Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

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Bleierne Spiegel

Gedicht von Ernst Hilmer

(c) MedienRedaktionsGemeinschaft


Kommend von der seuchen-geplagten Stadt
zerteile ich das Wasser des bleiern liegenden Sees,
das sich hinter mir wieder schließt, unbeeindruckt,
doch mit Zuversicht strebe ich weiter.
Zu erreichen das andere Ufer.

Wie einst mit unter Kopf verschränkten Armen
liege ich im Sand und prüfe den Himmel
auf Zeichen der Verheißung – doch kein Kranich
zieht seinen vertrauten Weg, der Hoffnung gibt,
auf Wiederkehr.

Noch einmal zerbricht die Sonne das dunkle Gewölk
und  im schwarzen Spiegel des Sees  wachsen Halden
zu Gebirge und  gewaltige Förderbänder treiben
ihre Rüssel und Pratzen in erschöpflichen Grund,
wo ich herkomme.

Immer tiefer, immer tiefer, getrieben von Gier
graben die Schaufeln, unermüdlich speien die Rohre
die seltenen Erden, gewachsen in Millionen von Jahren.
Ungeduldig warten Muldenkipper auf das kostbare Gut,
noch ist nicht alles geteert und verbaut.

Wie ein speiender Vulkan steht noch einmal die Sonne
an der Spitze des Berges aus leuchtendem Sand.
Doch schwarz wie Skelette tauchen die stählernen
Gerüste in die unergründbaren Tiefen des Sees.
Immer tiefer, immer tiefer.


(September 2020)
© Ernst Hilmer