Frankfurt ächzt unter einer Vielzahl von Baustellen, die offensichtlich nicht miteinander abgestimmt wurden. Durch die Umleitungen nimmt der Straßenverkehr chaotische Züge an. In die Stadt, eine Hochburg der Grünen, scheinen die wilden Bausünden der 50er und 60er Jahre zurückgekehrt zu sein.
Gegen Baumaßnahmen, die der städtischen Infrastruktur und damit sämtlichen Bürgern zu Gute kommen, gibt es keine überzeugenden Gegenargumente. Allerdings gilt auch in solchen Fällen der Grundsatz, dass bei der Planung die zu erwartenden Nebenwirkungen zu berücksichtigen und so gering wie irgend möglich zu halten sind. Wenn sich im Stadtteil Sachsenhausen durch den gleichzeitigen Bau des Holbein-Kreisels und der Tram-Bahnsteige in der Textorstraße auf der West-Ost-West-Verbindung Mörfelder Landstraße sowie auf benachbarten Durchgangsstraßen dreimal am Tag der Verkehr erheblich staut, sodass durch Abgase und Lärm die Gesundheit von Fußgängern, Radfahrern und Anwohnern gefährdet ist, sind die Grenzen des Zumutbaren überschritten.
Von einem professionell arbeitenden Mobilitätsdezernat einschließlich Straßenverkehrsamt darf man Sorgfalt erwarten. Es ist ja schön, wenn sämtliche Akten längst digitalisiert wurden. Aber am selbstständigen Begreifen der Sachverhalte führt dennoch kein Weg vorbei. Das gilt sowohl für den Dezernenten als auch für die Amtsleitung und andere Verantwortliche. Selbst künstliche Intelligenz ist nicht besser als die Köpfe, die geplant und programmiert haben. Fazit: Es geht nicht ohne Plausibilität und ohne Priorität.
Dass dem Holbein-Kreisel überhaupt eine Priorität zuerkannt wurde, verwundert. Von Taxifahrern hört der investigative Citoyen, dass diese vermeintliche Errungenschaft Immobilieninvestoren zu verdanken sei, welche entlang des Bahndamms in der Hedderichstraße Wohnungen errichtet haben. Da man den Lärm des Zugverkehrs aus Kostengründen nicht vollständig wegisolieren wollte, sollte das Straßenbild davor optisch verschönt werden. Also fort mit der von Ampeln geregelten Kreuzung ohne Staus, her mit einem betonierten Kreisel inklusive Alibi-Begrünung. So definiert Frankfurts grünes Mobilitätsdezernat anscheinend Umweltschutz und Nachhaltigkeit.
Der Vorgang erinnert mich an einen Hausbau in der unteren Tucholskystraße (ebenfalls in Sachsenhausen) vor acht Jahren. Tonnenschwere Bau-LKW ruinierten den Gehsteig gegenüber dem Neubau (Hausnummer 5 – siehe Foto). Die eingedrückten Pflastersteine erwiesen sich rasch als Stolperfallen für Fußgänger, insbesondere für Eltern mit Kinderwagen und Behinderte. Diese weichen seither auf die Fahrbahn aus. Und begeben sich dadurch in noch größere Gefahr. Wurde das Bauunternehmen nicht zum Schadensersatz herangezogen? Muss man gar von Vorteilsgewährung ausgehen? Denn der Gehsteig wurde nicht instandgesetzt, er weist nach wie vor Schrägen und Absenkungen auf.
Eine gute Information über Nebenwirkungen von Baumaßnahmen ist sicherlich notwendig. Ebenso die Bereitschaft der Bürger, solche Hinweise zur Kenntnis zu nehmen. Vorrangig aber geht es um die Frage, ob das, was geplant wird, auch tatsächlich notwendig ist. Und falls ja, ob man es deutlich unterhalb der Grenzen eines sowjetischen Fünfjahresplans erledigen kann.
Klaus Philipp Mertens

