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Europas teuerste Theaterbaustelle in Deutschlands kulturärmsterStadt

Der bevorstehende Bühnenabriss in Frankfurt am Main

© Medien-Redaktionsgemeinschaft

Wenn eine aktive große Bühnenanlage mit nachweisbarer kultureller und politischer Bedeutung nach 60 Jahren abgerissen werden soll, haben die Verantwortlichen ganz offensichtlich den Verstand verloren – in Bochum, München, Wien und anderen Hochburgen des Theaterlebens lacht man Frankfurt bereits aus. Tatsächlich steht der überwiegende Teil der Stadtverordneten von Grünen, SPD, FDP und Volt nicht im Verdacht, intellektueller Überflieger zu sein. Als regelmäßige Besucher der Vorstellungen fallen die Mandatsträger den Stammkunden von Schauspiel und Oper jedenfalls nicht auf. Bei Literatur- und Musikveranstaltungen an anderen öffentlichen Orten ergreifen sie selten bis überhaupt nicht das Wort, in der Regel gehen sie gar nicht erst hin. Kultur scheint sie zu überfordern, sie fremdeln mit ihr. So gesehen kann die Entscheidung zum Abriss als die Rache bildungsferner Kleinbürger gewertet werden.

 

Entbehrt der Abriss eines lebendigen Kulturdenkmals bereits jeglicher Vernunft, so lässt die verheißene „Kulturmeile“ das Errichten potemkinscher Fassaden befürchten. Was wiederum den Verdacht nährt, das kümmerliche Sein (also das unzureichende Frankfurter Kulturbewusstsein) mit einem falschen Schein umhüllen zu wollen. Denn Kultur kann man nicht mittels Verfügung installieren. Das Schlagwort „Kulturschaffende“ entstammt der Giftküche eines gewissen Joseph Goebbels – was denen, die es immer noch verwenden, mangels Allgemeinbildung nicht klar ist. Kultur ist die zusammenfassende Metaebene unzähliger künstlerischer Tätigkeiten. Und Kunst setzt bekanntlich Können voraus. Basierte sie hingegen auf Wunsch und Wollen, müsste man sie Wullst oder/und Wollst nennen. Da die Welt laut dem Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein alles ist, was tatsächlich der Fall ist, wäre es an der Zeit, das Dezernat VII (Kultur und Wissenschaft) tatsachenbezogen umzubenennen – zumindest so lange dort gravierende Irrtümer herrschen.

 

Der Dezernentin für Wullst & Wollst empfehle ich, die „Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB)“ auswendig zu lernen. Vielleicht gelangt sie dadurch zur wünschenswerten Erkenntnis, dass die Sanierung der Theaterdoppelanlage auch aus bautechnischer und ökologischer Perspektive nachhaltiger und kostengünstiger wäre als Abriss und Neubauten. Letztere würden eine Abkehr vom 1963 eröffneten Theater mit demokratischem Anspruch bedeuten und die kulturelle Deutungshoheit endgültig den Wirtschaftsoligarchen überantworten.

 

 

Klaus Philipp Mertens