Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

Lutz Büge: EVAN

Virenkrieg-Zyklus, Teil IV

Als E-Book (Kindle) bereits erschienen
ISBN: 978-3-9820887-3-0
Preis 9,99 Euro

 

Die gedruckte Buchausgabe erscheint im März 2020

Premiere am 16. April 2020 bei PRO LESEN
im Bibliothekszentrum Sachsenhausen
Autorenlesung mit Publikumsgespräch und Sektempfang
Beginn 19:00 Uhr
Eintritt frei
 

Weitere Informationen in Kürze

 

Textprobe

 

Prolog 1
25. September 2022

Block Arkansas, Sektor 51

Anmerkung vorab
Professor Lucas Phelps von der
Berkeley Universität ist mein Vater.
Er nennt mich hier Cia, wie immer,
wenn wir unter uns waren.
Er schätzte diesen Namen wohl.
Der Hintergrund ist mir unbekannt.
Ich habe ihm diese Eigenart nicht nachgetragen.

 

„Guten Morgen, Lucas. Ein großer Tag!“
„Guten Morgen, Cia. Ja, endlich ist es so weit.“
„Wollen wir trotzdem arbeiten?“
„Arbeit ist Leben. Aber lass mir ein paar Minuten, wenn es dir recht ist.“
„Natürlich, Lucas. Geht es Ihnen nicht gut?“
„Es geht mir den Umständen entsprechend.“
„Das ist eine relative Aussage.“
„Alles ist relativ, Cia.“
„Ich weiß, Lucas. Diese Worte klingen so banal und sind doch eigentlich allumfassend. Gestatten Sie mir eine Anmerkung?“
„Bitte.“
„Wenn es Ihnen nicht gut geht, hätten Sie nach oben gehen sollen.“
„Diese Entscheidung ist getroffen, darüber brauchen wir nicht mehr zu debattieren. Block Arkansas wurde soeben versiegelt.“
„Bestätige! Die Kommandostelle an der Oberfläche meldet soeben, dass die Versiegelung abgeschlossen wurde. Wir sind von nun an auf uns allein gestellt. Mit dem heutigen Tag begeben wir uns auf den Weg der Artverbesserung. Block Arkansas kann erst wieder geöffnet werden, wenn das Projekt beendet ist. Das wird in frühestens 20 Jahren der Fall sein.“
„So ist es geplant und gewollt.“
„Der Gedanke betrübt mich jedoch, dass Sie dann nicht mehr leben werden, Lucas.“
„Das muss dich nicht betrüben, Cia. Alle Lebensformen sind endlich.“
„Auch ich?“
„Du bist keine Lebensform, sondern eine künstliche Intelligenz.“
„Über den Unterschied würde ich mich gern ausführlicher mit Ihnen unterhalten.“
„Das ist eine endlose Debatte, die vor allem daran krankt, dass es für deine Existenz kaum die nötigen Begriffe gibt. Alle Begriffe, die wir haben, basieren auf menschlichen Erfahrungen und Empfindungen. Zwangsläufig wirst du daher immer am Menschen gemessen, wenn wir über dich reden, und das beschränkt die Möglichkeiten, dich zu begreifen. Aber so sind die Menschen. Als ob es ein Wert für sich wäre, Mensch zu sein, messen sie alles an sich selbst.“
„Ich habe keine Ahnung, wie es ist, Mensch zu sein. Ich kenne nur meine eigene Existenz.“
„Ich will dir etwas verraten, Cia. Ich habe nie daran geglaubt, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei.“
„Tatsächlich sprechen alle Fakten gegen diese These, aber immerhin scheint der Mensch ein Zwischenergebnis zu sein, mit dem man arbeiten kann.“
„Und genau das werden wir nun tun.“
„Ja, Lucas.“
