Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

An der Straße zum Friedhof

Kindheits- und Jugenderinnerungen an das Ruhrgebiet. Von Hanns Dorenkamp

 

Eine noble Wohngegend konnte man die Niederfelderstraße nicht nennen; trotz ihrer ruhigen Lage und trotz zahlreicher Gärten hinter den Häusern. Einige davon wiesen sogar alten Baumbestand und schmale Wiesen auf. Vereinzelt sah man Ziegen grasen, häufig hingegen Hühner, die ihren freien Auslauf genossen. Doch von jedem Standort aus waren die monumentalen Anlagen der Zeche unübersehbar und schienen zum Greifen nahe: der riesige Förderturm, die Kühltürme der Kokerei und in den Himmel schießende Industrieschornsteine. Wie eine Tangente verlief sie von West nach Ost, trennte Bergwerksareal und daran unmittelbar angrenzende Bergarbeitersiedlung von kleinbürgerlichen Wohnhäusern und bäuerlichen Anwesen.

Letztere zogen sich bis zur westlichen Grenze des Stadtteils hin. Dort wurden die Häuser stattlicher, besaßen sogar die Ausmaße kleinerer Villen. Denn sie waren die Domizile der Bergwerksdirektoren, Betriebsleiter und Obersteiger. Auch der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde hatte in diesem Viertel seinen Dienstsitz.
An ihrem östlichen Ende wurde sie zum schmalen und mit Kopfsteinen gepflasterten Niederfelderweg, der die Bahnstrecke zwischen Dortmund und Lünen kreuzte und bald danach in einem Gewirr aus unbefestigten schmalen Wegen mündete, die durch Felder, Wiesen und Baumgruppen führten. Wer sich einen längeren und unbequemen Geländemarsch zutraute, gelangte nach einer knappen Stunde in den benachbarten Stadtteil Lanstrop. Auch dort bot sich dem Auge eine ähnliche Szenerie: Bergarbeitersiedlung, Wohnhäuser und Werkstätten von Handwerkern, Reste von Bauernhöfen. Und von Südwesten her warf die Zeche ihre Schatten. Dortmund war eindeutig eine Stadt der Zechen, Hüttenwerke und Brauereien. Zwar wandelte sich das Bild von Stadtteil zu Stadtteil, war abhängig von der jeweiligen Industrieanlage. Aber sämtliche Einzelteile dieses Mosaiks fügten sich zu einem Ganzen, das durch Kohle, Stahl und Bier geprägt war. Der Ortsteil Derne, meine Heimat, wurde von der Zeche Gneisenau dominiert, die ihren Namen auf den preußischen Generalfeldmarschall August Neidhardt von Gneisenau zurückführte.
 

Mein Elternhaus stand im mittleren Abschnitt der Niederfelderstraße, zwischen den Kreuzungen Müser- und Schellenkaistraße. Er bildete mit Schulhaus, Lebensmittelgeschäft, Metzgerei, Milch- und Käsehandlung sowie dem weitläufigen Gasthof »Glück auf«, dessen Architektur an eine Festung erinnerte, ein eigenes kleines Zentrum. Wenn ich aus den zur Straße liegenden Fenstern sah, fielen meine Blicke zwangsläufig auf die gegenüberliegende Rosegger-Schule, eine achtklassige katholischen Volksschule. Das dreistöckige Gebäude überragte alle anderen Häuser. Wegen seines schmutzig-grauen Anstrichs, der in Jahrzehnten nachgedunkelt war, wirkte es massig und düster. Malerisch hingegen mutete der Schulhof mit seinen vielen Bäumen an. Außer im Spätherbst und Winter, wenn das Laub gefallen war; dann sah er aus wie ein leergefegter Platz und verstärkte die Tristesse des Gebäudes. Über allem lag zu jeder Jahreszeit eine Atmo­sphäre aus Arbeit, Beständigkeit, Kohlenstaub und Industriegerüchen; hervorgerufen von der nahen Zeche.
Bei Ostwind waren die Züge, vor allem deren Dampflokomotiven, ungeachtet des halben Kilometers Entfernung, gut zu hören. Auch das Bimmeln der sich schließenden und öffnenden Bahnschranken war dann klar vernehmbar. Mit etwas Übung konnte man sich anhand der Geräusche den Fahrplan der Deutschen Bundesbahn merken; denn während der 50er und 60er Jahre fuhren die Züge fast ausnahmslos pünktlich.
 

