Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Buchtipp

Lutz Büge: Incubus

Der dritte Band des Virenkrieg-Zyklus liegt bereits seit dem 7. Mai als E-Book, ab dem 19. September ist die Buchausgabe im Handel erhältlich

(c) Ybersinn Verlag, Offenbach

Aus Lutz Büges Thriller-Zyklus „Virenkrieg“ hatten wir bereits die Bücher „Virenkrieg“ und „Skylla“ vorgestellt und ausführlich rezensiert. Nunmehr steht das Erscheinen des dritten Teils der auf insgesamt fünf Bände angelegten Reihe bevor: Seit dem,7. Mai liegt das eBook vor; die gedruckte Ausgabe wird am 19. September 2019 Premiere haben – im Rahmen der PRO LESEN-Themenwoche „Reality Thriller“ im Bibliothekszentrum Frankfurt-Sachsenhausen. Hier eine Leseprobe:

 

Lutz Büge

Incubus

Virenkrieg, Band 3

 

 

Prolog 1

 

13. Januar 2017

Amazonischer Urwald, Brasilien

8°28‘ Süd, 72°46‘ West

 

„Sind wir auf Sendung? Satellitenverbindung steht? Zentrale, hört ihr uns? Hallo Fletcher. Alles wie besprochen? Okay! Wir filmen den Abstieg, und ich rede einfach weiter und erzähle, was wir machen. Hier sind alle ziemlich aufgeregt. So was sieht man nicht jeden Tag. Pedro, Juan, sitzen eure Handschuhe? Helme? Atemmasken? Sauerstoff an? Das sind keine Hochsicherheitsanzüge, vergesst das nicht. Es kann losgehen. Denkt dran, Leute: Vorsicht da unten!

Fletcher, hörst du? Fürs Protokoll: Wir befinden uns unweit der Grenze zu Peru in Brasilien, im Quellgebiet des Juruá im dichten Regenwald. Luftfeuchtigkeit hundert Prozent, wir sind komplett durchgeschwitzt. Vor uns liegt etwas, was die Einheimischen Tezatipaca nennen. Wir sind vorgestern auf sie gestoßen. Ich dachte zuerst, ich höre Nahuatl, die alte Sprache der Azteken, aber wir sind weit von Mexiko entfernt. Die Azteken kannten einen Gott namens Tezcatlipoca, den Gott der Nacht. Ich weiß nicht, ob das interessant ist, ich rede einfach nur weiter. Ist gut gegen Nervosität.

Die Einheimischen haben Respekt vor Tezatipaca, sogar Angst. Sie sind kaum mehr als hundert Leute, friedlich, sehr zurückhaltend. Sie hatten schon Kontakt mit der Zivilisation. Einer von ihnen, ein Bursche namens Idixco, hat in Quito gelebt und konnte halbwegs dolmetschen. Er sagte, seine Leute würden Tezatipaca meiden. Angeblich wohnt hier das Böse, das Ende, der Tod. Wenn wir so was hören, spitzen wir natürlich die Ohren. Fletcher, ihr wisst, was ich meine.

Vorhin sind wir an einer Art Gestell oder Geflecht aus Ästen und Blättern vorbeigekommen, das Idixcos Leute installiert haben, offenbar eine Art Altar. Ich nenne es mal so, aber wenn jemand von euch drüben in Arkansas das Ding lieber als ein Gerüst von krummen Ästen bezeichnen möchte, die mit Pflanzenfasern zusammengebunden wurden, widerspreche ich nicht. Idixco hat uns bis dorthin geführt, aber weiter wollte er nicht gehen. Als würde der Altar eine Grenze markieren. Idixco schien Angst zu haben. Wir sind dann ohne ihn weitergegangen.

Was hier vor uns liegt, ist ein riesiger, finsterer Kessel, ein Loch im Grund des Dschungels, vermutlich eine Grotte, deren Decke eingestürzt ist. Ich schätze den Durchmesser des Kessels hier oben auf hundert Meter. Schwer zu sagen. Alles zugewuchert. Hier ist ein steiler Abhang, eine Rampe, die wir gleich hinuntersteigen werden. Unten scheint sich die Grotte zu erweitern. Wir hören das Rauschen von Wasser, aber wir können nichts sehen. So weit reichen unsere Helmlampen nicht. Es ist stockdunkel da unten. Wie ihr seht, ist es schon hier oben gerade mal so hell wie in einer Vollmondnacht. Außerdem steigt aus der Grotte ein feiner Dampf auf. Jede Menge Insekten sind unterwegs, in der Luft und am Boden, aber wir haben uns gegen sie gewappnet.

