1968. 50 Jahre ist das nun her. Für einige, die dabei waren oder die es nach wie vor interessiert, ist das Anlass sowohl zu nostalgischen Erinnerungen als auch zu selbstkritischen Aufarbeitungen. Und es ist während eines solchen Jubiläums auch Gelegenheit, verzerrte Darstellungen zu korrigieren. So lautet der Titel der PRO LESEN - Themenwoche nicht von ungefähr „Alles war anders“.
Andere werden die Gelegenheit nutzen, ihrem Ärger über die damals begonnene gesellschaftliche Erneuerung Luft zu machen. Und manche habe das bereits getan. So forderte beispielsweise das AfD-Vorstandsmitglied Jörg Meuthen: "Wir wollen weg vom links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland und hin zu einem friedlichen, wehrhaften Nationalstaat". Das klingt in meinen Ohren wie der Wunsch nach einem Zurück nach Vorgestern.
Mir fällt bei solchen dummen Redensarten immer wieder ein Pressefoto vom November 1967 ein. Zwei Studenten der Universität Hamburg enthüllen anlässlich der Rektoratsübergabe ein Transparent, auf dem zu lesen ist: „Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren“. Mit den 1000 Jahren wurde bewusst auf die NS-Diktatur angespielt. Und auf Bereitschaft vieler Wissenschaftler, sich dem Unrechtssystem ohne Wenn und Aber anzupassen.
Die 68er Protestbewegung verstand sich als Gegenpol zur damals längst begonnenen Geschichtsklitterung und ebenso als Antwort auf die Restaurationstendenzen der 50er Jahre, die von etlichen Demokraten als Renazifizierung empfunden wurden. Denn Bundeskanzler Konrad Adenauer störte es offenbar nicht, dass in seinem engeren Umfeld Altnazis wie Hans Globke, Chef des Bundeskanzleramts, und Theodor Oberländer, Bundesverkehrs- und Vertriebenenminister, Dienst taten. Das Rechtswesen war sogar überproportional durchsetzt von Juristen, die einst auf Biegen und Brechen das „Dritte Reich“ gerechtfertigt hatten.
Zu heftigen Kontroversen innerhalb der Studenten und ihrer Sympathisanten führte ein Zitat von Karl Marx, das aus seiner Frühschrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ stammt. Es lautet: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“. Unschwer setzte Marx auf einen breiten Bewusstseinswandel, der einem Gebrauch der Waffen überlegen sein und zu wirklichen Veränderungen führen würde.
Ich greife Marx’ These auf, indem ich eine Verbindung herstelle zu dem, was deutsche Schriftsteller über 1968 und die Folgen geschrieben haben. Denn vielfach erwiesen und erweisen sich diese erzählenden Analysen als nachhaltige Aufklärung im philosophischen Sinn des Worts. Als „Waffen der Kritik“ fungierten die Schreibmaschinen dieser Literaten. Und was mit ihrer Hilfe zu Papier gebracht wurde, erweist sich bis heute als nachhaltig.
Exemplarisch kommen in dieser Lesung Bücher zweier Autoren zu Gehör. Zum einen der persönliche Rückblick des Germanisten und Philosophen Richard David Precht, der den phantasievollen Titel trägt „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“. Und der Roman „Heißer Sommer“ des Schriftstellers Uwe Timm, der sich ebenfalls aus dem persönlichen Erleben speist und als besonders gelungene literarische Darstellung dieses Zeitabschnitts gilt.