II

 

Den Ortsansässigen war sie vor allem als Straße zum Friedhof bekannt. Etwa 200 Meter westlich der Kreuzung Schellenkaistraße bog ein breiter Pfad zur Trauerhalle des St. Josef-Hospitals ab. Sie war der Ausgangspunkt für Beerdigungen zum katholischen Friedhof. Dieser lag in östlicher Richtung unweit des Gasthofs „Glück auf“. Mehrfach in der Woche, mal am späten Vormittag, mal am frühen Nachmittag, bewegte sich im gemächlichen Tempo ein Trauerzug durch die Niederfelderstraße. An der Spitze marschierte häufig die Musikkapelle des Knappenvereins; denn die meisten Verstorbenen hatten direkt oder indirekt mit dem Bergbau zu tun gehabt. Auf mich wirkten die Trau­erzüge wie gemütliche Festumzüge, die zwar dem Tod Respekt zollten, aber auch deutlich machten, dass das Leben für Hinterbliebene und Freunde einstweilen weiterging.
 

Hinter der Musikgruppe, soweit eine solche teilnahm, gingen Mitglieder des katholi­schen Frauenvereins oder des Kolpingvereins, jeweils gut erkennbar an der großen Fahne, die eine Frau oder ein Mann vorantrug. Dann folgte der Lei­chenwagen. Bis zum Anfang der 1960er Jahre war es eine Kutsche mit einem gläser­nen Aufbau für Sarg, Blumen und Kränze. Auf seinem Dach thronte eine goldfar­bene Engelsfigur. Zwei Pferde mit schwarzen Scheuklappen, ihre Rücken mit schwarzen Tüchern bedeckt, zogen das Gefährt. Auf dem Kutschbock saß kerzengrade Walter Rousseau, der Bestatter des Orts, im schwarzen Anzug und mit Zylinder, die Zügel locker in der Hand führend. Er wirkte auf mich wie ein Feldherr, der seinen Truppen voranritt. Er beerdigte auch die Protestanten, die auf dem Friedhof der evangelischen Gemeinde im Ortsteil Kirchderne ihre letzte Stätte fanden. Dazu benutzte er jedoch einen zweirädrigen schwarzen Anhänger mit auf den Seitenscheiben aufgemalten silberweißen Palmwedeln, der von seinem Mercedes 180 gezogen wurde.
Mit etwas Abstand zum Fuhrwerk schritten der wohlbeleibte Pfarrer und zwei Messdiener; der eine hielt ein Kreuz mit langem Schaft, der andere ein silber­farbenes Gefäß mit Weihwasser. Ihnen folgten die Angehörigen und dann, in knap­per Distanz, die Freunde und Nachbarn des oder der Verstorbenen.
Anwohner, die zu Fuß unterwegs waren, verharrten still am Straßenrand. In den Fenstern lehnten stets Neugierige und gafften. Während der wärmeren Jahreszeit verfolgten Männer, die sich vor oder nach ihrer Schicht schlafen gelegt hatten und von Blasmusik und lautem Beten aufgeweckt worden waren, im Unterhemd das Geschehen, nicht selten mit einer Flasche Bier in der Hand und einer Zigarette im Mundwinkel.