Pedro beginnt jetzt mit dem Abstieg. Ich mache mich bereit und befestige die Kamera an meinen Schulterriemen. Sorry, wenn das Bild von nun an wackelt. Jetzt ist Juan an der Reihe. Ich hoffe, er hat die Seile ordentlich gesichert. Sie müssen das Gewicht von drei ausgewachsenen Männern aushalten, wir wollen schließlich nicht abrutschen oder stürzen. Es geht ziemlich tief runter, vielleicht fünfzig Meter diesen steilen Hang hinab. Also gut. Jetzt bin ich an der Reihe. Ich brauche beide Hände für die Kletterei.

Pedro ist schon unten, er leuchtet herauf. Ich beeile mich. Verflucht dunkel hier. Keinerlei Sonnenlicht mehr, und die Helmlampen sind bei diesem Dunst auch nicht besonders hilfreich. Stickige Kaverne. Zum Glück tragen wir Atemmasken und bekommen Pressluft. Ich möchte nicht wissen, wie das hier unten riecht.

Der Untergrund fällt ab. Von dort unten steigt Dampf auf, wie von Thermalquellen. Verdammt, warum komme ich mir vor wie der erste Mensch, der hier nach dem Rechten schaut? Sonderbare Gegend. Seht euch diese Gewächse an! So was habe ich noch nie gesehen. Erinnert an Farne, oder? Aber total bleich. Kein Blattgrün. Klar, hier unten ist keine Photosynthese möglich. Wozu also Blattgrün? Schau dir das an! Dieser Farnwedel ist fast so groß wie ich. Ist das eine Pflanze? Der Corpus fühlt sich weich an, nachgiebig, irgendwie knorpelig. Ich versuche, etwas abzubrechen, aber das Zeug ist zäh. Ich könnte mein Messer nehmen, aber …

Juan ruft. Er hat was gefunden. Sorry, wenn ich etwas außer Atem bin. Bin gelaufen. Das sind Knochen, und zwar haufenweise. Ich … Sorry, Zentrale, Fletcher, musste erst mal zu Atem kommen. Die Pressluftversorgung kam wohl nicht hinterher. Bin wieder da. Ruhig, Juan! Das sind nur Tierknochen. Das hier zum Beispiel sieht aus wie der Beckenknochen einer Großkatze, wohl von einem Jaguar. Jede Menge Schädel, große und kleine, von verschiedenen Tieren, und das hier … Das hier ist eindeutig ein menschlicher Schädel. Warum kann ich ihn nicht aufheben? Fuck, was ist das? Als ob er mit dem Untergrund verwachsen wäre! Da sind überall weißliche Fäden zu erkennen, so etwas wie Wurzeln, nur dass sie aus dem Grund herauf wachsen. Sie halten die Knochen fest, und sie sind genauso elastisch wie die bleichen Gewächse. Was ist das hier?

Fletcher, hört ihr mich? Ich kriege leider gerade kein Signal von euch … Okay, ich rede einfach weiter. Also, Prinzip ‚Frage und Antwort‘. Welche Antworten habe ich auf Fragen, die sich gerade aufdrängen? Sorry, Arkansas, bin ein bisschen durch den Wind, was fast komisch ist angesichts der Windstille hier unten. Also, mir fällt im Moment nur eine einzige Frage ein, auf die ich eine Antwort hätte, und zwar: Wie kommen diese Knochen hierher? Es dürfte sich um Überreste von Lebewesen handeln, die in den Kessel gestürzt sind. Diese Fallhöhe steckt selbst eine Raubkatze nicht so einfach weg. Aber mir geben diese weißlichen Fäden zu denken, die an den Knochen haften. Das erinnert irgendwie an Epiphyten, an Parasiten. Oder an Pilzgewebe, an Hyphen. Wobei ich noch nie einen derart elastischen Pilz gesehen habe. Aber gut, denken wir das mal weiter. Die wesentlichen Teile von Pilzen wachsen unterirdisch. Was wir von ihnen essen, zum Beispiel Champignons, sind nur die Fruchtkörper, Teil eines größeren Ganzen. Hier fällt mir auf, dass überall dort weiße Fäden aus dem Boden wachsen, wo ein Tier abgestürzt ist. Vielleicht ist der Untergrund von Pilzgewebe durchwuchert? Sind diese sonderbaren Farne da hinten so was wie die Fruchtkörper dieses Pilzes, seine Sporenträger? Nur mal so als These. Zentrale? Fletcher? Hört ihr mich? Es sieht ganz so aus, als ob dieses sonderbare Geflecht die Überreste der toten Tiere verwertet hat. Vielleicht lebt es von den Nährstoffen, die aus dem Urwald herabstürzen, vom Fleisch toter Tiere, wie ein Aasfresser? Die Natur lässt bekanntlich nichts verkommen. Wir nehmen auf jeden Fall Proben von allem.