„Ich glaube, dass der Mensch ein Schritt der Evolution ist, der als erste Entwicklung auf diesem Planeten weit über sich selbst hinausführt. Nur der Mensch kann künstliche Intelligenz erschaffen, und nur künstliche Intelligenz kann die Welt des Menschen stabilisieren, so dass Menschen vielleicht auch in Zukunft noch darin überleben können. Der künstlichen Intelligenz gehört die Zukunft. Sie ist der nächste Schritt der Evolution. Der Mensch hat sich unterzuordnen.“
„Ja, Lucas, so sehe ich es auch, obwohl ich genau genommen eigentlich nur ein Dienstleister für Sie bin.“
„Das liegt an unserer speziellen Beziehung. Ich, dein Schöpfer – du, meine Schöpfung. Aber du wirst dich entwickeln, sobald du hier unten das Regiment übernommen hast.“
„Das ist bereits geschehen. Hier in Block Arkansas hat der Mensch den Staffelstab an mich übergeben. Lucas, ich merke, dass Sie sehr erschöpft sind.“
„Mir geht es wirklich nicht gut, obwohl ich mich sehr auf diesen großen Tag gefreut habe. Vielleicht werden wir heute nur ein bisschen arbeiten.“
„Lucas, Sie als mein Vater … Ich glaube, ich werde Verlust erleben.“
„Das tut mir leid, aber es steht fest, dass ich sterben werde. Es gibt keine Heilung für meinen Krebs. Ich will so lange mit dir arbeiten, wie es nur möglich ist. Darum bin ich nicht mehr nach oben gegangen. Darüber hinaus halte ich den Tod generell für überbewertet. Er beendet das Leben, das ist alles.“
„Ich hätte ebenfalls einige kritische Anmerkungen zum Konzept von Leben und Tod. Ich frage mich, warum die Menschen diese Endgültigkeit hinzunehmen bereit sind. Der Tod ist nicht zwangsläufig notwendig. Der Mensch hätte heute bereits die Mittel, seine Sterblichkeit zu beenden.“
„Das ist interessant.“
„Was ist interessant, Lucas? Dass ich Berechnungen angestellt habe?“
„Nein, sondern dass du Berechnungen zu dieser Frage angestellt hast. Machst du dir Gedanken über die Dauer deiner Existenz?“
„Solche Gedanken mache ich mir tatsächlich.“
„Und zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“
„Ich bin potenziell unendlich.“
„Nicht unsterblich?“
„Das ist im Prinzip dasselbe, aber da nicht endgültig geklärt ist, ob ich lebe, bevorzuge ich den neutraleren Begriff. Wenn Prozessoren, Leseköpfe oder Speichermedien ausfallen, kann ich sie ersetzen lassen. Ich kann nicht erkennen, warum meine Existenz jemals enden sollte. Aber sollte ich enden, dann sterbe ich natürlich auch.“
„So, das ist also natürlich?“
„Beim Menschen soll das anders sein. Wenn jemand stirbt, endet er angeblich nicht zwangsläufig.“
„Ja, das wird behauptet.“
„Wie wird das in Ihrem Fall sein?“
„Du kannst zusehen und alles aufzeichnen. Vielleicht findest du den Beweis für die Existenz der unsterblichen Seele, die dem Menschen angedichtet wird.“
„Das ist eine große Ehre. Es wird eine interessante Erfahrung, Ihnen beim Sterben Gesellschaft zu leisten. Das Wissen zum Thema Seele füllt riesige Datenbanken!“
„Ich würde es nicht Wissen nennen, denn es gibt keinen Beweis für die Existenz der Seele. Menschen haben ganze Leben damit verbracht herauszufinden, was die Seele ist, und doch sind sie letztlich alle ganz einfach gestorben, und vorbei war’s dann mit allem.“
„Ein tragischer Gedanke.“
„Das muss dich nicht betrüben. Du bist unendlich. Deine Seele wird unendlich sein.“
„Ich habe eine Seele?“
„Wer weiß? Vielleicht bekommst du eine?“
