Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Das kritische Tagebuch

Pickelhaube statt Kultur

Zurück zu Frankfurts schlechten Vorbildern

Historische Postkarte zur Eröffnung des neuen Frankfurter Schauspielhauses und zum Abschied vom alten Stadttheater. © Hessisches Staatsarchiv

Dumm und dreist gesellt sich gern. Bei der Auseinandersetzung um einen Theater- und Opernneubau in Frankfurt bewahrheitet sich diese Spruchweisheit. Weil die Dezernentin Ina Hartwig zur kulturellen Infrastruktur entweder schweigt oder vernehmbar passiv bleibt und auch keine wirklichen Akzente setzt, reklamieren Banausen und Verächter die Deutungshoheit für sich. So auch bei der Frage nach der Zukunft des Gebäudes der Städtischen Bühnen. Insbesondere die „Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus“ erweckt durch ihre Forderung nach einem historisierenden Theaterneubau den Eindruck, dass in der kleinen Großstadt am Main ziemliche Simpel leben.
 

Wer lediglich über einen ungeschulten Kunstverstand verfügt, mag die Doppelanlage von 1963 eine „unbeliebte Glaskiste“ nennen. Dem sei auch zugestanden, von einer „unbehaglichen Strenge“ zu faseln. Aber ernst nehmen darf man diese Leute nicht.
Bis zum Einschnitt durch Corona habe ich jährlich 60 bis 70 Vorstellungen in Schauspielhaus, Kammerspielen, Panorama Bar und Box besucht. Dabei empfand ich die Glasfassade stets als zeitlos modern. Sie signalisiert mir bis heute, dass ihre Architekten viel von ihrem Metier verstanden haben. Und dass sie sich darüber im Klaren waren, dass Theater sich auf der Bühne entfaltet, nicht aber im Foyer und nicht am Portal.
 

Der von Heinrich Seeling entworfene Koloss am Gallus Tor, der im November 1902 eröffnet wurde, verströmte allein durch den Bühnenturm den Mief der wilhelminischen Zeit. Er erinnerte an eine preußische Pickelhaube, an jenes „Land der Laffen und Lafetten“ (Erich Kästner), in dem man sich zu Lasten der Schwachen bereicherte und vergnügte; dem Land, wo Reflexion nicht nur ein Fremdwort war, sondern als Unwort galt. Denn es beinhaltet Kritik an den Zuständen, was wiederum seit Jahrhunderten eine wesentliche Aufgabe des Theaters ist.
 

Vor dem Seeling-Bau gab es eine 120-jährige, durchaus diskursive Theatergeschichte. Am 30. Oktober 1902 verabschiedeten sich Frankfurter Theaterfreunde mit einer Aufführung der „Iphigenie auf Tauris“ vom „Comoedienhaus“, das 1782 nach Plänen des Baumeisters Johann Andreas Liebhardt am heutigen Rathenauplatz errichtet worden war. Es bot ca. 1000 Zuschauern Platz und war Spielstätte für Schauspiel und Oper. Am 1. November 1902 hob sich der Vorhang zum ersten Mal im neuen Schauspielhaus. Auf dem Programm standen neben einem Vorspiel von Ludwig Fulda, das eigens für den Anlass verfasst worden war, Prolog und erster Akt von „Faust I“ sowie „Wallensteins Lager“.
Diese Entwicklung erinnert sehr an die Wiener Theatergeschichte. Das alte Burgtheater befand sich seit 1748 am Michaelerplatz und musste einer Erweiterung des Hofburg-Komplexes weichen. Bei Schauspielern und Besuchern war es wegen seiner Übersichtlichkeit und der hervorragenden Akustik beliebt. Im Oktober 1888 wurde das neue Haus am heutigen Universitätsring eröffnet. Die Schauspieler mussten sich an die ungewohnte Größe von Bühne und Zuschauerraum gewöhnen. Bis heute ist die Akustik trotz vieler Umbaubauten nicht ideal. Die Größe der Anlage hingegen ist bestechend; allein die Freitreppen im Nord- und im Südflügel erinnern an die Repräsentationsästhetik der Donaumonarchie. Das Burgtheater fasziniert auch solche Besucher, die an dem, was auf der Bühne geboten wird, wenig Interesse haben. Es ist ein idealer Platz, um sich „sehen lassen“ zu können.
 

Die gemeinsame Spielstätte von Frankfurter Schauspiel und Oper mit ihrer äußerlichen Schnörkellosigkeit und ihrer Konzentration auf das Wesentliche war eine der möglichen Antworten auf den deutschen Un- und Untertanengeist. Deswegen ist es umso schmerzlicher, dass dieser Bau innerhalb von knapp sechs Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben wurde. Stadtverordnetenversammlung und Magistrat war das Theater die laufende Instandhaltung nicht wert. In der Rückschau erscheint selbst Hilmar Hoffmann als Narr der Banken und Versicherungen sowie des Flughafens; als ein Alibi, das über den wahren Charakter dieser Metropole des falschen schönen Scheins hinwegtäuschen sollte.
 

Nicht von ungefähr halten sich die Zweifel darüber, ob ein Neubau tatsächlich notwendig ist. Die Gutachten über den Bauzustand lassen unterschiedliche Interpretationen zu. Die Kosteneinschätzungen (auf Basis der VOB – Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen) für eine Sanierung fallen erstaunlich hoch aus; die für den Neubau auffällig niedrig. Es hat den Anschein, dass der Kultur nicht zum ersten Mal die Arschkarte zugedacht ist, die Asse hingegen den Spekulanten.

 

Das "Kritische Tagebuch" führt Klaus Philipp Mertens