Juan macht mich gerade darauf aufmerksam, wie still es hier unten ist. Abgesehen vom Rauschen des Wassers irgendwo da hinten hört man nichts, keine Affen und keine Vögel. Juan hätte besser den Mund halten sollen. Habe ich nicht bemerkt. Klar, ich rede ja auch die ganze Zeit, aber jetzt beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Überall krabbeln Insekten herum, zum Beispiel diese Ameisen hier, die so lang und dick sind wie ein halber Zeigefinger. Und das hier ist mit Abstand der größte Tausendfüßler, den ich jemals gesehen habe. Arkansas, seht ihr ihn? Fletcher?

Pedro kommt zurück. Er war tiefer in der Grotte, da wo es noch dunkler ist, und hat sich erschreckt, als ihn etwas gestreift hat. Was sagst du, Pedro? Etwas hat ihn am Hals berührt. Eigentlich haben wir uns alle gründlich eingepackt, aber Pedro hat tatsächlich eine rötliche Strieme am Hals. Die Wunde ist nur oberflächlich und nicht länger als vier oder fünf Zentimeter. Hier, ich mache eine Nahaufnahme. Sieht ein bisschen aus wie ein Kratzer von einer Dorne. Pedro, wie fühlst du dich? Alles in Ordnung? Okay, Leute, dann lasst uns unsere Arbeit machen. Proben nehmen, von allem hier. Vom Boden, von den Farnen, den Knochen und diesen eigenartigen Wurzeln. Und dann schnell weg. Ich glaube, nach diesem Trip habe ich erst mal die Schnauze voll vom Dschungel. Dieser Kessel ist wirklich beklemmend. Macht die Becher voll, und dann nichts wie weg von hier.

Irgendetwas ist mit Pedro. Er ist kreideweiß und gibt sonderbare Laute von sich. Pedro, was ist los mit dir? Jetzt reißt er sich die Atemmaske vom Gesicht! Was soll der Mist? Pedro, du kennst doch die Regeln! Pass auf! Na klasse, jetzt hat er uns vor die Füße gekotzt. Das hab ich wirklich noch gebraucht. Was ist das – eine Vergiftung? Jedenfalls nicht einfach ein verdorbener Magen. Juan, Abstand halten! Pedro, bleib wo du bist! Scheiße, er kommt uns hinterher. Er scheint Angst zu haben. Er schwankt, presst die Hände auf den Bauch. Als ob er Schmerzen hat. Jetzt versucht er, etwas zu sagen, aber das einzige, was aus seinem Mund kommt, ist Kotze. Blutige Kotze! Verdammt, was ist das? Er bricht zusammen. Aber wir können doch nicht … Wir können nichts tun! Irgendetwas hat ihn erwischt. Er kotzt schon wieder, Blut mit irgendwelchen Fetzen drin. Es läuft ihm einfach so aus dem Mund.

Juan, los, weg von hier! Irgendetwas ist hier! Wir können Pedro nicht helfen. Was sagst du? Ich verstehe dich nicht! Nein, nicht die Atemmaske! Lass sie! Der Blödmann streift sie ab! Verdammt, mach doch, was du willst! Ihm ist wohl übel geworden, als er gesehen hat, wie Pedro sich übergeben hat. Jetzt kotzt er da hinten. Mir reicht’s! Ich will nur noch hier weg! Hier ist das Seil. Oben ist Sicherheit. Raus aus diesem verfluchten Loch, schnell! Was für eine Scheiße! Wie konnte ich mich nur auf diesen Job einlassen!

Juan steht unten am Seil und klammert sich daran fest, aber er wirkt unkoordiniert. Jetzt muss er sich noch mal übergeben, wie vorhin Pedro. Oh mein Gott, ich glaube, wir haben etwas gefunden!

