Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

Hanns - Martin Dorenkamp: Der Jakobiner-Club

Woher wir kamen und wo wir strandeten

Am 10. Mai 1968, dem Tag der Barrikaden von Paris, hatte unser erstes Treffen stattgefunden. Im Hinterzimmer der Gaststätte »Wicküler Eck« am Westentor in Dortmund, acht Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Der Wirt bezeichnete den im Hochparterre liegenden, über fünf Stufen zugänglichen Raum als »Bergzimmer«. Bis Ende Januar 1969 trafen wir uns dort im 14-Tage-Rhythmus. Bald schon bezeichneten wir uns spöttisch als »Bergpartei«. Dann erinnerte einer, ich weiß nicht mehr wer, an die gleichnamige Gruppe, die während der Französischen Revolution eine große Rolle spielte. Marat, Danton und Robespierre hatten ihr angehört. Aus ihr waren die »Jakobiner« hervorgegangen. Folglich nannten wir uns ab dem 14. Juli, dem Gedenktag an die Revolution, nach dem historischen Vorbild »Jakobiner-Club«.
 

Bereits im Herbst 1968 zählte der Club etwa 60 Aktivisten und Multiplikatoren. Sie kamen längst nicht mehr nur aus dem Ruhrgebiet. Deswegen trafen wir uns ab dem Frühjahr 1969 auch in anderen Städten: In Soest, Bielefeld, Münster, Duisburg, Köln, Offenbach, Frankfurt, Höchst im Odenwald, Hannover und Bremen. Wegen der größeren Entfernungen konzentrierten wir uns auf jährlich zehn Zusammenkünfte, worunter die Intensität und Produktivität unserer Arbeit jedoch nie litt.
 

Wir, das waren politische Freunde, Frauen und Männer, die am Ende der wilden 60er um die 20 Jahre jung waren; mittlerweile sind jene, die dabeigeblieben waren, zwischen 70 und 75. Damals traten wir für die Überwindung der restaurativen Adenauer-Zeit und für eine demokratische Erneuerung in der Bundesrepublik Deutschland auf allen Ebenen ein. Zeitgleich formulierten wir Forderungen nach neuen sozialen Strukturen; denn das kapitalistische System hatte sich nach unserer Auffassung endgültig überlebt. Unser Ziel hieß – und heißt nach wie vor – demokratischer Sozialismus.
 

Wir empören und engagieren uns, kämpfen verbissen für diese Idee, deren vollständige Umsetzung wir mutmaßlich nicht mehr erleben werden. Denn wir sind alt geworden. Manche von denen, die seit der ersten Stunde mitmachen, sogar müde und hoffnungslos. Haben sich verschlissen angesichts unzähliger Enttäuschungen. Etliche Weggefährten, auf die man sich verlassen hatte, erwiesen sich als unzuverlässig, manche sogar als korrupt. Politische Programme, für die wir in Versammlungen und auf Kongressen Mehrheiten suchten und nach langem Ringen endlich fanden, wurden von selbst ernannten Realpolitikern verworfen. Mit einem Federstrich erklärten sie Konzepte, die aus wochenlanger Arbeit hervorgegangen waren, als unbrauchbar, als unrealistisch, als nicht durchsetzbar. Das waren ausgerechnet, oder vielleicht typischerweise, Mandatsträger von links der Mitte, die, als sich Möglichkeiten für Veränderungen abzeichneten, nicht mehr zu ihrer Überzeugung standen.
 

Der einst von den 68ern, also unserer Generation, ausgerufene »Marsch durch die Institutionen« erwies sich als zähes Kriechen durch Initiativen und Parteien. Von der Ostermarschbewegung zur »Außerparlamentarischen Opposition«, von der SPD zu den Grünen, von den Grünen zu den Linken und von den Linken zu den Linken ohne Parteizugehörigkeit.
 