Als ich diese Bücher las, das von Uwe Timm bereits kurz nach seinem Erscheinen 1974, fiel mir auf, dass meine persönlichen Erlebnisse Gemeinsamkeiten mit denen der Schriftsteller aufweisen. An einigen persönlichen Beispielen möchte ich das illustrieren. Hierbei handelt es sich um Passagen aus einem Beitrag für den Internet-Blog der FRANKFURTER RUNDSCHAU vom Oktober 2017. Lutz BRONSKI Büge fragte seine Leser damals: „Wie war Ihr 1968?“
„Waren Sie auch ein 68er?“ wurde und werde ich häufig gefragt. „Eigentlich nicht“, antworte ich dann. „Denn ich beteiligte mich bereits ab dem Frühjahr 1966 an den politischen Protesten von Schülern, Studenten und Lehrlingen sowie an Demonstrationen in der Kulturszene.“ Und das entwickelte sich so:
Im Januar 1966 hatte ich meinen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer eingereicht. Im April wurde ich Mitglied des „Verbands der Kriegsdienstverweigerer (VK)“ in meiner Heimatstadt Dortmund. Der Verein wurde für mich so etwas wie das Eintrittstor zur Welt der Politik, zu der ich bislang keinen Zugang besaß und von der ich mir kaum genaue Vorstellungen machen konnte. Trotz intensiver Lektüre der WAZ, der ZEIT, der linken Zeitschrift KONKRET und des SPIEGELs.
In Jugendhäusern, Kirchengemeinden und öffentlichen Bibliotheken nahm ich an Diskussionen über die Bundeswehr, die NATO, den Warschauer Pakt sowie über die ethischen und politischen Aspekte militärischer Gewalt teil. Anfangs als Zuhörer, später saß ich mit auf den Podien. Und immer häufiger mischte ich mich ein in die Kontroversen über die gesellschaftliche Situation der Bundesrepublik. Denn neben der Friedensfrage rückten auch die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse im Land in meinen Blick.
In einem von linken Gewerkschaftern initiierten Bildungsverein, dessen Domizil ein ausgebauter Keller nördlich des Dortmunder Hauptbahnhofs war (also in einem anrüchigen Viertel lag, unweit von Bordell, Striplokalen und Bars), stieß ich auf die Schriften von Friedrich Hegel, Ludwig Feuerbach, Karl Marx und Friedrich Engels. Während mir das Gymnasium nie verheißungsvolle Zugänge zur deutschen Philosophie im 19. Jahrhundert verschaffen konnte und das mutmaßlich auch nicht wollte, sog ich die neu entdeckten Ideen der frühen Sozialisten geradezu auf - so wie einer, der 40 Tage in der Wüste dem Verdursten ausgeliefert gewesen war.
Zu meinem 19. Geburtstag im Juli 1966 schenkte ich mir selbst Herbert Marcuses Schrift „Der eindimensionale Mensch“, die kurz zuvor in deutscher Übersetzung erschienen war. Marcuse thematisiert darin die Manipulation des Menschen in der Konsumgesellschaft und rief zur „Großen Verweigerung“ auf. Dies war ein Signal, das von der protestierenden jungen Generation gehört und angenommen wurde - und dieser hatte ich mich angeschlossen.
Ende November 1966 sprach Rudi Dutschke in der Berliner „Hasenheide“ vor einigen Tausend Menschen. Er wendete sich in seiner Rede gegen den US-Krieg in Vietnam und gegen die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen in der Bundesrepublik. Die Berichterstattung darüber in der Ruhrgebiets-Presse war eher dürftig. Lediglich „Die Welt“, „BILD“ und andere Zeitungen des Axel Springer Verlags wurden ausführlicher, allerdings mit aggressivem Tonfall; es schien so, als hätten die Zentralorgane des Kapitalismus ihre ernst zu nehmenden Gegner und möglichen Überwinder ausgemacht und schossen sich auf diese ein.
Am Anfang des neuen Jahres 1967 galt ich bereits als ein gut vernetzter Aktivist in Dortmunds unabhängiger linker Szene.
Die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni am Rande einer Demonstration gegen den Schah von Persien in West-Berlin offenbarte den Umfang der vor allem von der Springer-Presse gelenkten Aggression, die sich gegen protestierende Studenten entlud. Das unglückliche Taktieren des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz (1915 - 1993), der sich sowohl dem rechten Flügel seiner eigenen Partei, der SPD, als auch der ohnehin rechts verorteten CDU gegenübersah, heizte die Eskalation der unausgestandenen Konflikte noch an. Erst spät bekannte Albertz, am schwächsten gewesen zu sein, als er am härtesten war, nämlich in jener Nacht des 2. Juni 1967. Ende September trat er von seinem Amt zurück.
