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Googeln, Aldinen, Lidln oder Rewen?

Die freiwillige Selbstauslieferung der Verbraucher

(c) Medien-Redaktionsgemeinschaft

Die geheimnisumwitterte Chiffre für den neuesten Wahnsinn im Zeitalter des globalen Neoliberalismus heißt Digitalisierung. Vor allem Politiker gehen mit ihr hausieren. So fragte unlängst der Grünen-Politiker Felix Banaszak in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau: „Lohnt sich das Lernen von Fakten, Jahreszahlen und Formeln – wenn man sie in Sekunden im Netz googeln kann?“.

Diese Äußerung ist entlarvend. Dokumentiert sie doch den Umfang des Nichtwissens einer Politikerkaste, die sich zwar um formalrechtliche Regeln eines Digitalisierungspakts streitet (Stichwort: Eingriff in die Kulturhoheit der Bundesländer), der aber allem Anschein nach der Denkprozess, der zu einer Digitalisierung, also einer elektronischen Codierung, führt, nicht hinreichend bekannt ist. Mutmaßlich beherrschen sie die Kunst des angewandten logischen Denkens nicht, reden aber so darüber, als hätten sie es erfunden.
 

Allein die Verwendung des Wortes „Googeln“ ist eine Absage an die menschliche Vernunft, weil es eine Suchanfrage im Internet auf das Angebot nur eines - und zudem kommerziellen - Anbieters beschränkt. Würde man solche Sprachkonstruktionen auf andere Alltagsbereiche des Lebens anwenden, ginge man schon bald nicht mehr einkaufen, sondern würde ALDINEN oder LIDLN oder REWEN – um nur einige der bestehenden theoretischen Möglichkeiten zu nennen, mit denen der Verbraucher seine Selbstbestimmung aufgeben könnte.

Und warum sollen Schüler ausgerechnet eine manipulierte Suchmaschine nutzen, die das Ranking der Suchergebnisse an verkaufte Platzierungen bindet und Nutzerprofile erstellt, die an Wirtschaft und Politik verkauft werden? Warum erwähnt Herr Banaszak nicht die Alternativen, beispielsweise Metager, DuckDuckGo oder XQuick? Entweder kennt er sie nicht oder er ist längst dem Einfluss wirtschaftlicher Interessen Dritter erlegen, hat möglicherweise die Vereinfachungen der Lobbyisten für seriöse fachliche Stellungnahmen gehalten.

Die Digitalisierung eines Denk- oder Arbeitsprozesses setzt umfassende Kenntnisse des jeweiligen Wissensgebiets voraus. Zusätzlich bedarf es der Fähigkeit, die einzelnen Elemente abstrahieren zu können. Denn nur auf der Grundlage einer Abstraktion ist eine binäre Codierung (das Zerlegen der Schritte in Plus- und Minuszeichen) möglich. Letzteres ist das A und O jeglicher Programmierung. Stimmen die Grundlagen nicht, ist jede Programmierung fehlerhaft und erweist sich letztlich als unbrauchbar.

Wer Wissen aus dem Internet abruft, muss zwangsläufig über Maßstäbe verfügen, anhand derer er/sie die Zuverlässigkeit der Informationen erkennt. In Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern allgemeinbildender Schulen habe ich den Eindruck gewonnen, dass der Mehrheit der Pädagogen keine entsprechenden Normen bekannt sind. Auch an medienpädagogischen Fortbildungen haben anscheinend nur wenige teilgenommen. Wobei manche Medienpädagogik sich in der Anwendung von Facebook, Whatsapp und Twitter erschöpft; kritisches Hinterfragen ist in diesen Kursen für Anpassung kein Thema.

Ich habe vor zwei Jahren enzyklopädische Artikel von WIKIPEDIA mit denen in zwei geisteswissenschaftlichen Lexika verglichen. Zum einen mit dem umfangreichen theologischen/religionswissenschaftlichen Standardwerk „Religion in Geschichte und Gegenwart“ (das auch als CD vorliegt) und dem von Walther Killy begründeten mehrbändigen „Literaturlexikon“ (das zeitweilig auch als CD verfügbar war). Nach der Abarbeitung von jeweils 50 Begriffen bzw. Namen ließ sich Folgendes feststellen: Etwa die Hälfte der WIKIPEDIA-Beiträge deckt sich teilweise (auch im Wortlaut) mit den erwähnten Lexika-Artikeln, ist jedoch vielfach gekürzt, vor allem dort, wo das Entstehen von Lehrmeinungen und deren Rezeption ausführlich beschrieben wird. Auch die zu Rate gezogene Sekundärliteratur ist selten vollständig erwähnt. Deswegen lässt sich mit solchen Artikel in den Hauptfächern allgemeinbildender Schulen nicht arbeiten, weil das Wissen auf Oberflächliches reduziert wird. Für die wissenschaftliche Arbeit erscheinen sie mir generell als völlig ungeeignet.
Ich gewann den Eindruck, dass das Wissen im Internet unzulässig verkürzt wird und man damit allenfalls ein Unterhaltungsquiz im Fernsehen erfolgreich bestreiten kann. Die für den Unterrichtsgebrauch zugelassenen Bücher bieten in der Addition der Ausgaben für die aufeinanderfolgenden Jahrgangsstufen überwiegend eine deutlich bessere inhaltliche Qualität; Ähnliches gilt für die akademischen Lehrbücher.

Felix Banaszak, der hier nur exemplarisch für die parteiübergreifen anzutreffende Einfalt erwähnt wird, malt sich eine Zukunft aus, die aus den Werbeschriften der Wirtschaft stammen könnte. Beispielsweise votiert er in nicht differenzierender Weise für Teamarbeit und begründet das mit Kriterien, die im Nicht-Beweisbaren liegen. Er unterlässt dabei jeden Hinweis auf die Geschichte der Wissenschaften. Ohne die Einzelgänger in Philosophie, Natur- und Sozialwissenschaften, also ohne beispielsweise Aristoteles, Spinoza, Hegel, Marx, Darwin, Russell, Wittgenstein, Adorno etc., stünden wir nicht dort, wo wir real stehen. Als Quintessenz aus den historischen Erfahrungen wäre es notwendig, Strukturen für die breite Bildung mit Räumen für das Individuelle zu schaffen, die eine Vielzahl von Genies hervorbringen könnten.

 

Klaus Philipp Mertens