Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Buchtipp

Johannes Bröckers: Schnauze, Alexa!

10 gute Gründe, nie mehr bei Amazon einzukaufen

(c) Westend Verlag, Frankfurt am Main

Ihre Stimme ist bekannt, nicht nur bei Männern. Die Rede ist von Alexa, der digitalen Sprachassistentin im Shop des Internethändlers Amazon. Doch jetzt regt sich Widerstand gegen die aufdringliche Amazone. Denn am 5. November erscheint im Frankfurter Westend Verlag das Buch „Schnauze, Alexa! 10 gute Gründe, nie mehr bei Amazon einzukaufen“. Es räumt auf mit dummen Sprüchen und vermeintlichen Vorteilsbeschreibungen, die unaufgeklärten Konsumenten so lange eingetrichtert werden, bis sie daran glauben. Und es will zu einem bewussteren Verhalten der Verbraucher beitragen.

Angeblich ist der Einkauf bei Amazon bequem. Wenn man diesen Anspruch am Beispiel des Artikels „Bücher“ misst, sind jedoch erhebliche Zweifel angebracht. Denn der Amazon-Katalog, den man zu Hause im Internet aufrufen kann, entspricht vom Umfang den Online-Verzeichnissen, die auch der stationäre Sortimentsbuchhandel nutzt. Diese sind das „Verzeichnis Lieferbarer Bücher“ mit über einer Million deutschsprachiger Titel, das vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegeben wird, sowie die Angebotslisten der Buchgrossisten KNV, Libri und Umbreit mit jeweils einigen Hunderttausend Artikeln. Die Grossisten beliefern den Buchhandel zumeist innerhalb Tagesfrist; man kann sich seine Bestellung am nächsten Tag im Laden abholen. Und immer mehr Buchhandlungen ermöglichen es ihren Kunden, auf ihren Homepages in zumindest einem der erwähnten Kataloge zu stöbern – und zu bestellen. Die Selbstabholung beim Buchhändler seines Vertrauens ist die ökologische Antwort auf Paketdienste, welche Straßen und Hauseinfahrten blockieren und allzu häufig die Nachbarn dazu nötigen, Pakete für andere anzunehmen. Die Buchläden muten ihren Kunden ebenfalls nicht zu, Verpackungen mitzunehmen, die später die Papiertonnen überquellen lassen. Und das Fernabsatzgesetz verpflichtet auch den Buchhändler vor Ort, per Internet bestellte Artikel bei Nichtgefallen innerhalb der gesetzlichen Frist zurückzunehmen.

Auch Verlage fahren günstiger, wenn sie ihren traditionellen Vertriebsweg, also den Buchhandel, nutzen und ausbauen. Denn diesem können sie einen deutlich geringeren Rabatt einräumen, erhalten ihr Geld schneller und müssen nicht mit Rücksendungen in Palettendimensionen rechnen. Zudem werden ihre Geschäftsideen nicht vom Einzelhandel kopiert (Amazon ist auch als Produzent tätig, der sich der Bestselleritis gern mit geklonten eigenen Titeln anschließt). Die Rückkehr der Verlage zu jenen Prinzipien, die einmal den ehrbaren Kaufleuten nachgesagt wurden, könnte auch dazu führen, dass nicht länger Betriebswirtschaftler die Richtlinien bestimmen (schließlich sind sie nach Marx lediglich die Steigbügelhalter des Kapitalismus, folglich Befehlsempfänger), sondern Persönlichkeiten, die in Lektorat, Produktion und Vertrieb ihre Kompetenzen unter Beweis gestellt haben. Ein lebendiger Buchhandel, der sich Innovationen wieder wirtschaftlich gestatten kann, wäre ein Gegenmittel gegen verödete Innenstädte und Kettenläden.