Über seinen Sohn, den Theologieprofessor Rainer Albertz, mit dem ich beruflich zu tun hatte, lernte ich Heinrich Albertz auf dem Evangelischen Kirchentag 1985 in Düsseldorf kennen und hatte das Gefühl, einem großen weisen Mann begegnet zu sein.
Für mich persönlich blieb das Jahr 1967 turbulent. Im Herbst wurde ich zum ehrenamtlichen Geschäftsführer der Dortmunder Gruppe des Verbands der Kriegsdienstverweigerer gewählt und initiierte daraufhin die Gründung eines Treffpunkts der pazifistischen und linksunabhängigen Szene, den wir „Club Zivil“ nannten. Zusammen mit dem wenige Monate vorher gegründeten „Republikanischen Club“ dominierten wir das Feld, das links der SPD lag.
Mit großer Zurückhaltung reagierten wir auf die Annäherungsversuche der dogmatischen Linken, die aus dem Umfeld der verbotenen KPD kamen. Prinzipiell hatten wir nichts gegen eine Wiederzulassung der Kommunistischen Partei einzuwenden, versprachen uns davon sogar eine erhebliche Belebung der politischen Diskussion. Aber uns störten Sprache und Symbole, die unkritisch aus der DDR importiert zu sein schienen.
Äußerlich weitaus weniger dogmatisch zeigte sich das Jugendmagazin „Elan“, das in Dortmund erschien. Es hing - wie wir alle vermuteten - am finanziellen Tropf der DDR; nach der Wende musste die Zeitschrift eingestellt werden. Ähnliches galt auch für den profilierten Schallplattenverlag „PLÄNE“.
Doch während der Jahre von 1966 bis 1969 waren PLÄNE, ELAN, der Republikanische Club und nicht zuletzt der „Club Civil“ angesagte Adressen in Dortmunds linker und überwiegend links-unabhängiger Szene. Dabei kam auch das typische Vergnügen, das man spätestens seit Friedrich Engels den Linken nachsagt, nicht zu kurz. Nämlich Wein, Weib und Musik. Na ja, in Dortmund war es statt des Weins üblicherweise das Bier. Hingegen spielten Hasch und andere Drogen keine Rolle. Ich hatte keinen Bedarf und habe nichts vermisst. Und so wie mir ging es allen, die ich näher kannte.
In der ersten Januar-Woche 1968 meldete sich Dagmar bei mir, ein junges Mädchen, dem ich schon einmal bei den „Ostermarsch“-Aktivisten begegnet war und lud mich zu einer Diskussionsgruppe ein. Es ginge um neue Formen der Jugendarbeit und meine Erfahrungen aus dem „Club Civil“ seien sehr gefragt. Es war ein kalter und grauer Sonntagvormittag, an dem ich diese Wohnzimmerversammlung in einem nordöstlichen Stadtteil Dortmunds aufsuchte. Die Teilnehmer waren überwiegend Männer im Alter zwischen 25 bis 40 Jahren. Zwei waren mir von ELAN bekannt, einen ordnete ich wegen seiner stereotypen Ausdrücke der KPD zu. Ich machte gute Miene zum zunächst rätselhaften Spiel und hörte mir alles an.
Reiner, den ich flüchtig vom Sehen kannte und der bei IG Metall-Jugend eine ehrenamtliche Funktion ausübte, übernahm die Versammlungsleitung und kündigte für März die Gründung der „Sozialistischen Deutschen Arbeiter-Jugend“ an. Einer der Söhne Willy Brandts, Peter (der spätere Historiker), würde auch mitmachen. Als Erster Vorsitzender stünde Rolf Priemer (1940 - 2017), der Chefredakteur von ELAN, zur Verfügung; er war auch Teilnehmer der Runde. Ebenso wie ein anderer aus der ELAN-Redaktion, nämlich Reinhard Junge, der im künftigen SDAJ-Vorstand mitwirken wollte. Ich habe nach dieser Versammlung lange nichts mehr von ihm gehört. Doch 17 Jahre später, 1985, erschien sein erster Kriminalroman mit Ruhrgebietsmotiven. Danach hat er zusammen mit Jürgen Pomorin (Pseudonym: Leo P. Ard) weitere Krimis und sogar Fernseh-Serien geschrieben.
