Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Das kritische Tagebuch

Die Literatur wird durchforscht werden…

…von der Bundesgenderkammer, ob genügend Ungerechtigkeit verschwiegen wird

(c) Deutschlandfunk

„Das generische Maskulinum wird in der FR kein Standard mehr sein.“ Das schrieb die stellvertretende Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“ in ihrem „Editorial“ am 17. Oktober. Und heizte damit die Auseinandersetzung um eine gendergerechte Sprache in ihrem Blatt erneut an. Zweifellos: Sprache lebt, aber dieser Veränderungsprozess muss aus sich heraus erfolgen, er muss in genuiner Weise veränderten Tatsachen (jedoch nicht weltanschaulichen Ideologien) gerecht werden. Das Erzwingen so genannter „gendergerechter“ Formen mittels nichtsprechbarem Doppelpunkt, Sternchen oder eingefügtem i beraubt die Sprache ihrer wesentlichen Funktion. Nämlich das, was sich überhaupt (aus-) sagen lässt, klar zu sagen (siehe Ludwig Wittgenstein: „Tractatus logico-philosophicus“, 1921).  Konfuzius drückte das so aus: „Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist.“

Vielmehr erinnert mich das „Gendern“ an die Manipulation von Begriffen, die im NS-Staat zum Herrschaftsinstrument wurde. Der Frage nach dem Verhältnis von Geist und Sprache, die der Mensch entweder als Humanist oder als Unmensch unmittelbar beeinflusst, sind Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind unmittelbar nach dem Ende der Nazi-Gewaltherrschaft in einer Serie von Aufsätzen nachgegangen, die von 1945 bis 1948 in einer Zeitschrift erschienen sind. 1957 lagen sie auch in einer Buchausgabe vor. Serie und Buch trugen den Titel „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“. Die Autoren entlarvten darin den monströsen Wortschatz, die verkümmerte Grammatik und den plumpen Satzbau als typisch für ein antidemokratisches und autoritäres Regime. Die Sprache war zum Mittel zur Durchsetzung des Rassismus, der Militarisierung des Zivillebens und der sozialen Degradierung von Minderheiten geworden.
Auch Victor Klemperer hat in seiner Analyse „LTI – Lingua Tertii Imperii“ (1957 erschienen) aus dem Blickwinkel des rassistisch Verfolgten diesen rasch um sich greifenden Vergiftungsprozess beschrieben.
 

Gerecht wird Sprache durch ihre Wirkung, nämlich durch die Entlarvung von Ungerechtigkeit, was die Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit einschließt. Deswegen hätte ich es für wichtiger gehalten, wenn die FR-Chefredaktion den Sprachgebrauch in ihrer Zeitung auf Begriffe hin untersuchen würde, die im Dritten Reich entweder neu geschaffen oder missbräuchlich verwendet wurden. Ich denke an: Ausrichtung, Doppelverdiener, durchführen, Einsatz, Frauenarbeit, Gefolgschaft, gleichschalten, Kulturschaffende, Lager, Lebensraum, querschießen, Sektor, Sprachregelung, stählern, Strafexpedition, Staatsakt, total oder untragbar, die u.a. im erwähnten „Wörterbuch“ beanstandet wurden.

Neben einer unbelasteten Sprache lege ich auch Wert auf eine investigative Berichterstattung. Als ich das Editorial las, wurde bekannt, dass in Frankfurt die Sieben-Tage-Inzidenz bei Corona auf 91,8 Infektionen bezogen auf 100.000 Einwohner angestiegen sei, mittlerweile liegt sie bei 119. Trotzdem wird ein „Herbstmarkt“ auf dem Römerberg aufrechterhalten, trotzdem gibt es Vorstellungen im Schauspielhaus, obwohl dessen Klimaanlage gemäß einem Gutachten Schrott ist. Oder ist das Gutachten Schrott und dient lediglich den Eigeninteressen der Immobilienspekulanten, die auf den Neubau der Theaterdoppelanlage setzen? Und wenn ich vor meine Haustür trete, muss ich ständig darauf achten, nicht über vorschriftswidrig abgestellte E-Roller zu stolpern. Solche und ähnliche Vorgänge sollten doch Anlässe für eine kritische Berichterstattung sein. Warum muss ich darauf so oft vergeblich warten?

Andererseits verhalf mir die stellvertretende Chefredakteurin zu einer Erkenntnis, die ich während der bislang 41 Jahre als FR-Abonnent offensichtlich verdrängt habe. Denn anscheinend gehöre ich längst zu einer Minderheit, deren Ansprüche an sprachliche und inhaltliche Qualität nachrangig geworden sind.
 

 

Das kritische Tagebuch. Kalenderblatt vom 19. Oktober 20
Geführt von Klaus Philipp Mertens