Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Literatur und Kultur

81. PRO LESEN Themenwoche April 2019

Das alte Jahrhundert

Romanzyklus von Peter Kurzeck

 

„In der Juliusstraße. Wo ist denn die Juliusstraße? Gleich rechts von der Leipziger. An der Ecke ein Supermarkt, ein HL, und direkt daneben grüngekachelt ein Kasten, ein Apartmenthaus… Beim Hauseingang jetzt. Eine ganze Wand Briefkästen. Die meisten offen. Aufgebrochen, die Türen verbogen. Ganz ohne Türen. Und Briefkästen, in denen es gebrannt hat.“

 

Wer das liest, erhält einen Eindruck von dem, was ihn in Peter Kurzecks Romanzyklus „Das alte Jahrhundert“ erwartet. Der Titel des ersten Bands heißt „Übers Eis“, er erschien 1997.
 

Es ist kalt, nass, ungemütlich. Recht unverblümt beschreibt Kurzeck sein eigenes Leben in seiner Wahlheimat Mitte der achtziger Jahre. Da ist Sybille, die ihn verlassen hat, Carina, die gemeinsame Tochter, da ist der chronische Geldmangel und die existentielle Krise, unter der er leidet. Er versucht, wieder mit dem Leben klarzukommen, unternimmt nie enden wollende Spaziergänge durch Frankfurt: Auf Wohnungssuche, auf Jobsuche, mit seiner kleinen Tochter Carina. Wie nebenbei entfaltet Peter Kurzeck dabei in ganz eigenem Stil ein breites Spektrum der westdeutschen Gesellschaft, insbesondere der Frankfurts. Kein Wunder, dass Kurzeck als der Chronist seiner Zeit galt.
 

Wiederholt wird von dem einen Jahr erzählt, in dem die Weichen gestellt wurden, sich selbst stellten. Durch Unterlassen, durch das Sichabfinden. Im Oktober 1983. Carina ist da, die kleine Tochter, die Freundin Sibylle, Pascale und Jürgen, die in Frankreich leben, und all die anderen, die Namenlosen aus dem Frankfurter Westend. Und dann folgen Januar und Februar 1984.
 

Ein Leben im Stillstand, in dem alles schon vergangen und zugleich Gegenwart ist. Da gibt es den Kinderladen und die zu kleine Wohnung unterm Dach. Rückblicke auf Sibylles Aushilfsjob im Verlag und auf den Autor, der seine Stelle im Antiquariat verliert. Und die Freunde, die Auswanderer, die in Südfrankreich ein Lokal betreiben. Der Rest ist Arbeit am Schreibtisch, das tägliche Pensum. Nichts Neues. Nichts passiert. Oder doch? Panik. Es beginnt mit einer Panikattacke. Sie kommt nachts beim Aufwachen und wirkt wie eine Vorahnung: Sibylle wird weggehen und die kleine Familie wird zerfallen. Das ist das Schlüsselerlebnis dieser Rückreise ins eigene Leben.

 

Das alte Jahrhundert
Romanzyklus von Peter Kurzeck

Ausstellung / Büchertisch
23. – 27. April 2019
im Bibliothekszentrum Sachsenhausen

Donnerstagabend-Lesung
mit Publikumsgespräch
am 25. April, 19:00 – 20:30 Uhr:

Mit Peter Kurzeck durch das Frankfurt
der 1980er und 1990er Jahre

Wir lesen Abschnitte aus den Romanen
„Übers Eis“ und „Als Gast“

Eintritt frei