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Wissen für begrenzte Ansprüche

Das Angebot von Wikipedia

Audiostudio der Brockhaus-Enzyklopädie auf der Frankfurter Buchmesse 2005 © Messe- und Ausstellungs-GmbH

Nur beschränkt zuverlässig und nicht frei von Einflussnahmen, aber wegen seiner 2,5 Millionen Einträge gewaltig. So kann man die Einschätzungen von Wohlmeinenden über die deutschsprachige Variante der Internet-Enzyklopädie WIKIPEDIA zusammenfassen. Wikipedia setzt (zumindest theoretisch) andere Standards als Desinformationsmedien wie Facebook. Aber sie weist auch die typischen Schwachstellen aller (vermeintlich) kostenlosen Internetangebote auf. Falls kein Geld verdient werden soll, fehlt solches für Aufbau und Unterhalt einer redaktionellen Infrastruktur. Handelt es sich um kommerziell betriebene Offerten, sind zwar ausreichend finanzielle Mittel vorhanden. Diese werden jedoch in noch treffsicherere Algorithmen investiert, mit denen das Verhalten der Nutzer ausspioniert und letztlich noch höhere Erträge erzielt werden sollen.
 

Wikipedia fehlt eine Redaktion und damit eine verantwortliche Instanz, die man von einem Massenmedium allein aus presserechtlichen Gründen erwarten darf. Fachliche Zugangsvoraussetzungen für Autoren, unter denen sich erkennbar unzählige gebildete Amateure befinden, sind nicht bekannt. Im Gegensatz dazu verfügt die gebührenpflichtige Brockhaus-Online-Enzyklopädie über eine ständige Redaktion von sieben Wissenschaftlern, denen ein Team externer Experten nachgeordnet ist.
Ein besonders aktiver Teil von Wikipedias Hobby-Autoren stößt bei seinen Überprüfungen zwar regelmäßig auf Falschinformationen und korrigiert sie. Doch das betrifft im Wesentlichen nur eher populäre Themen, die von den Nutzern häufiger angeklickt werden. Trügerische bis eindeutig falsche Auskünfte bei komplexeren Zusammenhängen und Spezialistenwissen bleiben entweder unerkannt oder werden allenfalls mit allgemeinen Warnhinweisen versehen, die dem interessierten Laien nicht weiterhelfen.
Dieses Manko wird verschärft durch das Einschleusen von PR-Beiträgen aus Unternehmen, Verbänden und politischen Parteien. Was bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein einer differenzierten Beschreibung erweckt, erweist sich beim genauen Lesen als Vermittlung einseitiger Interessen unter Vernachlässigung von Tatsachen. Diese Art von Manipulation ist zwar eleganter als bei Facebook, aber von ähnlicher Wirkung.
 

Ein von Anfang an wunder Punkt, der mir bei meiner beruflichen Tätigkeit in Fach- und Wissenschaftsverlagen auffiel, ist das Abschreiben von Sachartikeln aus anderen Nachschlagewerken. Damit das Verfahren nicht auffällt, wird um- und neuformuliert. Diese Kunst beherrscht in der Regel nur, wer sowohl fachlich als auch sprachlich bestens bewandert ist. Folglich finden sich in Wikipedia zu viele Texte, die zwar eine korrekte Arbeitsgrundlage vermuten lassen, die aber durch unzureichenden sprachlichen Ausdruck verwässert bis verfälscht wurden. Ähnlich beliebt ist das Kürzen. Hierbei fallen allzu häufig unverzichtbare Elemente der Schere des Bearbeiters zum Opfer, was den Wert eines Artikels drastisch reduziert.
 

Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte im Jahr 2012 einen Beitrag über die Nutzung von Wikipedia durch Journalisten. Die meisten der Befragten vertrauten damals diesem Online-Lexikon und nutzten es für ihre eigene Recherche. Neun Jahre später ist es dort anscheinend immer noch beliebt; nach dem Eingeständnis einiger diene es jedoch lediglich zur ersten Groborientierung. Demgegenüber ist es nach meiner Kenntnis in Universitäten verpönt und gilt als nicht zitierfähige Fundstelle. Höher im Kurs scheint es an manchen allgemeinbildenden Schulen zu stehen. Ob das an schlecht informierten Lehrern oder an allzu bequemen Schülern liegt, möglicherweise an beiden, weiß ich nicht.
 

In der deutschen Wikipedia-Community wird an der maschinenlesbaren Hintergrunddatenbank Wikidata gearbeitet. Das Projekt gründet auf der Überzeugung, dass die Zukunft der künstlichen Intelligenz gehöre und folglich die Weichen rechtzeitig gestellt werden müssten. Im Klartext: Künftig wird es nicht nur von Menschen verfasste Texte in Wikipedia geben, sondern auch solche, die von Maschinen generiert werden.
 

Dieser technischen Euphorie stehen die Warnungen von Wissenschaftlern entgegen. Rudolf Seisling, der das Forschungsprojekt IGGI (Ingenieur-Geist und Geistes-Ingenieure) am Forschungsinstitut des Deutschen Museums in München leitet, bewertet die KI skeptisch: „Menschen denken, lernen und wissen etwas; ein Computer denkt, lernt und weiß nichts. Erst recht nimmt er weder eigene noch fremde Gefühle wahr. Ein Computer ist kein intelligentes, sondern ein datenverarbeitendes System. Er verknüpft mit den aus Daten oder Zeichen zusammengesetzten Nachrichten keine Bedeutungen und keine Absichten, er kann nicht denken und er hat kein Bewusstsein“ (zitiert nach: Rudolf Seisling, Es denkt nicht, Frankfurt a.M. 2021).

In Wikipedia findet man übrigens nichts über ihn und seine Theorie.

 

 

K.P.M.