Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Das kritische Tagebuch

Abschied von einem Kultursender

hr2-kultur

(c) HR

hr2-kulturhat es geschafft, sich bei seinen langjährigen Hörern entbehrlich zu machen.
 

Die Verantwortlichen haben nach einjähriger Ankündigung und geheimnisumwitterter Planung die inhaltlichen Strukturen dieses Radioprogramms geändert. Konkret: Sie haben sie dem Zeitgeist angepasst – oder dem, was sie dafür halten. Der Frankfurter Theatermacher Michael Herl hatte es bereits befürchtet: Die HR-Intendanz würde im ewigen Wettstreit um den ersten Platz bei den öffentlich-rechtlichen Trivialsendern durch die Entkernung von hr2-kultur den ultimativen Bock abschießen. Tatsächlich ist es gelungen, den Mitteldeutschen Rundfunk auf den zweiten Rang zu verweisen. Letzterer zieht bekanntlich alle Register zwischen DDR-Nostalgie und Wiedervereinigungseuphorie. hr2-Kultur hingegen erweist sich als verwegene hessische Mogelpackung, weil das Programm künftig Schlichtheit in der Hülle klassischer Musik anbietet. Denn gegen Klassik, so lautet vermutlich das Kalkül, kann man schwerlich etwas einwenden.
 

Kann man aber doch. Denn die ca. 80.000 regelmäßigen Hörer wurden nicht nach ihrer Meinung gefragt. Da man sich in dieser kleinen radikalen Gruppe gegenseitig kennt, zumindest innerhalb der kulturbewussten Teile einer Großstadtgesellschaft, musste diese Manipulation der Intendanz auffliegen. Allein meine 1.900 persönlichen Kontakte in die Literatur-, Theater-, Politik- und Verlagsszene, wo hr2-kultur ausnahmslos gehört wird, haben niemals einen Anruf oder einen Fragebogen von Demoskopen erhalten. Immerhin stellen sie mit ihrem 2,375 Prozent-Anteil eine statistisch relevante Größe dar. Und die bisherige Hörerschaft muss auch Vergleiche nicht scheuen. Eine hessische Regionalzeitung mit 80.000 Abonnenten wäre ein Erfolgsblatt. Die bundesweit vertriebene „Frankfurter Rundschau“ konnte im Jahr 2013 eine Verkaufsauflage von 87.000 Exemplaren nachweisen. Vermutlich sind es im Verlauf der folgenden Jahre weniger geworden, denn der FR-Verlag beteiligt sich seither nicht mehr an der Erhebung der IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern).

 

Die beauftragten Medienanalysten haben anscheinend die Hörer der anderen HR-Sender nach hr2-kultur befragt. Und ganz offensichtlich mehrheitlich ein „Kotz-Würg“ vernommen. Ein Smartphone-affiner hr3-Genießer vermag ein Gedicht am Morgen in seinen persönlichen Kulturfahrplan nicht zu integrieren. Erst recht keine Kulturpresseschau. Ganz zu schweigen vom hintergründigen abendlichen Feature „Der Tag“. Aber er kennt einen, der einen kennt, der dieses ganze Gesülze scheiße findet. Alles klar, Alter?
 

Auf diese Weise schafft man sich ein Reverenzpublikum, das man zwar nicht öffentlich vorzeigen kann (denn es bestünde die Gefahr, dass man als Teil davon wahrgenommen würde, was peinlich wäre), aber man kann damit jede andere demoskopische Umfrage zunächst ins Abseits stellen. Eben weil man die eigentliche Zielgruppe des Spartensenders nicht befragt hat und stattdessen die angeblichen potenziellen Nutzer (die Jungen oder früh Vergreisten, die digital Aktiven, die Bewohner der Facebook-Welt) umso intensiver. Am Ende wird das Ende stehen – für hr2-kultur.
 

Denn dieses Verständnis von Klassik erschlägt sämtliche Klassik-Liebhaber, die über einen geschulten Geschmack verfügen. Willkürlich, unsortiert und überwiegend unvermittelt kommt dieses Musikprogramm daher. Man merkt ihm an, dass es lediglich als Surrogat gedacht ist. Es kaschiert den Unwillen, ein differenziertes und ambitioniertes Kulturprogramm aufrechterhalten zu wollen (so wie es die Rundfunkstaatsverträge vorsehen), das wie jedes seriöse Angebot aber eben auch Geld kostet.
 