Gründungsdatum sollte der 5. Mai 1968 sein, der 150. Geburtstag von Karl Marx. Mit der Verwaltung der GRUGA-Halle in Essen sei bereits ein Vorvertrag abgeschlossen worden. Es war offensichtlich, dass sich die im Untergrund arbeitende KPD an die Jugend- und Studentenproteste anhängen wollte und dazu ihre einstige (und seit 1956 ebenfalls verbotene) Jugendorganisation, die „Freie Deutsche Jugend“, reaktivieren wollte. Und möglicherweise war noch mehr geplant. Ich tippte auf eine Neugründung der KPD.
Doch die undogmatische Linke in Dortmund diskutierte mehrheitlich ganz andere Themen. Rudi Dutschkes Rede auf dem Vietnam-Kongress in West-Berlin (17. und 18. Februar 1968) löste zwar auch bei uns ein großes Echo aus. Allerdings hielten wir seine Interpretation dieses Kriegs für fragwürdig. Sicherlich handelte es sich um den Versuch, die Hegemonie der USA in der westlichen Welt skrupellos durchzusetzen. Doch die Viet-Minh und ihr Führer Ho Tschi-Minh waren nicht nur die einstigen Befreier von japanischer und französischer Kolonialherrschaft. Sie waren zu einem wesentlichen Teil selbst fremdbestimmt: nämlich durch die Volksrepublik China und durch die Sowjet Union. Auch die Thesen des mit Dutschke befreundeten deutsch-chilenischen Schriftstellers Gaston Salvatore („Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam“) überzeugte uns nicht. Den revolutionären Ideen fehlte das, was sie ständig behaupteten, nämlich eine Basis in den Massen. Diese Verkennung der Realitäten führte nach meiner Überzeugung damals zur „Bewegung 2. Juni“ und schließlich zur „Roten Armee Fraktion“.
Allerdings: Wenn ich mich in Frankfurt am Main mit Mitgliedern des Bundesausschusses des „Verbands der Kriegsdienstverweigerer“ im „Haus der Jugend“ traf, schlug mir vor allem von den Frankfurter Delegierten, überwiegend Studenten, eine geradezu enthusiastische Stimmung entgegen, die von der Hoffnung auf die unmittelbar bevorstehende Aktivierung der Massen geprägt war. Im Stadtteil Sachsenhausen, wo ich heute lebe, gab es sogar eine „Rote Garde Sachsenhausen“ - und die war kein Karnevalsverein.
Doch im Ruhrgebiet waren wir realistischer. Denn die Bergleute und Stahlarbeiter wollten nach unserer Wahrnehmung mehrheitlich kleine Kapitalisten werden.
Wir, die auf dem Boden der Tatsachen verbliebenen undogmatischen Linken in Dortmund, Bochum oder Gelsenkirchen, blickten am Anfang des Jahres 1968 vor allem nach Prag. Dort hatte am 4. Januar das Zentralkomitees der KPČ Alexander Dubček zum 1. Sekretär der Kommunistischen Partei gewählt. Das war der Beginn des kurzen Prager Frühlings, der bis in den Sommer dieses Jahres anhielt. Das Schlagwort vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ begeisterte uns; aber auch Rudi Dutschke fuhr im März nach Prag. Es schien so, als hätte er dort den ersehnten Ruf nach Freiheit in Verbindung mit dem revolutionären Elan der Massen wahrgenommen.
Als uns die Nachricht von der Ermordung Martin Luther Kings am 4. April 1968 erreichte, versammelten wir uns spontan auf dem Alten Markt in der Dortmunder Innenstadt zu einer friedlichen Demonstration. Ein Anruf bei Polizeipräsident Fritz Riwotzki (1910 - 1978), einem ehemaligen Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, hatte zur Anmeldung genügt.