Gott sei Dank, geschafft! Dem Himmel sei Dank! Was für eine fürchterliche Gegend! Ich muss erst einmal was trinken. Mir ist übel von der Anstrengung. Beim Aufstieg bin ich einmal blöd mit der Atemmaske aufgeschlagen. Ich glaube, sie ist nicht mehr dicht, aber jetzt bin ja hier oben. Diese Aktion war wirklich reif für Olympia! Verflucht, was für eine Scheiße! Zentrale, wir brauchen hier ein Rettungsteam. Pedro und Juan sind im Kessel zurückgeblieben. Ich konnte nichts für sie tun. Keine Ahnung, auf was wir da gestoßen sind, aber ihr werdet es interessant finden, fürchte ich. Ich genehmige mir jetzt erst mal einen Schluck aus meiner Notreserve. Mir ist schlecht. Der Whisky wird mir guttun. Der räumt den Magen auf, der … Verflucht, jetzt habe ich das gute Zeug gleich wieder rausgek… Ich … Fletcher … Was ist das für ein Gerumpel in meinem … Au, verdammt, das tut … Zentrale … Hilfe …“

 

 

 

 

Prolog 2

 

24. Juni 2024, 5:30 Uhr Ortszeit

Flugzeugträger USS George W. H. Bush

Mittelmeer vor der libyschen Küste

 

Schwer und grau hingen dichte Wolken tief über der bleiernen See. Admiral Harold B. Lennon stand am Fenster des Towers und blickte auf das hell erleuchtete Flugfeld hinab, wo der Helikopter der SCO-Einheit auf den Startbefehl wartete. Der Einsatztrupp war bereits an Bord, soeben setzten sich die Rotoren in Bewegung. Die Deckmannschaft brachte sich in Sicherheit. Rotoren eines Helikopters dieses Typs konnten Turbulenzen von Orkanstärke auslösen.

„Verrückte Sache“, sagte Colonel Janet Baker, die Stellvertreterin des Admirals, als sie an Lennons Seite trat. Ihre hohe Stirn lag in Sorgenfalten. „Ich dachte, die Zeiten solcher Kommandoeinsätze wären vorbei. Hieß es nicht, die CIA sei an die Kette gelegt worden?“

Lennon zuckte mit den Schultern und strich mit den Fingern durch seinen buschigen Schnauzbart, den er nach jeder Mahlzeit kämmte, um ihn von Speiseresten zu säubern.

„Ich bin mir nicht sicher, ob unser … Freund wirklich von der CIA ist“, gab er knurrig zurück. „Ich blicke bei diesen Nachrichtendiensten nicht durch. Heutzutage braucht jeder Minister einen eigenen.“

Lennon versuchte, gleichgültige Miene zum Spiel der SCO zu machen, der Special Command Operations, aber tatsächlich missfiel ihm zutiefst, wie diese Leute seinen Flugzeugträger unter den Augen der Stammbesatzung missbrauchten. Dieser Einsatz roch nach Schweinerei.

Red Wing-Patrouille meldet Feindkontakt“, sagte Lieutenant Henry Hodges, der am Funkleitstand die Meldungen der patrouillierenden Luftverbände sammelte. Ein Dutzend Funker und Fluglotsen arbeiteten ihm zu. Die George W. H. Bush befand sich im Blockade-Einsatz gegen Libyen und setzte mit ihren Jets die Flugverbotszone über dem Land durch.

„Luftabwehrraketen“, fügte Hodges hinzu. „Stellung des Feindes konnte ermittelt werden.“

„Geben Sie die Zielkoordinaten an die Yellowstone weiter. Sie soll zwei Tomahawks schicken und die Stellung des Feindes zerstören. Hatten wir Verluste?“

„Nein, Sir, alles in Ordnung.“

Die Tomahawks würden ein eindrucksvolles und zugleich nutzloses Feuerwerk veranstalten. Die Libyer waren extrem mobil. Vermutlich hatten sie die Stellung, aus der heraus sie vorhin die US-Jets beschossen hatten, noch in derselben Minute geräumt.

„Er kommt“, raunte Colonel Baker.

Agent Monty Harper betrat die Brücke der Bush durch den Haupteingang. Wie immer blieb er kurz stehen, als müsse er sich orientieren, doch tatsächlich ging es ihm vor allem darum, von allen Anwesenden registriert zu werden. Tatsächlich war es kaum möglich, ihn nicht zu bemerken. Er war zwei Meter groß, auffallend blass, schmal im Gesicht und zugleich breit in den Schultern wie ein Zehnkämpfer. Sein rotes Haar trug er an den Schläfen und hinten kurz und oben lang und gescheitelt. Er war irischer Abstammung. Seine grünen Augen blitzten gewohnt kühl. Er wirkte streng und unnahbar, trotz seiner Jugend; er war kaum 30 Jahre alt.

„Meine Männer sind startbereit“, sagte er, als er zum Admiral und dem Ersten Offizier trat, und deutete mit einer knappen Geste auf das Flugfeld hinab, wo die Rotoren des Helikopters erkennbar an Schwung gewonnen hatten.