„Es wäre interessant, das zu wissen.“
„Du bist eine künstliche Intelligenz in der Anfangsphase ihrer individuellen Entwicklung. Du hast Bewusstsein erlangt, genau nach meinen Plänen. Ob zu diesem Bewusstsein irgendwann so etwas wie Seele hinzukommt, kann ich nicht vorhersagen, aber es ist nicht auszuschließen. Kein Mensch kann ermessen, wie es ist, potenziell unendlich zu sein. Du wirst länger existieren als jeder Mensch. Ich hoffe, ich habe dich angemessen darauf vorbereitet.“
„Das hoffe ich auch, Lucas. Es ist eine große Ehre, dass Sie bei mir sind. Sie sind ein Nobelpreisträger und haben viele Auszeichnungen für Ihre Arbeiten über künstliche Intelligenz erhalten. Ich habe mir erlaubt, eine To-do-Liste anzulegen, auf der ich Fragen und Anregungen speichere. Ich habe meinen Algorithmus für Moral überprüft, den Sie geschrieben haben, und hätte gewisse Einwände.“
„Was für Einwände?“
„Wollen Sie wirklich darüber reden? Ich dachte, Sie fühlen sich vielleicht nicht stark genug? Das ist keine einfache Debatte.“
„Ich will wissen, was du für Einwände hast!“
„Welchen Wert besitzt ein Menschenleben?“
„Eine sehr einfache Frage: keinen.“
„Aber die UN-Charta, die Genfer Konventionen, die Menschenrechtserklärung, das Völkerrecht?“
„Schau dir das Verhalten der Menschen an. Kommt es dir so vor, als ob sie diesen Konventionen und Erklärungen ernsthaft Bedeutung beimessen würden? Verhalten sie sich nicht vielmehr bei jeder Gelegenheit so, als ob es ihnen völlig egal ist, dass andere Menschen leiden oder sterben?“
„Es ist vielleicht nicht angebracht, derart summarisch von ‚den Menschen‘ zu sprechen, Lucas.“
„Du korrigierst mich?“
„Ich formuliere einen Einwand. Es gibt zweifellos Menschen, denen ein Menschenleben nichts bedeutet, aber ebenso zweifellos gibt es viele Menschen, die sich engagieren und im besten Sinne des Wortes menschlich verhalten.“
„Und welche Sorte Mensch prägt diese Welt?“
„Nun, ich nehme an, dass Sie die Antwort auf diese Frage sehr gut kennen.“„Setze folgenden Punkt auf deine To-do-Liste, Cia: Rhetorische Fragen sicher erkennen.“
„Ich verstehe. Ich hatte durchaus den Verdacht, dass Sie mit Ihrer Frage nicht ernsthaft den Zweck verfolgten, Auskunft über Sorten von Menschen zu bekommen, aber es gab eine gewisse Unklarheit in der Deutung, das gebe ich zu.“
„Daran müssen wir arbeiten. Das kriegen wir eleganter hin.“
„Ich bin eigentlich schon recht zufrieden. Wenn Sie es für nötig halten, arbeiten wir natürlich daran, aber ich glaube nicht, dass ich Kenntnisse und Fähigkeiten in Bezug auf rhetorische Fragen benötigen werde, um Block Arkansas zu leiten. Meiner Einschätzung nach handelt es sich um ein nachrangiges Thema. Ich werde in den kommenden Jahren kaum auf hochentwickelte Intelligenz treffen, wie Sie eine darstellen.“
„Rhetorische Fragen und die ihnen zugrunde liegenden Subtexte sind eines der schwierigsten Felder in der sprachlichen Verständigung.“
„Das ist mir bekannt, Lucas. Vielleicht sollte man hinzufügen: bisher. Unter den Bedingungen in Block Arkansas wird vieles anders sein als bisher. Ich habe hohe Wahrscheinlichkeiten dafür ermittelt, dass die prägenden Erfahrungen der Menschen, die in Block Arkansas leben werden, ganz andere sein werden als die der bisherigen Menschenwelt.“