Mit dem 11. April 1968, einem Gründonnerstag, änderte sich am vergleichsweise bislang beschaulichen Jahresverlauf alles. An diesem Tag wurde Rudi Dutschke in West-Berlin von einem Attentäter niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. In der Nachbarstadt Essen wurde daraufhin die Druckerei des Springer Verlags blockiert, einige Auslieferfahrzeuge wurden mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt.
Die Ostermärsche gerieten zu einer Protest- und Gedenkveranstaltung für Martin Luther King und Rudi Dutschke. Ich hatte wie bereits in den beiden Vorjahren am Marsch von Bochum nach Dortmund teilgenommen, der am Ostermontag stattfand. Er gehörte zu den machtvollsten Demonstrationen, an denen ich je teilgenommen habe. Nach der Abschlusskundgebung auf dem Neuen Markt trafen sich Mitglieder von „VK“, „Club Civil“ und der „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“ in der Gaststätte im Dortmunder Hauptbahnhof. Der Meinungsaustausch wurde beherrscht von der Frage nach alten und neuen Nazis. Schließlich hatte Josef Bachmann, der Dutschke-Attentäter, sein politisches Weltbild aus der „Deutschen National- und Soldatenzeitung“ gewonnen. Der Handlanger Bachmann fügte sich in ein Bild, das bislang geprägt war von Kurt Georg Kiesinger, dem ehemaligen NSDAP-Mitglied und Bundeskanzler, oder von Hans Globke (1898 - 1973), dem ehemaligen Kommentator der „Nürnberger Gesetze“ und Staatssekretär Konrad Adenauers.
Nikolaus Koch, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Dortmund und gut bekannt mit dem katholischen Ruhrbischof Franz Hengsbach, erinnerte daran, dass die restaurative Politik Adenauers durch die Große Koalition fortgesetzt und keinesfalls beendet worden wäre. Er lud die Runde ein, sich künftig in engen Abständen in seinem Haus in Witten-Bommern, über dem Ruhrtal gelegen, zu politischen Gesprächen zu treffen. Ich beteiligte mich daran bis April 1969; denn dann wurde ich zum zivilen Ersatzdienst eingezogen.
Auch in Frankreich protestierte die akademische Jugend. Am 3. und 6. Mai wurde die Sorbonne in Paris besetzt. In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai kam es in Paris zu Straßenkämpfen, es wurde die „Nacht der Barrikaden“.
Die Verabschiedung der Notstandsgesetze am 30. Mai 1968 hatten wir kommen sehen; vor allem, nachdem IG Metall und ÖTV unter dem Druck der SPD eingeknickt waren.
Der Prager Frühling und mit ihm alle Hoffnungen auf eine Wende im Ostblock endeten am 21.August, als die Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei einmarschierten. Auch an diesem Tag gab es eine spontane Demonstration in der Dortmunder Innenstadt, an der ich teilnahm. Ich sah enttäuschte Linke und empörte Sozialdemokraten, aber auch einige Bürger, die einen sehr zufriedenen Eindruck machten.
Wenig später, im September, fand der Gründungskongress der „Deutschen Kommunistischen Partei DKP“ statt. Mit ihm wurde die verbotene KPD neu konstituiert, also weder aus den Trümmern der alten KPD heraus neu belebt noch neu gegründet. Mit der Rechtfertigung des Einmarschs in Prag vergab sich die Partei alle Chancen, am längst vorhandenen linken Bewusstseinsprozess entscheidend teilzunehmen. Zwar sollte sie bald schon über eine breit aufgestellte Publizistik und ein weit verzweigtes Netz von Kollektiv-Buchhandlungen verfügen, aber damit erreichte sie fast ausschließlich die bereits hinlänglich Überzeugten.
Die von ihr im Bundestagswahljahr 1969 mit initiierte „ADF - Aktion demokratischer Fortschritt“ kam auf weniger als ein halbes Prozent der Stimmen. Nach der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler setzten auch viele der unabhängigen Linken auf die SPD und speziell auf die aufsässiger gewordenen Jungsozialisten.
