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Von Hochstaplern und Dilettanten

Das falsche Spiel um die Frankfurter Theateranlage

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Die Auseinandersetzungen um die Zukunft der Frankfurter Bühnen sind mittlerweile bühnenreif. Zumindest dann, wenn sie von den Vertretern jener Gruppen und Parteien geführt werden, denen die jahrzehntelange Vernachlässigung der Gebäude anzulasten ist. Man kann es nur als Vandalismus bezeichnen, dass eine Anlage, die 1951 (Oper) und 1962 (Schauspiel) auf den erhaltenen Fundamenten des im Krieg zerstörten Schauspielhauses errichtet wurde, dem Verfall preisgegeben war. Jetzt, wo die Spuren der Verwahrlosung unübersehbar sind, legt man die Lösung der aufgelaufenen Probleme in die Hände von Parteikarrieristen, Architekten und Bauunternehmern. Damit ist garantiert, dass das Frankfurter Theater zwischen Eitelkeit und Immobilienspekulation zerrieben wird. Über Nachhaltigkeitserwägungen ist nichts bekannt geworden; die Kulturdezernentin hält eine Sanierung für unwirtschaftlich, nennt aber keine signifikanten Details. Die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung hat sich die Unterschiede zwischen bewahrender Reparatur und Neubau nicht im Detail erläutern lassen; mutmaßlich, weil es sie im Grunde nicht interessiert – so wenig wie in den 60 Jahren zuvor. Sie fühlt sich aber offenbar dazu in der Lage, in Kürze auf der Basis von Nichtwissen die Ausgabe von 900 Millionen Euro zu genehmigen.
 

Typisch für diese Scheindebatte ist, dass es nirgendwo tatsächlich um Kultur geht. Also von dem, was auf der Bühne zur Sprache kommen sollte und wie man es endlich schaffen könnte, diese Angebote in der breiten Bevölkerung zu verankern. Die Auswertung der Geschäftszahlen legt in diesen entscheidenden Punkten nämlich Handlungsbedarf nahe. Aber wer von denen, die im Wolkenkuckucksheim von Palästen und Renditen träumen, liest schon das „Statistische Jahrbuch 2018“ der Stadt Frankfurt? Allenfalls verdrängt man dessen Wahrheiten.
 

Der Vergleich der Spielzeiten 2016/17 und 2017/18 weist bei der Oper ein Minus von 18.953 bei den ausgegebenen Karten aus; nämlich 215.953 zu 197.000. Auch beim Schauspiel stehen den 182.974 Karten des erfassten Vorjahreszeitraums 163.019 im letzten gegenüber. Für 2018/19 liegen noch keine Zahlen vor. Das deutet auf ein Akzeptanzproblem hin, das mutmaßlich nicht auf den baulichen Zustand der Spielstätten zurückzuführen ist. Doch selbst dann, falls diese Zahlen lediglich durchaus übliche Schwankungen belegen sollten, lassen sich aus ihnen Rückschlüsse auf die tatsächlichen Besucher ziehen.
 

So stellen die von Oper und Schauspiel im letzten Berichtszeitraum ausgegebenen 360.019 Karten keine einzelnen Personen dar. Die Analyse des immer größerer gewordenen Kundenkreises aus Abonnenten und Schauspiel-Card-/Opern-Card-Inhabern berechtigt zu folgender Modellrechnung: Mindestens zwei Drittel der Eintrittskarten entfallen auf diese Besucher. Es ist darüber hinaus davon auszugehen, dass sie mindestens fünfzehnmal pro Spielzeit ins Theater gehen. Und beim verbleibenden Drittel ist eine durchschnittliche Untergrenze von 5 Besuchen anzusetzen. Diese, auch auf persönlichen Stichproben basierende, Durchschnittsrechnung ergibt ca. 40.000 Personen pro Spielzeit. Das sind ca. 5 Prozent der Frankfurter Bevölkerung. An dieser Zahl hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre wenig geändert. Daraus ist zu schließen, dass es den politisch und fachlich Verantwortlichen nicht gelungen ist, Oper und Schauspiel für weite Teile der Bevölkerung attraktiv zu machen.
 

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Nominell werden die veranschlagten 900 Millionen Euro Baukosten einer Minderheit zu Gute kommen, die aber streng genommen gar nichts davon hat. Vorausgesetzt, sie besucht die Spielstätten nicht ausschließlich in der Absicht, sich im Foyer sehen zu lassen. Dem Spielbetrieb hingegen könnten wegen der gigantischen Investitionen in Äußerlichkeiten auf mehrere Jahre Finanzmittel entzogen werden.
Theaterkunst entfaltet sich allein auf der Bühne, das Drumherum ist eigentlich Nebensache, muss aber, auf das Notwendige reduziert, vorhanden sein und gepflegt werden. An solcher Einsicht mangelt es Frankfurt seit den 1950er Jahren. Deswegen ist es ein Schmierentheater, was gegenwärtig in Sachen „Städtische Bühnen“ geboten wird.
 

KPM