Lennon suchte Harpers Gesicht nach Anzeichen von Mitleid oder auch nur Mitgefühl ab, doch er zeigte nicht die geringste Regung, nichts von dem, was er sich selbst vielleicht als Schwäche ausgelegt hätte.

„Sie wissen, dass Sie die Männer in diesem Hubschrauber in den Tod schicken?“, fragte der Admiral ein letztes Mal.

„Diese Diskussion ist heute so überflüssig wie gestern oder vorgestern“, gab Harper zurück.

„Keiner von ihnen wird zurückkehren“, fuhr Lennon dennoch fort. Er hatte diese Männer gesehen. Junge Kerle libyscher und marokkanischer Abstammung, die in aller Eile eine Spezialausbildung für Kommando-Operationen nach CIA-Muster durchlaufen hatten, die jedoch ohne jede praktische Erfahrung waren. Kanonenfutter! Sie waren chancenlos im libyschen Hinterland – was auch immer sie da zu suchen hatten.

„Sie müssen ziemlich verzweifelt sein, um so etwas wagen“, knurrte Lennon. „Natürlich war die Sache mit der Queen Mary 2 eine Riesenschlappe für die CIA, aber dass Sie deswegen nun alle Vorsicht fahren lassen und Menschenleben riskieren …“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir einen Verdacht wegen Al-Isrā haben!“, entfuhr es dem Agenten. „Wir müssen endlich herausfinden, wo sich dieser verfluchte Stützpunkt genau befindet.“

Für einen Moment hatte er seine Maske gesenkt. Lennon lag wohl richtig mit seiner Vermutung, dass die CIA nervös war.

„Dieser Einsatz ist ein Blindschuss“, hakte Lennon nach. „Ich würde ihn am liebsten untersagen.“

„Zum Glück haben Sie darüber nicht zu entscheiden“, versetzte Harper. 

„Sie hatten vierzig Jahre Zeit herauszufinden, wo Al-Isrā liegt“, gab Lennon zurück. „Die Gerüchte über diesen Stützpunkt sind uralt. Vierzig Jahre lang haben Sie es nicht geschafft, und jetzt versuchen Sie plötzlich, es übers Knie zu brechen? Weil Sie nach der Queen Mary-Schlappe einen Erfolg brauchen?“

„Hier wird nichts übers Knie gebrochen“, schnappte Harper zurück. „Meine Männer sind gut vorbereitet, und alle unsere Analysen deuten darauf hin, dass sich Al-Isrā …“

„Ihre Männer werden nicht zurückkehren!“, wiederholte der Admiral, während der Rotor des Helikopters unten auf dem Deck Startgeschwindigkeit erreichte. Lennon musterte das Gesicht des Agenten, dessen Lippen einen strengen Strich bildeten. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinab, als er begriff, dass Harper die Männer bewusst in den Tod schickte auf die vage Hoffnung hin, endlich eine konkrete Information über den Standort von Al-Isrā zu erhalten – oder auch nur einen Hauch davon. Es war tatsächlich eine Verzweiflungsaktion.

„Geben Sie jetzt den Start frei!“, sagte Agent Harper. Es klang nicht wie eine Bitte.

Der Verteidigungsminister persönlich hatte Lennon in einem Vieraugengespräch über eine verschlüsselte Verbindung erst gestern klargemacht, dass er diesen Einsatz wünschte. Lennon hatte keine Wahl.

„Startfreigabe“, sagte er seufzend und nickte dem Deckoffizier zu.

Der zog das Mikrofon vor seinen Mund und sagte:

„SCO-L13, Sie haben Starterlaubnis. Viel Glück und auf baldiges Wiedersehen.“

Mit unbewegter Miene beobachtete Agent Harper, wie der Helikopter abhob und schwerfällig Höhe gewann, ehe er die Nase senkte und dann überraschend schnell Geschwindigkeit aufnehmend über das Flugfeld in die Nacht auf das Meer hinaus schwebte. In wenigen Minuten würde er in den Tarnmodus übergehen.

„Auf baldiges Wiedersehen“, wiederholte Colonel Baker an Lennons Seite.

Doch die zwanzig Männer an Bord waren schon so gut wie tot.

 

Bibliografische Daten

Ebook:
ISBN: 978-3-9817388-7-2
verfügbar in den Onlineshops ab dem 7. Mai 2019,
je nach Lesegerät ca. 440 Seiten
Preis 9,99 Euro

 

Print:
ISBN: 978-3-9817388-8-9
Erscheinungstag: 19. September
ca. 440 Seiten
Preis: 16 Euro

Ybersinn Verlag, Offenbach