muss sicherstellen, dass die Fragen, welche dem repräsentativ ausgewählten Publikum gestellt werden, keine vorweggenommenen Antworten enthalten. Ebenso muss gewährleistet sein, dass die Sprache einerseits die Regeln des Deutschen einhält, um Eindeutigkeit zu garantieren, und andererseits inhaltlich keine Irrtümer und Diskriminierungen verbreitet, selbst falls diese populär sind. Diese Mindestanforderungen dürfen von einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht unterschritten werden.
Wenn die Umfrage ein „mangelndes Vertrauen in Politiker*innen“ vorrangig bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen offenlegt, scheint das Ergebnis eine Folge von Bildungsdefiziten, insbesondere mangelhafter Spracherziehung, zu sein. So gibt es beispielsweise „Politiker*innen“ gar nicht. Das „Allgemeine Regelwerk der deutschen Rechtschreibung“, seit 2004 in Kraft, lässt eine solche Wortkonstruktion nicht zu. Öffentliche Stellen und Behörden, die Schulen und die Justiz sind daran gebunden. Doofe dürfen selbstverständlich schreiben, wie sie wollen.
Das legt ein Vertrag deutschsprachiger Länder bzw. von Ländern mit deutschsprachigen Minderheiten fest. Rückfragen beim Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim, und der Kultusministerkonferenz werden empfohlen. Einfacher noch ist die Anschaffung des Handbuchs. Der Ladenpreis beträgt 32,50 Euro. Der „DUDEN-Rechtschreibung“ hat übrigens vor 22 Jahren seine Funktion als Referenzwörterbuch verloren.
Hätte die Redaktion der „BRÜCKE unter dem MAIN“ ihre Leser mit einem Schlagwort aus der Gesinnungssemantik (also Dummdeutsch mit Sonderzeichen im Wortinneren zur Kennzeichnung von Geschlechtsidentitäten) angesprochen, wäre ein Aufschrei erfolgt. Die Hörer und Leser des HR haben das hingegen offensichtlich akzeptiert. Sind sie mehrheitlich bildungsfern und gilt das auch für die fachliche Kompetenz der verantwortlichen Redaktion? Dann wären die publizierten Meinungen allenfalls eine zufällige Zustandsbeschreibung von Ahnungslosigkeit und Einfalt in der Gesellschaft. Die Schilderung dessen, was ist, wäre noch akzeptabel, falls sie einherginge mit einer distanzierenden Einordnung sowie einer bildungspolitischen (á la Georg Picht) und sprachlogischen Analyse (á la Ludwig Wittgenstein). Doch solche fehlen.
Problematisch erscheint auch die Klassifizierung von Instagram, Facebook und TikTok als „soziale Medien“. Das ist zwar zu einem gängigen Begriff geworden, der jedoch auf einem Übersetzungsfehler beruht (ursprünglich gemeint sind Medien von Laien ohne professionelle Ansprüche). Was als amateurhafte Kleinpublizistik begann, entwickelte sich mit Hilfe finanzkräftiger Investoren zu kommerziellen Plattformen, die dem Konsumentenmarketing, der Steuerung von Falschinformationen sowie der Propagierung demokratiefeindlicher Gesinnung und sexueller Ausbeutung dienen. Der Informationswert ist gemessen an den Standards des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gleich null. Im politisch bewussten Teil der Bevölkerung kreisen denn auch Bezeichnungen wie „Asoziale Medien“, „Plebs-Medien“, „Päderasten-Info“, „Nazi-Post“ oder „Stimmen von ganz unten“. Sie beschreiben das Klientel sehr treffend.
Wenn drei Viertel der Befragten die Demokratie in Gefahr sehen und dies in einem Statement wie „Da die beiden Extreme, links und rechts, immer mehr an Einfluss gewinnen und die demokratische Mitte sich in vielen Fällen zu wenig kompromissbereit zeigt“ zum Ausdruck kommt, lässt dies den Schluss zu, dass die Demokratie vor allem durch zu schlichtes Denken bzw. völliges Nichtdenken bedroht zu sein scheint.
Eine andere Befragte sieht die Demokratie dadurch gefährdet, „weil es heutzutage nicht mehr möglich ist, seine Meinung offen kundzutun, ohne dass man von anderen Menschen in eine bestimmte Schublade gesteckt wird“. Man darf mutmaßen, dass die junge Dame namens Lilly zu diskriminierenden Schlagworten neigt und einige der Verleumdeten sich dagegen gewehrt haben.
Da bleibt einem investigativen und schreibenden Staatsbürger nur noch die Aufforderung: „Schau hin, was die ARD mit Medien macht!“ Der „heute-Show“ des ZDF wäre das möglicherweise einen der jährlich vergebenen „Vollpfosten“ wert.
Klaus Philipp Mertens
Förderverein PRO LESEN für das Bibliothekszentrum Sachsenhausen
& Literarische Gesellschaft BRÜCKE unter dem MAIN e.V.
Gegründet am 17.09.2009. https://bruecke-unter-dem-main.de

