Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Literatur und Kultur

Kultur im Zwielicht

Düstere Aussichten für Frankfurts Schauspiel und Oper

Frankfurts Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz (c) MRG

Die Würfel sind gefallen und das Ergebnis kann passionierte Theatergänger nicht zufriedenstellen. Denn die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung und der Magistrat votierten für einen Neubau von Schauspielhaus und Oper. Allerdings ist deren künftiger Standort noch umstritten. Während sich SPD und Grüne für den Verbleib mindestens einer Einheit am Willy-Brandt-Platz aussprechen, favorisiert die CDU ein Gelände im Osthafen, das allerdings noch auf viele Jahre an einen Baustoffhandel verpachtet ist. Und das über keinen Anschluss an den öffentlichen Personennahverkehr verfügt.
 

Die Liegenschaft im Zentrum hingegen soll an Investoren verkauft werden. Wo sich solche üblicherweise ihr Geld beschaffen, lässt sich anhand vieler Mammutprojekte in Großstädten, auch in Frankfurt, nachprüfen. Es stammt nicht selten von Oligarchen aus Osteuropa sowie Scheichs aus Arabien, welche die jeweilige Bevölkerung ausbeuten und ihr Kapital im Westen gewinnbringend investieren. Auch das „gewaschene“ Geld aus Steuerbetrug, Waffenhandel, Rauschgiftgeschäften und Prostitution fließt nach Einschätzung der Strafverfolgungsbehörden regelmäßig in Luxusimmobilien.
 

Basis der getroffenen Entscheidung ist das Gutachten der „Stabsstelle zur Zukunft der Bühnen“. Die „Frankfurter Rundschau“ attestierte dem Leiter der Stabsstelle, dass er „bereits das Megaprojekt der neuen Altstadt zum Erfolg geführt“ habe. Dieses Kompliment kann man auch als zynische Satire verstehen. Glänzt Frankfurts Disneyland doch seit der Eröffnung durch sichtbar gewordene peinliche Bauplanungssünden. Beispielsweise durch fehlende Toilettenanlagen, was die zahlreichen Touristen erheblich verärgert. Die Betreiber der engen Cafés und Restaurants dürfen keine Außenbestuhlung anbieten, weil dadurch Feuerwehrzufahrten versperrt würden. Das wurde ihnen erst durch die Feuerwehr mitgeteilt, nicht aber vorab vom Bauherrn, der Stadt Frankfurt. Und bei der Verlosung der subventionierten Eigentumswohnungen hatten einige Prominente doppeltes Losglück. Kurzum: Die neue Altstadt ist das gemeinsame Produkt von Inkompetenz und Vetternwirtschaft. Und den projektierten Neubauten für Schauspiel und Oper droht vermutlich Ähnliches. Denn wiederum geht es ganz offensichtlich um die Errichtung von Kulissen für den äußeren Schein und die Veräußerung öffentlichen Eigentums an Spekulanten.
 

Der CDU-Sprecher Thomas Dürbeck wünschte sich bereits im Sommer 2017 die künftige Theateranlage als repräsentativen Komplex – am Stadtrand. Der ehemalige Frankfurter Planungsdezernent Martin Wentz (SPD) bekannte offen seinen Hang zur Gigantomanie: Die Investition von 800 Millionen Euro in einen künftigen Theaterbau müsse man diesem auch von außen ansehen können.

Doch wer in solchen Kategorien denkt, offenbart seine Kulturferne und schämt sich noch nicht einmal dafür. Zu den Angeboten auf den Bühnen hingegen – also der eigentlichen Sache – fällt nach wie vor kaum ein Wort. Von den federführenden Vertretern der rot-schwarz-grünen Stadtregierung ist in diesem Punkt erfahrungsgemäß auch nichts zu erwarten. Selbst die Linke spricht sich für einen Neubau aus, wenn auch an alter Stelle. Es scheint so, dass die Kultur parteiübergreifend einen extrem geringen Stellenwert auf der politischen Agenda besitzt.
 

Ein Pflichtenbuch zur Entwicklung des Projekts, das nicht nur bei öffentlichen Aufträgen üblich ist, wurde anscheinend weder von den Stadtverordneten noch vom Magistrat oder dem zuständigen Dezernat erstellt. Darin hätten die unaufgebbaren Rahmenbedingungen stehen müssen: Dass sich der Standort der Bühnen am Willy-Brandt-Platz allein wegen seiner zentralen Lage und der guten Verkehrsanbindung (sechs U-Bahnlinien, zwei Tramlinien) bewährt habe und deswegen daran festgehalten werden müsse. Und dass das äußere, sehr funktionale Erscheinungsbild den Neuanfang in den 1950er Jahren symbolisiere, folglich einen kulturhistorischen Wert besitze und darum zu erhalten sei. Ebenso hätte der finanzielle Rahmen klar benannt sein und in einem gesunden Verhältnis zu anderen kulturellen und sozialen Investitionen stehen müssen. Kenner der Verhältnisse setzen die absolute Obergrenze bei 500 Millionen Euro an. Stattdessen wird eine Alternative zwischen Pest und Cholera präsentiert – oder (um es in der typischen Sprache des Gegenwartstheaters drastisch auszudrücken) zwischen kalter und aufgewärmter Scheiße.
 

Außerdem: Das Votum für einen Neubau der Bühnen passt nicht in eine Zeit, in welcher der vernünftige Umgang mit Ressourcen und folglich die Prinzipien der Nachhaltigkeit größte Priorität genießen müssten. Die Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz erfüllt ihren Zweck, sie muss jedoch umfangreich saniert werden. Der Sanierungsumfang ist deswegen besonders groß, weil man es vor 30 bis 35 Jahren – also drei Jahrzehnte nach ihrer Fertigstellung – versäumte, notwendige Reparaturen durchzuführen. Dennoch dürfen die Fehler von gestern keine Rechtfertigung sein für eine Planung, die den Ausverkauf von Kultur an Banausen und Geldwäscher bedeuten würde.

 

Klaus Philipp Mertens