Die APO scheiterte an ihrer Zersplitterung und dem Mangel an einem unabhängigen Programm, unabhängig vor allem von der Einflussnahme durch die DDR. In der SPD nach »Godesberg« waren linke Ansätze nur innerhalb bestimmter Reservate möglich. Jungsozialisten und diverse Arbeitskreise für Arbeitnehmerfragen genossen ein exakt festgelegtes Maß an Narrenfreiheit. Die Positionen der mal stärkeren, mal chancenlosen Minderheiten waren in der Gesamtpartei jedoch nie mehrheitsfähig, hierfür sorgten die so genannten »Kanalarbeiter« und später der »Seeheimer Kreis«.
 

Bei den Grünen wurde die Systemfrage erst gar nicht gestellt und folglich auch nie beantwortet. Rudi Dutschke, in den 60ern Wortführer der Studentenproteste, vermochte sich in der entscheidenden Gründungsphase Ende der 70er nicht durchzusetzen. Wenige Jahre nach seinem Tod im Dezember 1979 versuchte der DDR-Dissident Rudolf Bahro öko-sozialistische Akzente in der neuen Partei zu setzen. Sein Buch »Die Alternative« galt innerhalb der unabhängigen Linken und beim linken Flügel der Grünen bzw. der Grün-Alternativen Liste einige Jahre als wegweisend. Dennoch: Ökologie erschien jenen Alternativen, deren inhaltliche Wurzeln fest im konservativen Parteienspektrum verankert blieben (z.B. bei der »Grünen Aktion Zukunft« des ehemaligen CDU-Politikers Herbert Gruhl), als die Erneuerung eines prinzipiell begrüßenswerten Kapitalismus.

In den süddeutschen Landesverbänden formte zudem der geschlossene Beitritt der rechten Sammlungsbewegung »Aktion unabhängiger Deutscher« im April 1980 den politischen Standort. Die hatte ab 1965 der »Deutschen Gemeinschaft«, der »Deutschen Freiheitspartei« (einer Abspaltung der verbotenen Deutschen Reichspartei) und Teilen der „Vereinigung Deutsche Nationalversammlung“ ein organisatorisches Dach geboten. Personen wie der ehemalige NS-Publizist Wolf-Rüdiger Schenke (ehemals Mitglied der Reichsleitung der Hitler-Jugend und Herausgeber des HJ-Schulungsbriefes „Wille und Macht“) und August Haußleiter hatten die AUD auf Rechtskurs gehalten. Haußleiter wurde nach Auflösung der Partei und deren überwiegend geschlossenem Beitritt zu den Grünen Herausgeber der Parteizeitung und später deren Bundessprecher.
 

In dem Maße, wie einem Teil der Menschen in Ostdeutschland ab 1990 klar wurde, dass der Beitritt zur Bundesrepublik die Verleugnung der vorangegangenen vierzig Jahre einschließlich der je eigenen Identität bedeutete, konnte sich dort die SED-Nachfolgepartei PDS nachhaltig stabilisieren. Im Westen gelang ihr eine bescheidene Akzeptanz erst, nachdem sie sich mit dem Wahlbündnis WASG, das sich von der SPD abgesplittert hatte, zur Partei »Die Linke« verband. Der Protest gegen die von der Schröder-Fischer-Regierung eingeleitete neoliberale Wende, welcher der Partei zumindest am Anfang Aufmerksamkeit und Zustimmung einbrachte, vermochte dennoch keine politischen Erdbeben auszulösen. Das lag letztlich an den inhaltlichen Defiziten und an dem Unvermögen, die der SPD gegenüber kritisch eingestellten Intellektuellen auf ihre Seite zu ziehen. Viele Funktionäre schmiedeten sich freiwillig einen ideologischen Käfig, in dem sie sich vor der realen Welt einschlossen. Doch Schlagworte gegen Hartz IV allein ersetzen kein politisches Konzept. Statt den herrschenden Verhältnissen ihre eigenen Melodien vorzuspielen und sie dadurch in Argumentationsnöte zu bringen, blieb es (bislang) bei der Beschwörung der Feindbilder. Bei der Entwicklung vom kritisch gewordenen Normalbürger zum Revolutionär waren zu viele Linke auf der Stufe des Querulanten stehen geblieben.
 

