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Der Kampf ums geschlechterneutrale Maskulinum

Soll die Ideologie einer Minderheit in eine gewachsene Sprache eingreifen dürfen?

© Volksbegehren gegen Genderzwang

 

Aus der hessischen Landtagswahl am 8. Oktober 2023 ist die CDU als stärkste Partei hervorgegangen (34,6 Prozent), gefolgt von der AfD (18,4 %), der SPD (15,1 %) und den Grünen (14,8 %). Nun wollen CDU und SPD eine Koalition bilden. Beide Parteien planen, an Schulen und Universitäten das Gendern mit Sonderzeichen zu verbieten, also Asterisk, Doppelpunkt und Gap. Das ruft Proteste aus den Reihen des fundamentalistischen Feminismus hervor. Das Cornelia-Goethe-Centrum (CGC) für Frauenstudien und Erforschung der Geschlechterverhältnisse hat einen Aufruf veröffentlicht, dem sich bereits 700 Wissenschaftler und wissenschaftliche Mitarbeiter angeschlossen haben. Die „Frankfurter Rundschau“ hat die Direktorin des CGC, Professorin Bettina Kleiner, interviewt. Die befürchtet, dass die gesellschaftliche Entwicklung zurückgedreht werden soll, fordert eine Sichtbarmachung der Frauen im Sprachgebrauch, warnt vor den Privilegien „weißer Männer“ und sieht einen Kulturkampf, der von reaktionären Kräften angezettelt würde, insbesondere von der AfD. Zur deutschen Sprache, ihrer Entwicklungsgeschichte, ihren Regeln oder ihrem einheitlichen Gebrauch in sechs Ländern sagt sie jedoch nichts.

 

Nach der Lektüre des Interviews sehe ich klarer:

 

Die Welt der Erziehungswissenschaftlerin Bettina Kleiner scheint sehr übersichtlich und extrem schlicht zu sein. Denn Frau Kleiner nennt in ihrem Plädoyer für eine geschlechtergerechte Sprache als wesentliche Argumente die Entmachtung der angeblich privilegierten „weißen Männer“, was purer Rassismus ist. Und sie scheut sich nicht, die „sozialen Medien“ (also die Foren der Bildungsfernen) als positive Referenz für einen Kulturwandel anzuführen. Als Warnung vor den ewig Gestrigen wird die Gesinnung der AfD hervorgehoben. Gegen Letzteres ist nichts einzuwenden, aber das Problem ist vielschichtiger. Dieser unscharfe Blick auf die Dinge kumuliert in der Unkenntnis der Agitatorin über das generische Maskulinum, das angeblich eine Art des Genderns sei, die aber nur Männer repräsentiere.

 

Ich besaß keine Möglichkeit, mich für eine andere Hautfarbe (statt der weißen) oder ein anderes Geschlecht (statt des männlichen) zu entscheiden. Gleiches gilt auch für meine sexuelle Orientierung (hetero). Das evolutionsbedingte Prinzip von Zufall und Notwendigkeit hat mir jegliche Wahl abgenommen. Für mich sind sämtliche Hautfarben, Geschlechter und sexuellen Orientierungen Teile des Normalen.

Von den vielen, vielen Frauen, mit denen ich im Lauf meines Berufslebens im Kultursektor zu tun hatte bzw. noch habe, möchten 95 Prozent keine „*in“ bzw. „*innen“ sein; ein Leben als ewiges Anhängsel des Mannes erscheint ihnen als unzumutbar. Der Rest würde es tolerieren, direkt für das Gendern votiert keine.

Dass sich in den sogenannten sozialen Medien mittlerweile auch Befürworter des Genderns finden, überrascht mich nicht. In der Nachbarschaft von Dummheit, Profilneurosen, sexuellem Missbrauch, Rechtsradikalismus, Rassismus und Verschwörungsfantasien ist anscheinend auch Platz für diesen Fanatismus.

Die AfD versucht zwar, die Bevölkerungsmehrheit, die das Gendern ablehnt, für sich zu instrumentalisieren (Friedrich Merz, der Trump vom Sauerland, versucht das ebenfalls). Doch es wäre vermessen, sie deswegen für die Avantgarde eines Kulturkampfes zu halten. Diese Partei schämt sich auch nicht, Widerstandskämpfer gegen den NS-Staat posthum zu ihren Verbündeten zu erklären. Einer ihrer widerwärtigen Sprüche lautet „Anne Frank wäre heute bei uns“. Soll ich mich als Demokrat jetzt von Anne Frank distanzieren? Ich jedenfalls bin nicht dazu bereit, mein Festhalten am korrekten, nämlich präzisen, Deutsch, das zu hochliterarischem Ausdruck fähig ist, in Frage zu stellen, nur weil die AfD das angeblich auch anstrebt (was nachweislich nicht zutrifft).

Sowohl im Deutschunterricht als auch im Studium habe ich den Unterschied zwischen Genus und Sexus gelernt. Auch die Bedeutung des generischen (genderneutralen) Maskulinums (des Epikoinons) als Produkt einer jahrhundertelangen Sprachentwicklung wurde uns vermittelt. Die Ideologie des unreflektierten Feminismus hingegen, den Bettina Kleiner propagiert, setzt auf dirigistische Eingriffe einer Minderheit in die gewachsene Sprache und verhindert sogar deren genuine Weiterentwicklung. In Joseph Goebbels Giftküche wurde Ähnliches praktiziert. Ich erinnere an die Parole „Frauen sind die Mütter im Vaterland“.

 

Der Beifall für das Absurde hält sich glücklicherweise in Grenzen. 700 Wissenschaftler haben innerhalb weniger Stunden den von Bettina Kleiner initiierten Aufruf des Cornelia-Goethe-Zentrums gegen die Pläne der künftigen hessischen Landesregierung zum Verbot der Gender-Sonderzeichen in Schulen und Universitäten unterschrieben. Den Aufruf „Wissenschaftler kritisieren Genderpraxis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ unterstützen bislang 6.000 Personen, darunter renommierte Germanisten und Linguisten (https://www.linguistik-vs-gendern.de/). Das „Volksbegehren gegen Genderzwang“ in Hessen konnte mittlerweile mehr als 20.000 Befürworter aktivieren.

 

Abschließend gestatte ich mir noch den Hinweis auf das Verwaltungsverfahrensgesetz, speziell dessen Paragrafen 23. Der regelt in Absatz 1: Die Amtssprache ist deutsch. Hierbei handelt es sich um das Deutsch, auf dessen Rechtschreibung sich am 1. August 2006 Deutschland, Österreich, Liechtenstein, die autonome italienische Region Bozen, Belgien (für die deutschsprachige Minderheit in Ost-Belgien) sowie - als Gast - Luxemburg verständigt haben. Damals wurde der Rat für deutsche Rechtschreibung installiert.

 

 

Klaus Philipp Mertens