Noch heute ist mir, dem Protestanten, das Gebet der Vorsprecherin des Frauenvereins gegenwärtig:

»Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade.
Du bist gebenedeit unter den Weibern,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.
Bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes...«

Nach der Bestattung trafen sich die Trauergesellschaften üblicherweise zum Beerdigungskaffee im Gasthof »Glück auf«. Kaffee und Streuselkuchen waren allerdings den Frauen vorbehalten; die Männer bevorzugten Bier und Mettbröt­chen.
Das Lokal war der traditionelle Treffpunkt der örtlichen Vereine. Sowohl die aktiven und passiven Fußballer des »Spiel- und Sportvereins Derne« (SuS) als auch die Knappen der Zeche Gnei­senau sowie die Ortsgruppe der Industriegewerkschaft Bergbau begingen im so genannten Wintergarten, einem Anbau mit großen Glasfenstern, ihre jeweiligen Feiern. Kegelvereine schätzten die automatische Bundeskegelbahn.
 

Aber die Gaststätte war auch Stammlokal der Anwohner. Der vier Meter lange Tresen war an Werktagen vom späten Vormittag bis zum frühen Abend von Schichtarbeitern umlagert. Ausgeschenkt wurde »Dortmunder Thier Bier«. Zum „anwärmen“ trank man einen »Steinhäger« oder einen Doppelwacholder, verfügbar waren aber auch einfache Weinbrände und Eierlikör. Wein wurde, sehr zum Ver­druss meiner aus Südwestdeutschland stammenden Mutter, selten nachgefragt; folglich beschränkte sich das Angebot auf einen extrem sauren Mosel und einen zuckersüßen Rheinhessen. Das Angebot an Speisen war übersichtlich: Ochsenschwanzsuppe, Brötchen mit Mett oder Tatar, Soleier, Bockwurst mit Kartoffelsalat, Zigeuner- und Jägerschnitzel.
Ein Seiteneingang führte zum so genannten Schalter, einem kleinen Raum mit zwei gegenüberliegenden Holzbänken und einem Schiebefenster zum Tresenbereich. Man konnte klingeln und Bier flaschenweise erstehen - und es gegebenenfalls auch sofort vor Ort trinken. Folglich war der Schalter auch das Refugium der „Saufstrümpel“, wie meine Mutter in ihrem Dialekt die hartgesottenen Trinker nannte.
 

III

 

In diesem, meinem, Viertel, durch das sich die Straße zum Friedhof zog, lebten überwiegend Bergleute und Hüttenwerker. In meiner kindlich-naiven Wahrnehmung hatte ich den Eindruck gewonnen, dass man sie zu fast jeder Tageszeit antreffen konnte. Waren sie arbeitsscheu, arbeitslos oder nur dann tätig, wenn andere Menschen schliefen?
Wenn beispielsweise Reparaturen am Straßenpflaster ausgeführt wurden, was während der gesamten 50er Jahre häufiger vor­kam, zog es die Männer heraus aus den Wohnungen. Als hätte es ein geheimes Signal gegeben, fanden sie sich als Zuschauer an der jeweiligen Baustelle ein. Vorsorglich hatten sie sich mit mehreren Flaschen Bier eingedeckt und umringten die Bauarbeiter, nuckelten genüsslich an ihren Fla­schen und gaben ihre Kommentare ab. Mitunter führte das zu heftigen Diskus­sionen zwischen den Arbeitenden und ihren Zuschauern, was den Fortgang des Werks nicht beschleunigte.
 