Die synthetische Alexa empfiehlt nicht nur den Kauf von Büchern, die vorrangig durch ihre Absatzzahlen überzeugen. Sie hört auch genau hin, was in den Privatbereichen geäußert wird und liefert auf diese Weise das Material für weitere Mainstream-Produkte. Was die Kundschaft gern liest oder zu was sie sich mit großem Aufwand animieren lässt, weiß Amazon ohnehin. Denn jede Bestellung und jede Internetrecherche wird festgehalten und analysiert. Und der Käufer kann sich darauf verlassen, dass seine personenbezogenen Daten weiterverkauft werden, genauso wie bei Facebook oder Google. Der Frankfurter Fachautor Johannes Brökers schlägt angesichts dieser Entwicklungen Alarm und ruft „Schnauze, Alexa!“.

Dieser Weckruf könnte für seinen Verleger, den Frankfurter Westend Verlag, ein Risiko darstellen, gar zu negativen wirtschaftlichen Folgen führen, zum Beispiel durch Auslistung aus dem Amazon-Angebot. Allerdings, so schätzt es dessen Geschäftsführer Andreas Horn in einem Gespräch mit dem „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ ein, handele es sich um ein kalkulierbares Risiko.
Denn der Verlag habe sämtliche vorgetragenen Fakten, die zumindest in der Branche längst bekannt seien, noch einmal gegenrecherchiert und habe sie bestätigt gefunden. Im Kern ginge es um die immer größer werdende Marktmacht des Amazon-Konzerns, der mittlerweile wie ein Riesenkrake den nur nominell freien Handel umklammere. Die Zeiten, als Amazon ein großer Internet-Händler unter anderen war, seien vorbei. Und zwischen den Zeilen des im Interview Gesagten wird deutlich:
Es geht nicht mehr allein um die Konkurrenz zum Sortimentsbuchhandel, sondern um die Methoden, mit denen dieser Wettbewerb im Sinn einer Vernichtungsschlacht durchgefochten wird. Und um die unvermeidlichen Folgen einer derartig marktbeherrschenden Stellung. Selbst große Buchhandlungen besitzen nicht die wirtschaftliche Macht, um Verlage finanziell auspressen zu können. Denn unter dem Strich verlangt Amazon Rabatte von deutlich über 50 Prozent des Ladenpreises, was den Bestimmungen des deutschen Buchpreisbindungsgesetzes zuwiderläuft. Zur Politik der maximalen Rendite gehört auch, dass man den Beschäftigten Branchentarifverträge des Groß- und Einzelhandels verweigert, die Bildung von Betriebsräten torpediert und das Prinzip der Steuervermeidung konsequent und EU-weit anwendet.

Im Interview mit dem „Börsenblatt“ bekennt Westend-Verleger Andreas Horn: „Als kleiner Verlag ist man ja gegenüber Amazon ein absoluter Nobody. Diese Situation macht einen dann aber auch wiederum freier, überhaupt zu wagen, Bücher gegen Monopolisten zu verlegen – David gegen Goliath eben. Die Konzernverlage tun sich da schwer, weil sie gleich mit x Millionen Euro ins Risiko gehen.“
Und er verweist darauf, dass der Universalist Amazon mittlerweile Händler, Plattform, Verlag, Medienunternehmen, Filmproduktion, Selfpublishing-Portal, Gebrauchtwarenhandel, Lebensmittel-Filialist und noch mehr sei. Auf dessen Servern läge ein Datenschatz mit detaillierten Persönlichkeitsprofilen von einem großen Teil der Menschheit. Keiner wüsste genau, wie diese Daten analysiert und ausgelesen werden. Alexa sei sogar darauf programmiert worden, an der Stimme der Kunden Krankheiten zu erkennen und dann passende Produkte anzubieten.

Das am 5. November erscheinende Buch ist vorab als kostenlose E-Book angeboten worden; die Resonanz aus Buchhandel und Leserschaft war offensichtlich sehr positiv, wie man auf der Frankfurter Buchmesse erfahren konnte.
 

Klaus Philipp Mertens

 

Bibliografische Daten

Johannes Bröckers
Schnauze, Alexa!

Ich kaufe nicht bei Amazon
96 Seiten. Paperback
Ladenpreis 7,80 Euro
Westend Verlag, Frankfurt am Main
ISBN-13 9783864892516
Erscheint am 5. November 2018