Die zurückliegende Woche, die erste nach dem neuen Programmschema, bot zwischen 6:00 Uhr und 9:00 Uhr in der Rubrik „Am Morgen“ klassische Musik an (worunter ausschließlich E-Musik verstanden wird), aufgelockert von Buchtipps (die bei Buchhändlern eingeholt werden) und einem Überblick zum allgemeinen Kulturgeschehen dieses Tages. Von 9:30 Uhr 12:00 Uhr folgte „Am Vormittag“ mit ähnlichen Inhalten. Desgleichen „Am Mittag“ von 13:05 Uhr bis 14:30 Uhr und dann noch einmal „Am Nachmittag“, der von 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr dauerte. In diesen Block wurden Kulturgespräche in den Klassik-Hintergrund eingebaut. Zweimal am Tag gab es wie bislang „Die Lesung“, wenn auch zu leicht geänderten Zeiten. Geblieben waren auch der beliebte „Doppelkopf“ (12:05 Uhr bis 13:00 Uhr) und am frühen Abend „Der Tag“. Der spätere Abend und die Nacht waren dann erneut der Klassik vorbehalten. Samstag und Sonntag warteten mit einem geringfügigen Themenwechsel auf: Nämlich mit einen jeweils einstündigen „Literaturland Hessen“ sowie einer Life Jazz-Übertragung. Der Sonntag hielt eine Kindersendung bereit („Radio für Kinder“), die bereits um 8:05 startete und bis 9:00 Uhr dauerte. Die halbe Stunde von 11:30 Uhr bis 12:00 Uhr war dem Religiösen gewidmet („Religionen auf dem Weg“). Und um 18:05 gab es bis 19:00 Uhr ein „ARD-Radiofeature“. Ansonsten Klassik zum „Durchhören“, wie sie der Intendant vor einem Jahr stolz ankündigte.
 

Die werktägliche Sendezeit zwischen 6:00 Uhr und 18:00 Uhr enthält ca. 10 Stunden mit klassischer Musik. Tiefergehende Informationen zu den einzelnen Kompositionen habe ich dabei nicht bekommen. Das lässt darauf schließen, dass die Programmverantwortlichen eine E-Musik-Redaktion speziell für hr2-kultur mehr oder weniger komplett einsparen wollen. Und höchstwahrscheinlich auch eine Feuilleton-Redaktion. Stattdessen zapft man bestehende Ressourcen im eigenen Haus an. hr-info liefert die politischen Nachrichten; die auf U-Musik spezialisierten Redaktionen in hr1, hr3 und hr4 müssen sich auch noch um die Klassik (E-Musik) kümmern. Ich zweifele weder die inhaltliche Kompetenz noch die formale Professionalität dieser Abteilungen an. Dennoch wird dieses Zusammenspiel nicht funktionieren. Zu deutlich ist der verordnete Einsparungszwang zu erkennen, der einem minutiösen und folglich aufwendigen Zusammenspiel entgegensteht. Und ebenso die Geringschätzung der Hörerschaft. Diese wird (wie möglicherweise beabsichtigt) resignieren und rasch schrumpfen. Dann braucht man auf sie keine Rücksicht mehr zu nehmen. Dann zählen sie nicht mehr, dann zahlen sie nur noch – ihre Rundfunkgebühren.
 

Bemerkenswert ist auch, mit welcher Ignoranz die Erfahrungen anderer, vor allem kommerzieller, Medienanbieter bei der digitalen Verwertung ihrer Produkte nicht zur Kenntnis genommen werden. Denn auch solche Erzeugnisse werden nicht allein durch die Art ihrer technischen Verbreitung sowie ihrer Aneignung beim Verbraucher zu Erfolgen. Buch- und Zeitschriftenverlage wissen längst, dass sich nicht jedes Buch und jede Zeitschrift für die Verbreitung als E-Book eignet, wobei die Einstellung digitalisierter wissenschaftlicher Titel in Fachbibliotheken ein gesondertes Verwendungsgebiet darstellt. Bei der Unterhaltungsliteratur sind es vor allem die anspruchsloseren Romane, die von Kindle, Tolino etc. heruntergeladen werden. Der Erfolg von Smartphones einerseits und Facebook, Instagram sowie Whatsapp andererseits hängt mit der Persönlichkeitsstruktur ihrer Nutzer zusammen. Es ist kein Zufall, dass eitle Selbstdarstellung, politischer Extremismus und Pornografie zu den Rennern zählen. Weder die ARD einschließlich HR können und sollten hier mithalten wollen.

Das Kritische Tagebuch wird geführt von Klaus Philipp Mertens