Aus meiner Erinnerung schält sich Franz Stenzel hervor, schlendert zur „ewigen“ Bau­stelle vor dem Gasthof »Glück auf«, die bereits von Paul Flaume und Anton Tinz inspiziert wird und zieht, als er eintrifft, eine Flasche »Union Export« aus der Jackentasche. Gekonnt lässt er den Bügelverschluss aufspringen, fährt mit der anderen Hand über den Fla­schenhals und setzt das Bier an die Lippen. Er schluckt nicht, er gießt es sich in die Kehle hinein. Die beiden anderen nicken ihm zu und Paul zeigt auf die bei­den Arbeiter, die in der Grube schuften:

„Ich habb’s den Kumpels schon gesacht: Das Rohr iss seit 43, seit de ersten Bombenangriffe, kaputt. Immer wieder schnell geflickt. Jezz muss mal watt passier’n. Sons‘ hab’n wa hier ‘ne Sickergrube unta de Straße.“
„Lass‘ ma gut sein, Paul.“ Anton greift den Faden auf. „Das Rohr iss schon 51 ausgetauscht wor’en. Abba es wa‘ minderwertige Qualität. Unn es fehlt ein richtiget Fundament. Ein Rohr nur einfach in Lehm und Split legen, datt geht nich. Es muss stabil unterfüttert wer’en. Denn wir ha‘m hier immer noch Berchsenkung’n. Unn wenn inne nächsten Jahre immer mehr LKWs fa’arn, dann wird dat wegen dem Gewicht allet von oben zerquetscht.“


Auch die unüberhörbaren Gespräche der Hausfrauen, die sich vor dem Eingang von Heinrich Bußmanns benachbartem Kolonialwarenladen unterhielten, sind mir unvergesslich. Sie tauschten Erfahrungen und Erkenntnisse aus, wel­che die Verhältnisse in der zweiten Hälfte der 50er Jahre authentisch und realis­tisch beschrieben:
„Noch eine Woche bis Lohntach, aber Herbert will nich auf Wurst und Fleisch verzichten tun. Jezz muss ich mal wieder allet ins blaue Büchs‘chen schreib‘n lassen.“
„Ja, dat können‘se laut sagen, Frau Pohlmann. Die Männer meinen, sie würden genuch Geld nach Haus bring‘n. Aber es reicht nich für ihre besonderen Ansprüche. In den ersten Jahr‘n nach‘em Kriech ging es uns zwar nich‘ besser. Obwohl Gneisenau seine Leute nie hungern ließ. Doch wir hatten weniger Wünsche. War’n zufrieden, dass w‘r die Scheiße überlebt hab’n.“
 

Franz, den ich bereits erwähnte, wurde von seiner Frau Erna in den Laden ge­schickt, wenn er Wünsche hatte, die sich kurz vor dem so genannten Lohntag finanziell nicht erfüllen ließen. Erna hoffte darauf, dass Franz dann entweder den Kauf von seinem Taschengeld zahlte oder im »blauen Buch« anschreiben ließ. Denn letzteres war ihr peinlich. Franz ließ sich aber nur dann dazu bewegen, selbst einzukaufen, wenn es ihn nach seiner Lieblingswurst, der Mortadella, gelüstete. Doch es gelang ihm nie, den Namen dieser Sorte korrekt auszusprechen. Er umging das Problem, in dem er auf die Wurst zeigte und einen damals gängigen Schlager kurz anpfiff. Frau Bußmann verstand jedes Mal und zeigte sich über den Barkauf erfreut.
 

Paul, den wir schon kennengelernt haben, war eine besonders schillernde Persönlichkeit. Er wirkte alterslos, konnte 40 oder bereits 60 sein. Noch heute, Jahrzehnte danach, vermag ich sein Alter nicht einzuordnen. Er war Bergmann gewesen, übte den Beruf aber nicht mehr aus, war finanziell trotzdem immer liquide. Zumindest war das der Eindruck, den die Nachbarschaft von ihm hatte. Er lebte mit der Witwe May zusammen, deren Alter ich auf Ende vierzig bis Anfang fünfzig schätzte. Sie hatte zwei Töchter, Margaret und Helene. Die jun­gen Frauen dürften damals Anfang bis Mitte zwanzig gewesen sein.
 