Doch die anfängliche Euphorie verflog 1972, als die SPD den Wünschen der CDU nach einem Radikalenerlass nachkam. Durch diesen sollten Mitglieder der DKP, der SDAJ und des SDS aus dem öffentlichen Dienst ferngehalten werden. Nominell richtete er sich auch gegen Angehörige der NPD, doch entsprechende Verfahren blieben die Ausnahme.
Mitte der 1970er Jahre, also nach dem Rücktritt Willy Brandts und unter der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt, war die interne Diskussion in der Ruhrgebiets-SPD von der Stamokap-Frage bestimmt. Stamokap bedeutet „Staatsmonopolistischer Kapitalismus“ und meint die Verschmelzung des Staates mit der Wirtschaft, vor allem mit den tonangebenden Monopolen. Die Theorie geht im Wesentlichen auf Rudolf Hilferding zurück und wurde später von Lenin weiterentwickelt. Doch bereits Karl Marx und Friedrich Engels hatten erkannt, dass Konzentration und Zentralisierung des Kapitals und der Produktion ein Ausmaß erreichen würden, durch welches wenigen Großunternehmen eine beherrschende Stellung eingeräumt wird. Diese Unternehmen teilten die Märkte untereinander auf, träfen Absprachen über Preise, Löhne und zu produzierende Mengen.
Die Landesverbände der Jungsozialisten in Hamburg und Berlin verabschiedeten bereits 1972 Strategiepapiere, in denen sie die Stamokap-Theorie zur Grundlage ihrer politischen Arbeit machten. Im Bundesvorstand der Jungsozialisten sorgte das jahrelang für heftige Diskussionen. 1977 wurde Klaus Uwe Benneter Vorsitzender der Jusos. Als Anhänger der Stamokap-Theorie trat er für breite „antimonopolistische Bündnisse“ ein, was auch die Zusammenarbeit mit der DKP einschloss. Benneter wurde daraufhin aus der SPD ausgeschlossen. Einige Jahre später wurde er auf Druck seines Freundes Gerhard Schröder wieder aufgenommen und avancierte sogar für einige Zeit zum Generalsekretär der Partei.
Radikalenerlass, die unterdrückte Stamokap-Diskussion und die wirtschaftsfreundliche Politik Helmut Schmidts führten dazu, dass sich undogmatische Linke bald schon in der SPD nicht mehr heimisch fühlten. So war es kein Wunder, dass beispielsweise Rudi Dutschke und der DDR-Dissident Rudolf Bahro nach einer politischen Alternative riefen. Die Stunde schien günstig zu sein, denn etwa seit 1975 gewann die Anti-Atomkraft-Bewegung durch den Streit um das geplante AKW bei Wyhl in Südbaden immer mehr Anhänger. Ich lebte seit 1976 in der Wesermarsch, ca. 50 KM nördlich von Bremen. Ziemlich bald hatte ich mich einer Bürgerinitiative gegen AKWs angeschlossen; denn nicht weit entfernt stand das Atomkraftwerk Unterweser bei Esensham vor seiner Inbetriebnahme. Unsere Gruppe war äußerst homogen zusammengesetzt. Neben linken Sozialdemokraten, DKP-Mitgliedern und Bio-Bauern mischten auch Rechte mit. So die „Aktion unabhängiger Deutscher“. 1978 entstanden die „Grün-Alternativen Liste“, die „Grüne Liste Umweltschutz“ und die „Bunte Liste“, was 1979 zur Gründung der Partei „Die Grünen“ führte. 1980 löste sich die AUD auf und trat geschlossen den GRÜNEN bei. Noch kurz vor seinem Tod am 24. Dezember 1979 warnte Rudi Dutschke davor, die ökologische Frage ohne die soziale Frage zu stellen. Dieser Zielkonflikt ist bis heute bei den „Grünen“ lebendig, wenn auch derzeit mit abnehmender Tendenz.
Klaus Philipp Mertens

