Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Literatur und Kultur

Nicht für die Mächtigen

Der Schriftsteller Josef Reding ist am 10. Januar 2020 gestorben

(c) Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Dortmund

Das Ruhrgebiet trauert um einen seiner bedeutenden Autoren. Aber auch Literaturfreunde anderswo reagieren betroffen, seit sie die Nachricht vom Tod des Dortmunder und Castrop-Rauxeler Schriftstellers Josef Reding erreicht hat. Der war vor allem mit seinen sozialkritischen Kurzgeschichten bekannt geworden. Man nannte ihn wegen seiner „Asphaltgebete“, die 1999 als Buch erschienen, auch den „Asphalt-Literaten“.
 

In der Nacht zum 10. Januar 2020 ist Josef Reding im 91. Lebensjahr gestorben. Der Schriftsteller, der am 20. März 1929 in Castrop-Rauxel geboren wurde und in Dortmund lebte, war seit dem vergangenen Jahr häufiger krank gewesen.
 

Als er 1969 mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis ausgezeichnet wurde, bekannte er: „Ich will die Zustände beim Namen nennen. Nach allem, was ich in Asien, Afrika, Lateinamerika und auch Europa erlebt habe, kann ich nicht mehr glauben, dass diese Welt heil ist. Aber ich glaube daran, dass sie verbesserungsfähig ist.“
 

Wer ihn bei seinen zahlreichen Lesungen erlebt hat, wird sich erinnern an einen außergewöhnlichen Menschen, der bescheiden war, viel Humor besaß, aber sehr ernst wurde, wenn es um Ungerechtigkeiten ging. Denn in seinen Geschichten beschrieb er die Schicksale der Randständigen, der um ihr Leben Betrogenen, der Unterdrückten. Es waren stets kluge und hintergründige Texte, in denen sowohl sein spröder Ruhrgebietscharme anklang als auch die Erfahrungen aus sozialen Brennpunkten im Ausland. Mit ihnen legte er den Finger in die offenen Wunden der Gesellschaft.
 

Das Nazi-Regime zog den 15-Jährigen 1944 zum Volkssturm ein. Deswegen geriert er als Jugendlicher, mit 16, in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Während dieser Zeit las er in Zeitschriften und Taschenbüchern, die ihm die US-Soldaten überließen, amerikanische Kurzgeschichten – und kam davon ein Leben lang nicht mehr los. 1951 machte er das Abitur, war anschließend zwei Jahre Betonarbeiter und studierte ab 1953 in Münster Germanistik, Psychologie, Publizistik, Kunstgeschichte und Anglistik. 1957 setzte er das Studium dank eines Stipendiums für ein Jahr in den USA fort (University of Illinois). Dort wurde er mit der Rassentrennung in den Südstaaten konfrontiert und knüpfte Kontakte zur entstehenden Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther Kind. Seine Eindrücke verarbeitete er – neben den traumatischen Erlebnissen in der NS-Zeit - in dem Buch „Nennt mich nicht Nigger“. Mit ihm gelang ihm 1957 der literarische Durchbruch.
 

Bemerkenswert für die Laufbahn eines Literaten ist der Umstand, dass mehrere seiner frühen Erzählungen in einer Romanheftreihe erschienen sind. Nämlich zwischen 1954 und 1956 in den „Spannenden Geschichten“, verlegt vom Rufer Verlag, einem Unternehmen des Hauses Bertelsmann in Gütersloh.
 

Josef Reding gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern der „Dortmunder Gruppe 61“, die von Fritz Hüser, dem Direktor der Dortmunder Stadtbücherei, initiiert worden war. Bereits 2013 hat er seine Werke als Vorlass dem Dortmunder „Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt“ übergeben.
 

Reding war für sein Werk mehrfach ausgezeichnet worden. 1958 hatte er einen Förderpreis des Landes NRW für junge Künstlerinnen und Künstler erhalten, 1961 ein Stipendium der Villa Massimo, 1969 den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis, 1989 den Literaturpreis Ruhr, 2002 den Comenius Preis.
 

In einem Beitrag für den Sammelband „Die Stunde dazwischen“, der 1981 im Friedrich Reinhardt Verlag, Basel, erschien, antwortete er auf die ihm häufig gestellte Frage, für wen er schreibe, so:
 

„Ich hatte als Kind und Heranwachsender während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland erlebt, wie die Ohnmächtigen den Mächtigen ausgeliefert sind, und ich wusste, dass es falsch wäre, den Mächtigen durch das geschriebene Wort Unterstützung und Lob zu geben. Das galt nicht nur für die Macht, die ich erlebt hatte, und die früh schon ins Verbrecherische umgeschlagen war. Das galt für die Macht schlechthin.“ Und er fuhr fort: „Wer kümmert sich um die Zukurzgekommenen? Wer spricht für den, der für die Öffentlichkeit am Rande, als Hinterherhinkender fungiert? Wer beschreibt die innere Verfassung der Gescheiterten, der Unglücklichen, der Kranken, der Versager?“

 

In einem seiner Gedichte machte er diese Haltung besonders deutlich:

 

Noch schreiben?
Aus dem fremden,
perforierten Himmel
fädelt sich müdes Wasser.
Schreib so nicht!
Schreib: es regnet;
das bekommt der Sprache.
Oder schreib: es regnet,
und der da hat kein Dach;
das bekommt dem,
der kein Dach hat.
Oder:
Schreib nichts mehr,
bau ein Dach!“

 

Klaus Philipp Mertens