Helene fiel durch ihre dunkelrot gefärbten Haare und ihre eng ansitzenden Ho­sen bzw. ihre kurzen Röcke auf, die deutlich über dem Knie endeten. Und sie trug grundsätzlich hochhackige Pumps. Margarets Auftreten war zurückhaltender und sie ist zumindest uns Jungens kaum aufgefallen. Es wurde gemunkelt, dass beide einem, wie es hieß, ambulanten Gewerbe nachgingen. Damals konnte ich mir darunter nichts Genaues vorstellen. Vielmehr nahm ich an, dass damit ihre gelegentlichen Tätigkeiten als Friseusen in einem Innen­stadtsalon gemeint waren. Zurückblickend würde ich heute eher bei Helene vermuten, dass sie ihren Lebensunterhalt vorrangig als Hure bestritten hat.
 

Wenn man Helene auf der Straße sah, befand sie sich meist in Begleitung von Paul, den sie als ihren Stiefvater bezeichnete. Mit seiner schlanken Figur, den dunklen Haaren, seinem Oberlippenbart, der dem des Schauspielers Clark Gable ähnelte, seinen langen Koteletten und den dandyhaften Anzügen, passte er gut zu Helene. Man konnte sogar den Eindruck gewinnen, er sei mit ihr liiert und nicht mit der unscheinbaren Witwe May, der allerdings das Haus gehörte, in dem sie wohnten.
 

Für uns Kinder war Paul vor allem aus zwei Gründen interessant. Als hilfsbe­reiter und freundlicher Nachbar und als Hundeimitator. Denn wenn Paul nicht unterwegs war, allein oder mit einer der Frauen, hin und wieder auch mit allen drei, traf man ihn an seinen Lieblingsplätzen an. Einer war die Litfaßsäule an der Ecke Niederfelderstraße / Schellenkaistraße. Mit einer unnachahmbaren Lässigkeit lehnte er mit dem Rücken an der Säule und beo­bachtete, eine Zigarette zwischen den fast geschlossenen Lippen und eine Fla­sche Bier in der Hand, das Geschehen rund um die Kreuzung, manchmal stun­denlang. Leute, die vorbeikamen und die er kannte, sprach er an, ohne dabei die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Von Regen ließ er sich selten vertreiben. Bei Sommergewittern, mochten sie auch noch so heftig sein, kommentierte er die Blitze und den Donner: „Ein­schlag, ziemlich nahe, wir haben Glück gehabt, dass es nicht bei uns war!“ Oder „Solche Gewitter liebe ich. Alles leuchtet. Und es donnert wie bei der Ar­tillerie, nur die Luft ist nicht so bleihaltig. Dafür klar wie Klara.“
Sein anderer Lieblingsplatz war die Holzbank vor dem Eingang zum May’schen Wohnhaus, das der Litfaßsäule auf der anderen Straßenseite schräg gegen­überlag und an das der Metzgerei Hamann grenzte. Unter der Bank hütete er einen Korb mit mehreren Flaschen »Dortmunder Union Export«. Doch er war freigiebig. Männern, die er kannte, bot er an, Platz zu nehmen und eine Flasche mitzutrinken und eine »Red Rock« mitzurauchen.
 

Wenn wir, die Jungens aus dem Viertel, gezielt oder zufällig an der Säule vorbeikamen, rief er: „Was der Vetter für die Base, ist Union Pils für die Blase. Jungs, mein Hund muss pissen.“ Dann richtete er sich auf, machte Laute, so als bellte eine Mischlingsrasse, ging um die Litfaßsäule herum, öffnete den Hosenlatz, hob ein Bein, das er gegen die Säule stemmte, und pinkelte wie ein Köter. Wenn wir in Begleitung von Mädchen waren, schickte er sie weg oder er unterließ es, Hund zu spielen. Ja, Paul hatte Grundsätze.
 

