Einzelartikel aus „https://bruecke-unter-dem-main.de - Frankfurter Netzzeitschrift“

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Gesellschaft und Politik

Epsteins System von Abhängigkeit

Und wie es zu den Fakes von Social Media passt

Allem Anschein nach pflegten Politiker, hochrangige Manager und Millionäre sowie Milliardäre aus der Bundesrepublik keine engeren Beziehungen zu Epstein. Deswegen könnte es sich vorrangig um amerikanische und anglo-amerikanische Skandale handeln. Doch sicher kann man sich nicht sein. Die Frage nach sämtlichen, bislang noch nicht ermittelten Beteiligten muss einstweilen unbeantwortet bleiben. Diese vorläufige Erkenntnis gibt dennoch Anlass zu einer Hintergrundanalyse. Konkret zu der Frage, was die Essentials des Epstein-Systems waren.

 

Allem Anschein nach sollten Männer gefügig und abhängig gemacht werden. Als süßeste und nachhaltigste Verführung des männlichen Geschlechts gilt Sex mit Minderjährigen und sehr jungen Frauen. Dieser ist aus guten Gründen ein gesellschaftliches Tabu. Also bedarf es zur Ausübung eines geschützten Raums. Epstein bot solche Refugien. Und tatsächlich schirmte er sie nach außen ab. Da er auf Gegenleistungen drang, nämlich auf finanziell verwertbare Informationen aus Politik und Wirtschaft, musste er sich zudem als akkurater Buchhalter betätigen. Dadurch wurden seine Journale äußerst detailreich und seine Kunden entsprechend erpressbar.

 

Epsteins Kalkül basierte auf einem unnatürlichen Verständnis von Sexualität. Es ist insbesondere bei Religionen, totalitären Weltanschauungen und im Verdrängungskapitalismus anzutreffen. So gilt der weibliche Körper vielen Konfessionen und autoritären Regimen als Ort der Sünde (Mönche mussten im Mittelalter den Blick senken, wenn sie einer Frau begegneten). Ebenso werden gleichgeschlechtliche Beziehungen verworfen. Im Zeitalter zunehmender Säkularisierung und Liberalisierung löst das Lustobjekt Frau die sündige Frau ab. Eine derart verklemmte Gesellschaft brachte und bringt im Kontext degenerierter Sexualität Instrumente der Ausbeutung und Demütigung hervor, die im krassen Gegensatz zur behaupteten Gottesebenbildlichkeit des Menschen bzw. zur Menschenwürde stehen.

 

Mit geradezu historischer Notwendigkeit entstanden in den USA die sogenannten sozialen Medien. Denn das Land bietet dafür ideale Voraussetzungen. Religiöse Fundamentalisten (vor allem Evangelikale) prägen eine Moral, die vor allem Moralin beinhaltet. Vorbehalte gegenüber der kritischen Intelligenz, die sich bis zum Hass steigern, scheinen mittlerweile weite Teile des American Way of Life zu bestimmen. Dem schlichten Nichtdenken entspricht die völlige Kommerzialisierung aller Lebensbereiche. Die Botschaft von Facebook, Instagram, WhatsApp und TikTok ist folglich ein Gemisch aus Sex (vielfach als Warnung verschleiert), Dummheit, ideologisierter Gewalt und der Verherrlichung von Unterdrückung in ihren unterschiedlichen Formen. Am Ende steht der entmündigte Konsument, der seine eigenen Lebensinteressen an kriminelle Enteigner verloren hat. 

 

Eine Gesellschaft, in der das Prinzip Epstein möglich war und mutmaßlich immer wieder neu real werden könnte, ist eben auch durch das Desinformationssystem der „sozialen Medien“ geprägt. Beide bedingen einander, da sie auf Bewusstlosigkeit der unmittelbar Beteiligten basieren. Das Vertrauen in demokratische Institutionen und ethische Werte lässt sich nur dann wieder herstellen, sobald sämtliche Verführer vor den Vertretern der Menschenrechte kapituliert haben.

 

Mit großer Sorge beobachte ich die Begehrlichkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Meta, Alphabet & Co dadurch salonfähig zu machen, indem diese für die Hörfunk- und TV-Programme als Empfangs- und Diskussionsforen angepriesen werden. Die Kriminalstatistik weist nach, dass mehr als die Hälfte der sexuellen Missbräuche Minderjähriger in „sozialen Medien“ eingefädelt werden. Ähnliches gilt für die Anwerbung Jugendlicher durch rechte und islamistische Organisationen. Die Intendanten und Programmdirektoren tragen dafür eine Mitverantwortung. Die Reduktion dieser Medien auf deren technische Funktionalität ohne Berücksichtigung der Inhalte widerspricht dem ursprünglichen Bildungsauftrag der Rundfunkstaatsverträge.

 

Ihr Klaus Philipp Mertens