Das kritische Tagebuch

Die Überschätzte

Sahra Wagenknecht outet sich bei ANNE WILL

Sahra Wagenknecht am 31. Oktober 21 bei „Anne Will“ © Das Erste

Dieser späte Abend des diesjährigen Reformationstags hatte es in sich. Zumindest für alle, die Talkshows mögen und dabei auf der Suche nach neuen Einsichten sind. Solche eröffnete dieses Mal Sahra Wagenknecht. Und es hatte den Anschein, als ob die Politikerin mit ihren Äußerungen bei „Anne Will“ die LINKE in die endgültige Bedeutungslosigkeit drängen wollte. Ihre Einlassungen zur Impfdebatte, insbesondere über Impfverweigerer und die angeblichen Langzeitfolgen einer Impfung, offenbarten medizinisch unhaltbare Positionen und eine Neigung zu philosophischen Zirkelschlüssen, die das erst zu Beweisende als bereits bewiesen voraussetzen.
 

Karl Marx hätte sie deswegen vermutlich dem unzuverlässigen, passiven und reaktionären „Lumpenproletariat“ zugeordnet. In seiner Schrift von 1852 „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ beschrieb er diese Gruppe, deren hervorstechendes Merkmal nach Einschätzung der sozialistischen Avantgarde der damaligen Zeit ihre Charakterlosigkeit war. Er notierte: „Die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen la bohème nennen, [...] dieser Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen ...“.
Eine Klassifizierung, die heutzutage insbesondere für die Anhänger der AfD gelten dürfte. Tatsächlich weisen manche Phrasen, die Sahra Wagenknecht öffentlich äußert, eine gefährliche Verwandtschaft zu den Parolen der Neuen Rechten auf.
 

Und für Herbert Marcuse wäre Frau Wagenknecht mutmaßlich eine typische Vertreterin jener Pseudolinken ohne Bewusstsein gewesen, die er wie folgt charakterisierte: „Der offenkundige Widerspruch zwischen den befreienden Möglichkeiten der technischen Umgestaltung der Welt, zwischen dem leichten und freien Leben einerseits und der Intensivierung des Existenzkampfes andererseits, erzeugt bei der unterworfenen Bevölkerung jene sich steigernde Aggressivität, die jedes passende Ziel trifft: Weiß oder Schwarz, den Einheimischen oder den Fremden, den Juden oder Christen, Reich oder Arm. Das ist die Aggressivität jener, deren Erfahrung verstümmelt, deren Bewusstsein und Bedürfnisse falsch sind; die Aggressivität der Opfer der Repression, die wegen ihres Lebensunterhalts auf die repressive Gesellschaft angewiesen sind und daher die Alternative verdrängen“ („Versuch über die Befreiung“, 1969).

 

Spätestens seit dem Erscheinen ihres Buchs „Die Selbstgerechten“ im Frühjahr 2021, in dem sie u.a. die Feindseligkeit der sozial Benachteiligten gegenüber der kritischen Intelligenz schürt, offenbarten sich die inhaltlichen Widersprüche der allzu lange Überschätzten. Die von ihr im Sommer 2018 medienwirksam angekündigte Gründung einer linken Sammlungsbewegung namens „Aufstehen“ erschöpfte sich in Absichtserklärungen. Vor allem die Intellektuellen, auf deren Unterstützung sozialistische Strömungen angewiesen sind, weil sich ihre Ziele nicht populistisch verklären lassen, zogen sich nach anfänglicher Begeisterung zurück. Übrig blieb ein Desaster aus Desorganisation, falschen Freunden und inhaltsleeren Appellen.
 

Deswegen lautet mein Ratschlag an die LINKEN: Vergesst Sahra Wagenknecht. Macht endlich Politik, indem ihr denen eine Stimme gebt, die keine Lobby haben. Aber nicht als nie endender Klagegesang über Hartz IV und andere Formen des Ausgeschlossenwerdens und -seins. Sondern als gesellschaftliche Entwürfe, bei deren Umsetzung sich Transferleistungen als Ausdruck von Verachtung erübrigen würden.

 

"Das kritische Tagebuch" von Klaus Philipp Mertens geführt