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Archiv "Vom Geist der Zeit" | Gesellschaft und Politik

Bedürfen religiöse Überzeugungen des Dogmas?

Exemplarisch: Der Streit über das islamische Kopftuch

 

Für die muslimische Jura-Studentin Rabia K. sind religiöse Symbole Teil der jeweiligen persönlichen Identität und dürften nicht auf den privaten Raum beschränkt sein. Explizit erwähnt sie das islamische Kopftuch, dessen Tragen von fundamentalistisch orientierten Männern gefordert wird. Seit vier Jahren vertritt sie ihre Meinung offensiv in öffentlichen Medien. Dabei versteht sie sich anscheinend als Avantgardistin im Kampf gegen eine von ihr so verstandene Diskriminierung. Unlängst gewährte sie der „Frankfurter Neuen Presse“ ein Interview (5. Juli 25). Ich habe ihre Ausführungen gelesen und verstehe sie nicht als Beitrag zu einem Diskurs über jene Freiheit, die ich meine. Als sogenannter „68er“ bin ich von der „Kritischen Theorie“ der „Frankfurter Schule“ geprägt. Folglich lehne ich Dogmatik ab, auch dann, falls diese in einem vermeintlich modernen Gewand auftritt. 

 

Denn religiöse und esoterische Überzeugungen sind das persönliche Fürwahrhalten des Irrationalen, des nicht logisch Erklärbaren. Sie bleiben zwangsläufig den Wahrheitsbeweis schuldig. Eine Gesellschaft, die auf Aufklärung und Demokratie fußt, erwartet auch von konfessionell gebundenen Bewerbern für öffentliche Ämter solide Allgemeinbildung, Fachkompetenz und eine klare Haltung. Wenn eine Jura-Studentin die in besonders sensiblen Bereichen gebotene weltanschauliche Neutralität nicht akzeptiert, aber dennoch ein richterliches Amt anstrebt, weckt das Zweifel an ihrer Eignung. Zwar schützt das Grundgesetz das religiöse Bekenntnis. Doch der Artikel 4, Absatz 1, steht im Kontext der Menschenwürde des Artikels 1, die weder von religiösen noch weltanschaulichen oder sonstigen Überzeugungen infrage gestellt werden darf.

 

Für Rabia K. ist das islamische Kopftuch Bestandteil ihrer Identität. Dadurch erweckt sie den Eindruck, dass sie die Kontroversen um dieses Symbol entweder verharmlost oder völlig vernachlässigt. So erwähnt sie weder die theologischen Einwände muslimischer Gelehrter gegen Kopftuch und Verschleierung noch die Position des Liberal-Islamischen Bundes in Deutschland und ebenfalls nicht die Deklassierung, Verfolgung und Ermordung von Frauen in Ländern, wo der Islam Staatsreligion ist. Ihre Auffassung: „Ich kann damit ausdrücken, dass ich als Frau entscheiden kann, wie ich mich kleiden darf, wie ich auftreten möchte“ wirkt unreflektiert und eindimensional. Tatsächlich überlässt der dogmatische Islam Frauen nicht die Entscheidung, wie sie sich im öffentlichen Raum kleiden und verhalten sollen.

 

Wenn sie es als „paradox“, also als widersprüchlich, empfindet, dass das Kopftuch einerseits in der öffentlichen Wahrnehmung für Unterdrückung steht und andererseits der Staat den Trägerinnen verbietet, in bestimmten Berufen zu arbeiten (also ihrer Meinung nach selbst Unterdrücker ist), sind ihr bei dem Vergleich die logischen Ebenen durcheinandergeraten. Eben weil das Kopftuch Zweifel an der demokratischen Gesinnung hervorruft, muss der Staat verhindern, dass Verfassungsfeinde durch die Hintertür in die Organe der Rechtsordnung eindringen. 

 

Religiöse Bekenntnisse bedürfen grundsätzlich der Reflektion. Als Protestant ist mir bei der Auseinandersetzung mit Philosophie, Religionswissenschaft und Theologie klar geworden, dass der mir in Kinderjahren vermittelte Glaube seit über 200 Jahren durch die historisch-kritische Forschung obsolet ist. Der biblische Jesus lässt sich historisch nicht nachweisen. Die neutestamentlichen Schriften sind disparate Glaubenszeugnisse, keine Berichte. Überwiegend gehen sie auf innerjüdische Refombewegungen zurück (was man an den zahlreichen Zitaten aus der Hebräischen Bibel merkt) und geben auch persische, altgriechische und römische Glaubensmythen wieder (z.B. der aus Persien stammende Mithras-Kult, der im Römischen Reich um die  Zeitenwende verbreitet war und christliche Motive wie Weihnachtslegende, Kreuzigung und Auferstehung enthält). Ich begreife sie im Wesentlichen als weisheitliche Erfahrungen des Altertums und messe die Kirche an ihren Wohltaten für die Menschen. Vielleicht kann das ein Beispiel für moderne Muslime sein.

 

 

Klaus Philipp Mertens