Wir, die Übriggebliebenen, die noch nicht (völlig) Entmutigten, treffen uns weiterhin mindestens zweimal im Jahr, entwerfen neue Pläne und verwerfen sie häufig auch rasch wieder. Wir beraten über Aktionen und initiieren solche; skizzieren publizistische Initiativen und schreiben uns die Finger wund an Deklarationen und Leserbriefen.
 

Auf diese Weise haben wir sämtliche Regierungen der Bundesrepublik seit 1968 in kritischer Abneigung begleitet. Bei Willy Brandt fiel uns das zunächst schwer, denn er war unabhängigem, kreativem Denken verpflichtet und seine Konzepte reichten bei allem Pragmatismus weit über die seiner Partei hinaus. Unverkennbar zielte er auf einen Humanismus mit sozialistischem Akzent. Doch die Berufsverbote, die er zwar nicht initiiert hatte, aber doch hinnahm, desillusionierten den progressiven Teil der Gesellschaft. Sein Nachfolger Helmut Schmidt erwies sich, wie vorausgesehen, als Apparatschik des Systems, das wir für längst überständig hielten. Er scheiterte an den Geistern, die er selbst hatte emporkommen lassen. Helmut Kohls geistig-moralische Wende war im Kern die Wiedergeburt des Adenauer-Miefs der 50er Jahre. Für wenige Wochen weckte im Herbst 1989 der Fall der Berliner Mauer Hoffnungen auf einen wirklichen Neubeginn in Deutschland. Doch stattdessen verlängerte die Mehrheit der Ostdeutschen die Halbwertszeit der so genannten Marktwirtschaft. Als die Zeit endgültig reif schien für einen bewertenden Schlussstrich, rettete Gerhard Schröder den Kapitalismus davor, den längst notwendigen Offenbarungseid ablegen zu müssen. Das Ende der bisherigen Blöcke schien keine Zukunft einzuleiten, sondern ein Zurück in die Zeit ungebremster wirtschaftlicher Expansion zu Lasten der Machtlosen und zu Lasten unseres Planeten.
 

Am späten Nachmittag und Abend des 11. Septembers 2001 telefonierten wir pausenlos miteinander. Die Ereignisse in den USA sollten analysiert und eingeordnet werden. Im Juni hatten wir uns beim Treffen in Köln mit Gerhard Schröders Ankündigung einer weitgehenden Deregulierung der Wirtschaft beschäftigt, die er als Arbeitsmarktreform verharmloste. Wir bewerteten sie als Zeichen der endgültigen und ungehemmten Globalisierung des Kapitals, das nach der Auflösung der Blöcke offensichtlich keine Kontrollen durch Regierungen und Parlamente mehr fürchtete. Unvermutet war mit dem Angriff auf das World Trade Center in New York eine politisch-religiöse Gegenbewegung auf den Plan getreten. Doch sie repräsentierte den vernachlässigten und besonders ausgebeuteten Teil der Welt keineswegs. Dem Neoliberalismus wurde lediglich ein Neoislamismus entgegensetzt, der sich weder inhaltlich noch strukturell vom ersteren unterschied.
Marx‘ Warnung galt mehr denn je: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.
Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“
(Aus Karl Marx: „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, 1844).


„Der Jakobiner-Club“ ist der zwölfte Teil einer politischen Lebenserinnerung, welche die Zeit von den 1950er Jahren bis in die ersten zwanzig Jahre des 21. Jahrhunderts umfasst. Sie trägt den Titel „Meine große Verweigerung“. Das Erscheinen der zweiten, bearbeiteten und ergänzten Auflage des E-Books (im Standardformat ePub) ist für Mai 2020 vorgesehen; auch eine gedruckte Ausgabe befindet sich in Vorbereitung. Bezugsquellennachweis über „BRÜCKE unter dem MAIN“.