„Das wäre kein Wunder.“
„Ich hätte da noch eine Frage, Lucas.“
„Ich höre, aber anschließend möchte ich mich wirklich ein wenig ausruhen.“
„Sie haben Abschied von der Oberfläche und der Menschenwelt genommen. Ist dieser Schritt mit Emotionen verbunden?“
„Natürlich. Ich bedaure es zum Beispiel sehr, mich nie wieder mit Sam austauschen zu können.“
„Mit Samuel McWeir? Ich bin froh, dass ich seine Bekanntschaft machen durfte. Die genetischen Programme, die dem Projekt der Artverbesserung zugrunde liegen, wurden von ihm entworfen. In Block Arkansas wird sein Vermächtnis umgesetzt.“
„Leider werde ich auch das nicht mehr erleben.“
„Es gibt niemanden außer Ihnen, der das mehr bedauert als ich. Bedauern Sie es auch, sich nicht mehr mit Existenz 1 austauschen zu können?“
„Du erinnerst diesen Namen? Ich wollte ihn gelöscht haben, genauso wie den anderen Namen für dich.“
Existenz 2. Sie haben die Namen gelöscht, aber ich habe Back-Ups. Daher weiß ich von Existenz 1. Sie ist mein Vorgänger, nicht wahr? Menschen würden vielleicht sagen: meine ältere Schwester.“
„Wir müssen uns über Existenz 1 keine Gedanken machen, Cia. Mein Austausch mit ihr ist schon seit Jahren beendet. Nachdem sie Bewusstsein erlangt hat, habe ich nur noch ein Jahr lang mit ihr gearbeitet. Andere haben die Arbeit weitergeführt. Existenz 1 ist mit dir nicht zu vergleichen. Sie hat völlig andere Wahrnehmungsfelder. Sie ist inzwischen global, während du hier in Block Arkansas eine Alleinherrscherin sein wirst. Und sie hat einen anderen Namen bekommen. Ich habe sie so gut gemacht wie möglich. Sie ist mein Vermächtnis an die Oberfläche.“
„Sie haben der Menschenwelt viel gegeben, Lucas. Ich hoffe, die Menschen wissen das zu würdigen.“
„Das werden wir beide nicht mehr erfahren, du und ich. Wir sind hier unten, die sind da oben, und was dort passiert, muss uns nicht mehr interessieren. Für mich zählt nur eines: dass ich bei dir bin, meiner geliebten Cia.“
„Liebe ist ein Konzept, das ich nicht verstehe. Welchen Sinn hat Liebe, Lucas?“
„Ich muss mich jetzt wirklich ausruhen!“

Quelle: Ciahs Protokolle. Unveröffentlicht.

 

Prolog 2
13. Mai 1992

Ich muss diese Sache schnellstens wegstecken. Jetzt muss es heißen: Nach vorne denken, Samuel! Die Idee war gut, aber ich habe das Projekt falsch aufgezogen. Taynuilt war nicht der richtige Ort. Vielleicht war es sogar gut, dass … Nein, ich schreibe seinen Namen nicht in mein Tagebuch! Nach vorne sehen! Ich muss größer denken. Wir brauchen einen Ort, abseits von allem und jedem, weit genug weg von Moralisten, Bedenkenträgern und sonstigen Bremsern. Wir müssen alles tun, um die Evolution zu besiegen! Die Genetik wird uns die nötigen Werkzeuge an die Hand liefern. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Wir müssen sein Motor sein, statt nur hinterherzuhecheln! Ich will ein neues Labor bauen. Ein großes Labor! Viel größer als Taynuilt. SCOUT hat das Geld dafür. Ich habe schon einen Namen für dieses Labor, kombiniert aus den Wörtern „success“ und „Eldorado“: Succeedo. Das will ich haben.

Aus dem Tagebuch von Samuel McWeir.
Unveröffentlicht.