Er starb im Sommer 1965. Etwa eine Woche lang hatten wir ihn nicht mehr ge­sehen; dann hörten wir von seinem Tod. Da er Katholik gewesen war, wurde er auf dem katholischen Friedhof bestattet und auch dieser Trauerzug passierte unser Haus. Seine Beerdigung unterschied sich jedoch deutlich vom sonst übli­chen Zeremoniell. Statt der Bergmannskapelle schritten zwei Männer, die wie Marineoffiziere gekleidet waren, mit umgehängtem Akkordeon voran und spielten Seemannslieder. »Auf der Reeperbahn nachts um halb eins« war eindeutig herauszuhören. Ebenso »La Paloma«. Gebete wurden nicht gesprochen, Vertreter des katholischen Frauenvereins oder des Kolpingwerks waren nicht zu sehen; aber das hatte auch niemand erwartet. Walter Rousseau steuerte seinen neuen Leichenwagen, einen schwarzen Ford 17 M Turnier, durch die Niederfelderstraße, wie immer gefolgt vom Pfarrer samt seinen Messdienern.
 

Daran schloss sich die Trauergesellschaft an, ich zählte ungefähr dreißig Leute. An der Spitze Pauls nicht angetraute Witwe, Frau May. Sie trug ein buntes Sommerkleid, zu welchem ein schwarzer, aber sehr transparenter Schleier, der knapp Haare und Augen bedeckte, einen wirkungsvollen Kontrast bot. Es hatte den Anschein, als trüge sie lange Cowboy-Stiefel, die aber unter dem Kleid nicht voll sichtbar waren. Margaret trug ein dunkelgraues, etwas bieder wirkendes Kleid, das an eine Kittelschürze erinnerte, dazu dunkelblaue Schuhe mit flachen Absät­zen. Helene hingegen erfüllte alles, was man sich von ihr versprach. Die dünne rote Bluse mit kurzen Ärmeln, unter welcher der Umriss ei­nes schwarzen BHs sichtbar war, passte farblich zu ihren Haaren, die sie zu dieser Gelegenheit schulterlang trug. Auf ihrer schwarzen, eng sitzenden Jeans prangten Sterne in grellen Farben, jeder so groß wie eine Fünf­mark-Münze. Ihre weißen hochhackigen Stiefel, die bis knapp unters Knie reichten, rundeten dieses bemerkenswerte Arrangement ab.
Die weiteren Angehörigen oder engen Freunde, die folgten, waren mir überwiegend unbekannt. Dunkle Kleidung trug niemand. Man ging in Kleidern, Kostümen und Anzügen, die in Schnitt und Farben dem Sommer angemessen waren, aber weniger einer Be­erdigung der damaligen Zeit. Von den Nachbarn gingen nur wenige mit.
Im Unterschied zu allen bisherigen Beerdigungszügen, die ich als Zuschauer mitverfolgt hatte, winkten einige Teilnehmer den Passanten am Straßenrand zu. Von denen grüßten nach anfänglicher Reserviertheit auch manche durch Winken, sich Verbeugen und Kopfnicken zurück.
Als Beschluss folgten zwei Luxuswagen: ein dunkelblauer Opel Kapitän mit weißem Dach und ein cremefarbenes Chevrolet Impala Cabriolet mit schwar­zem Verdeck. Ich vermute, dass Paul Flaume alles exakt geplant hatte. Man sollte vermutlich seine Beerdigung genauso in Erinnerung behalten wie sein außergewöhnliches Leben - mit einer Mischung aus Bewunderung und Entset­zen. Wie alt er geworden war, habe ich nie erfahren.

Editorische Notiz
Diese Ausschnitte sind der vorläufigen Fassung eines Romans entnommen, in dem Hanns Dorenkamp seine Kinder- und Jugendjahre im Ruhrgebiet der 1950er und 1960er Jahre einschließlich der alljährlichen Reisen in die südwestdeutsche Heimat seiner Mutter beschreibt. Das Manuskript soll im Herbst 2019 abgeschlossen werden. Unter dem Titel »An der Straße zum Friedhof« soll es dann als Buch erscheinen.